Gibt es einen Gott da draußen, irgendwo vielleicht in den unendlichen Weiten des Universums? Und dann auch noch dergestalt, wie es sich die Gläubigen der christlichen Kirchen (wie auch andere Religionen) vorstellen?

Als eine Art gütiger Übervater, der in seiner unendlichen Liebe den Menschen aus seinem Fleisch und Blut geformt hat, damit er sich die Erde untertan mache? Fragen wie diese beschäftigten Willi Hüll, den Vorsitzenden des Astronomievereins Heidenheim, seit jeher. Und selbstverständlich versucht er, darauf eine Antwort zu finden.

Herr Hüll, Urknall, Gravitationswellen, schwarze Löcher. Die Themen, über die Sie regelmäßig referieren, sind ziemlich komplex. Findet man dafür überhaupt ein Publikum?

Willi Hüll: Richtig, es ist komplex. Meine Zuhörerschaft ist aber auch selten homogen, weshalb es immer eine Herausforderung ist, das Thema so aufzuarbeiten und zu erklären, dass möglichst viele Leute das Wesentliche verstehen. Aber doch, das Publikum ist groß, wir stoßen auf Interesse. „Sind wir allein im Universum?“, „Urknall – Schöpfer ohne Schöpfer?“ oder jetzt in der Weihnachtszeit „Stern von Bethlehem“ sind oft gewünschte Themen.

Wieso eigentlich?

Weil die Astronomie eine unglaublich große Bandbreite unterschiedlicher Themen bietet. Mitglieder des Astronomievereins referieren dann im Rahmen einer jährlichen Vortragsreihe in der Volkshochschule, ich selbst aber auch bei weiteren Einrichtungen. Das geht los mit einem Überblick über Planeten, Nebel, Sternhaufen und Galaxien bis hin zu Supernovae und eben schwarzen Löchern.

Warum diese Themen? Sind das besondere Steckenpferde?

Der Vortrag über Asteroiden wird in Steinheim oder in Nördlingen gewünscht, weil die Thematik im wahrsten Wortsinn naheliegend ist. Das Thema „Stern von Bethlehem“ ist vor allem in der Vorweihnachtszeit bei Betriebs- und Vereinsfeiern gefragt. Ich habe gar keine besonderen Vorlieben, weil ich vieles spannend finde. Die unglaublichen Entfernungen, die ungeheuerliche Anzahl an Sonnen und noch mehr Planeten im gesamten Universum, Riesensonnen, Gravitationswellen, schwarze Löcher: All das zeigt doch, wie bedeutungslos wir auf dem Staubkorn Erde am Rande einer riesigen Galaxie sind.

Was glauben Sie, fasziniert die Menschen an diesen Themen?

Ich möchte dazu Immanuel Kant zitieren: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Jeder Mensch – unabhängig von Bildung und anderen Interessen – ist für diese Themen zugänglich. Jeder stellt sich regelmäßig die Frage, woher wir kommen, was der Sinn des Lebens ist, und wohin es uns führt.

Wie beantworten Sie für sich diese Frage?

Ich weiß es genauso wenig wie alle anderen. Ich würde aber jedem Atheisten widersprechen, der die Materie als das einzig Existierende annimmt. Ich denke zum Beispiel nicht, dass die Materie im Laufe der Erdgeschichte das Bewusstsein mit seinen nichtmateriellen Begleiterscheinungen wie Freude, Liebe, Leid, Hoffnung durch Mutation und natürliche Selektion hervorgebracht hat. Wenn ich weit entfernt von den Lichtern der Stadt irgendwo allein auf weiter Flur den nächtlichen Sternenhimmel betrachte, drängt sich mir förmlich der Gedanke auf, dass sich hinter der gesamten Schöpfung eine Idee, eine Absicht, ja ein Zweck verbirgt.

Im Anschluss an Ihre Vorträge wird auch ausgiebig diskutiert. Worüber?

Das hängt in erster Linie davon ab, welchen Bildungsstand oder welches Wissen die Zuhörer besitzen. In der Astronomie bewanderte Menschen stellen oft Fachfragen. Viele Leute stellen oft die Frage, wie die unvorstellbaren Fakten mit ihrer Lebensphilosophie oder Religion vereinbar sind.

