Heidenheim / Julia Lehmann 600 Kilometer von der Heimatredaktion entfernt erkundet Tauschreporterin Julia Lehmann aus Berlin die Stadt Heidenheim und findet etliche Parallelen.

Auf einmal stehe ich in vor dem Bahnhofsgebäude in Heidenheim. Es ist bereits dunkel und ziemlich ruhig. Heidenheim? Wo ist das denn? Vor meiner Anreise musste ich es erst mal googlen. Auf den Reportertausch, angeregt durch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, zu Hause angesprochen, musste ich den Namen mehrfach wiederholen.

Das dürfte den meisten Heidenheimern mit Eberswalde nicht anders gehen. Die brandenburgische Stadt, nordöstlich von Berlin, ist der Sitz meiner Redaktion bei der Märkischen Oderzeitung. Eine ländliche Region, Eberswalde hat etwas mehr als 41 000 Einwohner. Anfangs fühlte ich mich dort wie eine Touristin, bin ich selbst doch in Berlin zuhause.

Unterwegs in Heidenheim als Touristin

Mein erster Auftrag für die HZ lehnt an diesen Blick auf das Unbekannte an. Ich darf mich wie eine Touristin durch die Stadt bewegen. Das fällt mir nicht schwer. Ich kenne mich nicht aus, stehe dementsprechend oft urplötzlich im Weg herum, zücke mein Handy für ein Foto oder muss nach dem Weg fragen. Aber Heidenheim ist mir schnell vertraut; sich die wichtigsten Wege zu merken, ist nicht schwer. Heidenheim, so stelle ich an Tag eins bereits fest, hat die eine oder andere Parallele zu Eberswalde.

Ich will aber nicht planlos durch die Straßen streifen und erkundige mich in der Tourist-Info nach dem, was die Stadt sehenswert macht. Auf dem Weg dorthin fallen mir die leerstehenden Gewerbeflächen in der Fußgängerzone auf. Ein Problem, das Eberswalde in Zeiten des Internets auch kennt. Aber: Man bekommt trotzdem alles. Einkaufsmöglichkeiten gibt es in Heidenheim genügend. Klarer Vorteil gegenüber der brandenburgischen Waldstadt.

Wohin in Heidenheim?

Zwei Mitarbeiterinnen der Tourist-Info nehmen sich meiner an und überschütten mich mit Info-Material. Aber sie tun das äußerst freundlich. In Berlin (und auch in Eberswalde) wird manchmal ein etwas rauer Ton angeschlagen. Das ist kein Vorurteil, sondern wahr. Bei fast vier Millionen Menschen – darunter ja bekanntermaßen auch jede Menge Schwaben   trifft man aber auch genug freundliche und hilfsbereite Menschen. Versprochen.

Zu allem, was Heidenheim zu bieten hat, gibt es eine schicke Broschüre, die die Mitarbeiterinnen der Tourist-Info vor mir auftürmen. Sie berichten mir von der Knöpfleswäscherin, der man vor der Tür in der Fußgängerzone ein Denkmal geschaffen hat.

Mir gefällt die Geschichte der in der Brenz saubergewaschenen Teigspeise. Auch Eberswalde hat eine, mit der gern geworben wird: den Spritzkuchen. Der Konditor Gustav Louis Zietemann bot ihn 1842 erstmals Reisenden am Bahnhof an. Sein Denkmal steht deshalb in der Bahnhofshalle.

Rund 300 Führungen gibt es im Jahr

Die Mitarbeiterinnen erzählen mir von den vielfältigen Stadtführungen, die es gibt. Etwa 7000 Personen würden die gut 300 Führungen im Jahr wahrnehmen, sagen sie. Im vergangenen Jahr konnte Heidenheim mehr als 59 400 Übernachtungsgäste begrüßen. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Zahlen aber etwas eingebrochen.

Von dem gepiercten Rathaus habe ich im Vorfeld gelesen. Das muss ich sehen. Gespannt lege ich den Kopf in den Nacken und betrachte das silberfarbene Riesenpiercing, das fast ganz oben angebracht worden ist. Ich stelle mir vor, wie dem alten Gebäudeteil des Eberswalder Rathauses, ein barockes Bürgerhaus aus dem Jahr 1775, ein solches Piercing unter das Stadtwappen gestochen wird und muss schmunzeln. Allein durch seine erhöhte Position und das geschichtsträchtige Aussehen zieht das Schloss Hellenstein magisch an.

Nach einem kurzen Abstecher durch die Webersiedlung nutze ich den schmalen Weg hinauf zum Schloss. Derzeit laufen dort die Vorbereitungen für die Opernfestspiele. Neben den Ausstellungen im Inneren lohnt sich der Aufstieg wegen der Aussicht: Wetterbedingt liegt in diesen Tagen zwar ein grauer Wolkenschleier über Heidenheim, Regen ist bislang mein ständiger Begleiter. Aber die Kollegen in der Redaktion schwören, dass es mit Sonne viel, viel schöner sei. Ich glaube ihnen. Bringt Heidenheim doch alles mit, was man zum Wohlfühlen braucht.

Beliebt bei Wandertouristen

62 Prozent von Heidenheim seien Grünflächen, berichten die beiden Damen in der Tourist-Info. Kein Wunder, dass der Ort und seine nähere Umgebung bei Radfahrern und Wanderern beliebt ist. Aus Zeitgründen muss ich darauf verzichten, die 55 Kilometer an der Brenz entlang von ihrem Ursprung in Königsbronn bis zur Donaumündung mit dem Rad zu erkunden.

Wohin mich der Ausblick vom Schloss aber zieht, ist zur gegenüberliegenden Totenbergkapelle und in den Brenzpark. Letzterer ist mit einem Euro für wenig Geld zu besuchen. Dort mischt sich das Rauschen der Autos mit Musik vom am Nordende aufgebauten Rummel mit den gelächterartigen Lauten der Frösche in einem Teich.

Was in Heidenheim der Brenzpark ist, ist in Eberswalde der Familiengarten. Beide waren Austragungsort der Landesgartenschau. Die Duale Hochschule ist in Eberswalde die Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Beide bringen junge Menschen in die Stadt. Das Naturtheater könnte dem Eberswalder Kanaltheater entsprechen. Irgendwie ähnlich und trotzdem anders.

Doch wo sind die Ausgehnmöglichkeiten?

Was weder Eberswalde noch Heidenheim wirklich zu bieten haben, sind Ausgehmöglichkeiten. Die Mitarbeiterinnen der Tourist-Info lachen bei dieser Frage. „Schwierig“, antwortet eine von ihnen. Cafés und vereinzelte Bars gäbe es. Einen von ihnen sagt: Clubs gäbe es keine mehr. Dafür Kulturprogramm in Form von Kunstausstellungen oder Konzerten, im Sommer warten Feste und Märkte.

Zurück in der Redaktion bin ich fußlahm. Das kleine Heidenheim lässt sich gut zu Fuß erobern, unterschätzen sollte man es trotzdem nicht. Sich zu verlaufen ist fast unmöglich. Irgendein Gebäude das einem die eigene Position verrät, ist immer in Sichtweite. Ich fühle mich heimisch. Der Charme der Kleinstadt, er zeigt Wirkung.