Gut Ding will Weile haben. Schenkt man diesem Sinnspruch Glauben, dann war es die richtige Entscheidung des Gemeinderats, vor Monaten von der Stadtverwaltung eine Alternative zur ursprünglichen Planung für einen neuen Fußgängersteg beim Schnaitheimer Bahnhof einzufordern.

Die zunächst ins Auge gefasste Variante hätte – wie berichtet – zwar den Anforderungen an eine komplette Barrierefreiheit genügt. Allerdings hätte sich aufgrund der maximal zulässigen Steigung von sechs Prozent eine Gesamtlänge von 320 Metern ergeben. Zum Vergleich: Der alte Steg brachte es auf lediglich 128 Meter. Die Kosten hätten rund 1,5 Millionen Euro betragen, nachdem anfänglich eine Million vorgesehen gewesen war.

Keine Gegenstimmen

Mit ihrer Zustimmung signalisierten die Stadträte am Donnerstag, dass sie hinter den überarbeiteten Plänen stehen können und wollen. Auch wenn der Steg jetzt zwar kürzer und günstiger wird, aber nicht komplett barrierefrei.

Gerhard Horlacher, im Rathaus Leiter des Fachbereichs Bauen, skizzierte die Rahmendaten: Der Zugang erfolgt beidseits über zwei jeweils 30 Meter lange, stufenfreie und durch ein Podest verbundene Rampen. Das Gefälle beträgt zehn Prozent, bei der alten Konstruktion war es mit 18 Prozent fast das Doppelte. Die Gesamtlänge beträgt rund 150 Meter. „Das ist eine akzeptable Strecke“, so Horlacher, „die die Menschen wohl auch annehmen werden.“

Er entkräftete von Claus Behrendt (Grüne) vorgebrachte Bedenken, der Aufbau des neuen Überwegs könnte sich wegen des Bahnverkehrs schwierig gestalten. „Es wird einen hohen Vorfertigungsgrad für den Steg geben“, sagte Horlacher. Innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters könne dieser deshalb nachts auf seine Fundamente gehoben und montiert werden.

Lob von allen Seiten

Zustimmende Äußerungen waren von allen Seiten zu vernehmen. So bezeichnete es Petra Saretz (CDU) als gut, dass sich alle Beteiligten die Sache nochmals in Ruhe überlegt hätten. Gar „begeistert“ zeigte sich Susanne Dandl (SPD). Die Schnaitheimer könnten mit der jetzt gefundenen Lösung gut leben.

Oberbürgermeister Bernhard Ilg hielt vor diesem Hintergrund nicht hinterm Berg mit seiner Kritik an Leserbriefschreibern, die der Verwaltung erst jüngst Unfähigkeit vorgeworfen hätten.

Guter Kompromiss

Von einem „guten Kompromiss“ sprach unterdessen Ralf Willuth (Freie Wähler). Bei der Urteilsfindung habe maßgeblich die Einschätzung seines Fraktionskollegen Dr. Oliver Potzel geholfen, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Ihn und zwei weitere direkt Betroffene hatte auch Iris Mack, die Behindertenbeauftragte des Landkreises, im Vorfeld ihrer Stellungnahme bei einem Vor-Ort-Termin um eine Bewertung gebeten. Ergebnis: „Ich kann mit der nicht ganz barrierefreien Variante leben“, sagte sie auf Anfrage, „weil mir die Rollstuhlfahrer übereinstimmend versichert haben, dass auch eine sechsprozentige Neigung einen sportlichen Kraftakt verlangt, und sie deshalb lieber ebenerdig außenrum fahren.“

Erwartungen formuliert

Allerdings verknüpfte Mack ihre Zustimmung mit der Bitte, bei den Rampen auf Stufen zu verzichten, damit sie auch mit Rollatoren und Kinderwagen benutzt werden können. Außerdem sollten die Geländer mit taktilen, also zu ertastenden Orientierungshilfen versehen werden. Und schließlich machte sie sich für den Ausbau des Gehwegs entlang der Straße Am Jagdschlössle stark.

Nach dem langen Entscheidungsprozess tut jetzt zügiges Handeln not, womit abermals das Genehmigungsverfahren ins Spiel kommt. Denn Tag für Tag spielen sich beim Bahnhof Szenen ab, die einem die Haare zu Berge stehen lassen: Passanten überqueren direkt beim Gebäude die Gleise.

Warten auf Genehmigung

Wie sieht der weitere Ablauf konkret aus? Mit dem jetzt gefassten Baubeschluss wurde der bereits zwei Jahre alte für die Langversion des Stegs aufgehoben. Hinfällig ist damit auch die Genehmigung durch das Eisenbahnbundesamt. Dessen Zustimmung muss erneut eingeholt werden, ehe die Ausschreibung der Arbeiten erfolgen kann. Horlacher zeigte sich aber zuversichtlich, nicht mehr das gesamte Verfahren durchlaufen zu müssen.

Künftig Abfahrt an Gleis 1


Gute Kunde für viele Bahnfahrer: Ab dem Fahrplanwechsel am kommenden Montag halten alle Züge in Schnaitheim an Gleis 1. Künftig müssen also zum Ein- bzw. nach dem Ausstieg die aus Richtung Ortsmitte kommenden Kunden nicht mehr über die Schienen zu wechseln. Bereits gestern wurde der Fahrkartenschalter zum Bahnhofsgebäude verlegt. bren