Und was antworten Sie darauf?

Da muss ich ein bisschen ausführlicher werden. Bis vor hundert Jahren gingen Naturwissenschaftler davon aus, dass das Universum statisch ist. Raum, Zeit und Materie hätten somit schon immer existiert. Neue Messungen und Beobachtungen brachten die Erkenntnis hervor, dass das Universum vor etwa 14 Milliarden Jahren geboren wurde. Wenn nun in der Bibel nichts über Quantenfluktuationen oder die Inflationstheorie steht, so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass das Universum durch einen Schöpfungsakt entstanden ist. Also hat hier schon mal die Wissenschaft etwas von der Bibel gelernt. Sind Sie ein gläubiger Mensch? Ja, ich bezeichne mich als sehr gläubigen Menschen.

Und wie stehen Sie zur Religion?

Ich persönlich hole die Informationen, die mich interessieren, aus wissenschaftlichen Büchern. In der Kirche, während dem Gottesdienst, sehe ich, was der Glaube den Gläubigen gibt, wie sie ihr Leben danach ausrichten, wie sie darin aufgehen. Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube seinen Zweck erfüllt. In Gerstetten sitzen Sie sonntags oft an der Orgel, an Weihnachten gestalten Sie Gottesdienste mit. Und Sie sind Wissenschaftler. Also: Gibt es da draußen einen Gott? Wenn Sie eine klare Antwort wollen: Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Auch nicht die Religionen, die ihre Lehren auf die Existenz eines göttlichen Wesens aufbauen, nicht die Atheisten, die von seiner Nichtexistenz überzeugt sind, und vor allem nicht die Wissenschaft. Seit Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ alle bis dahin geltende Gottesbeweise „zermalmt“ hat, wissen wir, dass ein wissenschaftlicher Gottesbeweis nicht möglich ist. Was die wenigsten Gläubigen wissen: Kant hat damit den Religionen sogar einen Dienst erwiesen.

Das müssen Sie jetzt mal erklären.

Kant hat betont, dass jeglicher Gottesbeweis – und damit meint er einen wissenschaftlichen Gottesbeweis – unmöglich ist. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass es unmöglich ist, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Wenn man Gott beweisen könnte, wäre er Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Somit wären Wissenschaftler im Vorteil und Religionen könnten einpacken. Worauf stützen Sie ihre These, dass es unmöglich ist, Gott zu beweisen? Das wird wieder etwas ausführlicher: Wenn wir von Wissenschaft reden, meinen wir immer unsere Wissenschaft. Diese ist von unseren Sinnesorganen und unserem Erkenntnisapparat abhängig, somit haben wir selbst sie gemacht. Da unsere fünf Sinne nur ganz bestimmte Eindrücke vermitteln und der Erkenntnisapparat des Menschen nur drei Dimensionen begreifen kann, können wir nicht über das, was das Gehirn zusammenbastelt, hinausdenken. Wir sollten nicht glauben, dass unsere Vorstellung die Wirklichkeit darstellt. Allein die Fragen, wo das Universum aufhört bzw. was vor dem Urknall war, sind von Beginn an falsch gestellt. Da mit dem Urknall nicht nur die Materie, sondern auch Raum und Zeit entstanden sind, werden solche Fragen unsinnig. Wir müssen die Existenz anderer Dimensionen voraussetzen, ohne sie begreifen zu können. Wissenschaftliche Lehre und damit unsere Vorstellung von der Wirklichkeit hat immer eine bestimmte Laufzeit. Irgendwann treten immer mehr Widersprüche auf und die bestehende Lehre wird durch eine ganz andere ersetzt.

Gibt es dann eigentlich auch Berührungspunkte, bei denen Glaube und Wissenschaft sich einig sind?

Ich denke schon, ja. Ich habe zuvor den Urknall und den Schöpfungsakt im Alten Testament erwähnt. Es gibt noch weitere Beispiele: Gott wird immer wieder mit dem Licht in Verbindung gebracht. Etwa wenn in einem bekannten Zitat Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Wenn man das Licht wissenschaftlich betrachtet, tun sich bemerkenswerte Widersprüche auf. Auch nach jahrhundertelanger Forschung gibt es keine einheitliche Theorie darüber, was Licht tatsächlich ist. Eine elektromagnetische Schwingung, also eine Welle mit exakt messbaren Wellenlängen? Oder besteht es aus Teilchen, die der Quantenphysiker Photonen nennt? Jede Theorie ist auf ihre Art schlüssig. Licht kann aber nicht beides gleichzeitig sein. Albert Einstein hat vor hundert Jahren in seiner speziellen Relativitätstheorie gezeigt, dass der Raum umso stärker schrumpft, je schneller man unterwegs ist. Könnten wir mit einer Rakete die Lichtgeschwindigkeit erreichen – was praktisch nicht möglich ist, weil uns die Formel e=m*c2 einen Strich durch die Rechnung macht – würde der Raum zu null schrumpfen. Da sich Licht jedoch per Definition mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, kann es in unserem dreidimensionalen Universum nicht stattfinden. Wir nehmen es nur wahr. Wir müssen also um uns herum einen Hyperraum mit anderen Dimensionen annehmen, in dem Dinge passieren, von denen wir keine Ahnung haben. Wenn jemand diesen Hyperraum „Himmel“ oder „Reich Gottes“ nennt, kann man ihm nicht widersprechen.

Gleiches Thema, andere Frage: Warum sind viele Erfinder, Wissenschaftler und Philosophen Atheisten?

Es ist in der Tat auffällig, dass viele Wissenschaftler und Nobelpreisträger mit einem Herrgott nicht viel anfangen können. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass diese Einstellung bereits in der DNA dieser Personen einprogrammiert und somit unveränderbar ist. Dass führende Wissenschaftler Atheisten sind, lässt sich aus meiner Sicht ganz einfach erklären: Sie geben sich nie damit zufrieden, dass eine unbegreifliche Sache mit einem übernatürlichen Gott zu erklären ist, sondern suchen nach einer Erklärung, die Gott entbehrlich macht. Wenn ein Wissenschaftler nicht mehr weiterweiß und mit Gott argumentiert, hat er kapituliert.

Wird eigentlich im Heidenheimer Astronomieverein auch über den Glauben diskutiert?

Wir haben regelmäßig unsere Diskussionsabende und streifen auch solche Themen. In unserem Verein treffen allerdings auch in erster Linie die typischen Wissenschaftler aufeinander, die sich weniger mit spekulativer Philosophie oder Religion, sondern eher mit praktischen Aspekten der Teleskop-Hardware oder Astro-Fotografie beschäftigen. Darunter befinden sich Fachleute, die sich mit der Teleskop-Technik besser auskennen als ich. Unter diesen Fachleuten befinden sich selbstverständlich auch praktizierende Christen, die das eine vom anderen gut zu trennen wissen.

Abschlussfrage, passend zum Weihnachtsfest: Hat es den Stern von Bethlehem gegeben?

Die Wissenschaft hat für dieses Phänomen verschiedene Erklärungsversuche. Laut Matthäus-Evangelium könnte der Stern eine Supernova, eine implodierende Riesensonne in den Fernen des Universums, gewesen sein, die tagelang fast so hell wie der Vollmond geleuchtet hat. Es könnte auch ein Komet mit Schweif gewesen sein, der einige Wochen am nächtlichen Himmel zu sehen war. Hochinteressant ist eine äußerst seltene Himmelskonstellation, die sich nachweislich vor 2000 Jahren ereignet hat. Die beiden Riesenplaneten Jupiter und Saturn sind damals dreimal sehr eng beieinander gestanden und haben sich fast überdeckt. Die gefühlte Helligkeit in der dunklen Wüste war um ein Vielfaches größer als die Helligkeit jedes einzelnen Planeten. Diese sogenannte Konjunktion fand dreimal hintereinander statt, bei der der neue Stern immer wieder zum Stehen kam und dann zweimal rückläufig war. Und da Jupiter als Stern der Könige gilt und Saturn den Stern Israels darstellt, könnte ein Mystiker auch hier eine Verbindung zur Bibelgeschichte knüpfen.