Deutlich mehr Menschen sollen sich dieses Jahr gegen Grippe impfen lassen. So lautet die Empfehlung nicht nur des Heidenheimer Gesundheitsamtes, sondern auch des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn. Ihre Argumentation in Kürze: Das Gesundheitssystem solle mit Blick auf die grassierende Corona-Pandemie entlastet werden, indem weniger Menschen an Grippe erkranken.

Der Aufruf findet Gehör. Doch so einfach ist das nicht mit dem Impfen. Denn in fast allen Arztpraxen und Apotheken wird der Influenza-Impfstoff rar. Einige Praxen haben noch gar keine Lieferung bekommen, obwohl die Impfsaison eigentlich im Oktober anläuft. Apotheken hoffen auf eine zweite Lieferung. Ob die kommt, kann niemand garantieren.

Der Impfstoff muss schon im Frühjahr bestellt werden

„Die Herstellung von Impfstoff kann nicht so einfach hochgefahren werden“, sagt Dr. Jörg Sandfort, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Er rät zur Nachfrage bei Apothekerin Caroline Ausbüttel von der Karl-Olga-Apotheke, die das aufwendige Prozedere erklärt:

Die Ärzte überlegen im Frühjahr, wie viele Impfdosen sie voraussichtlich brauchen, und melden den Bedarf bei der Apotheken. Die Impfstoffhersteller produzieren daraufhin den Impfstoff, was rund vier bis fünf Monate dauert. Der Impfstoff müsse wegen der sich wandelnden Grippeviren jedes Jahr frisch hergestellt werden und habe jeweils eine andere Zusammensetzung.

Aus den bisherigen Impfmuffeln werden Impfwillige

Dass der Impfstoff dieses Jahr knapp wird, davon geht Sandfort aus. Denn die Bereitschaft zum Impfen sei deutlich höher als sonst. Viele ließen sich zum ersten Mal gegen Grippe impfen, auch jüngere Menschen. Dabei empfiehlt die Stiko im Gegensatz zum Gesundheitsamt nur die Impfung für ältere Menschen, Pflegepersonal und chronisch Kranke.

„Ich bin als Arzt nicht der Regulatur. In Baden-Württtemberg hat jeder das Recht, sich impfen zu lassen“, erklärt Sandfort das Dilemma. Er kläre auf, doch wer sich impfen lassen wolle, der werde geimpft  – soweit es Impfstoff gibt. Zu ihm seien schon Patienten von auswärts gekommen, weil ihr Hausarzt keinen Impfstoff mehr vorrätig habe.

Erstmalig gab es einen extra Impftag

Auf den großen Ansturm von Impfwilligen mit einer besonderen Maßnahme reagiert hat man in der Gerstetter Arztpraxis von Dr. Hansjörg Gunsilius. Dort gab es am zweiten Oktober-Samstag eine extra anberaumte Impf-Aktion, um die reguläre Sprechstunde zu entlasten. Laut Angaben einer medizinischen Fachangestellten hätten sich innerhalb von drei Stunden 327 Patienten gegen Grippe impfen lassen.

Doch die Nachfrage reißt nicht ab: Mittlerweile seien schon wieder mehr als 130 Patienten auf der Warteliste. Sie hoffe, so die Praxismitarbeiterin, dass weitere Impfdosen nachgeliefert werden. Denn obwohl in diesem Jahr mehr geordert wurde als in anderen Jahren, sei nicht die komplette Bestellung geliefert worden.

Kein Impfstoff: Warum das kein Grund zur Sorge ist

Gar keinen Impfstoff angekommen ist bis jetzt in der Praxis des Heidenheimer Arztes Gert-Michael Gmelin. Wobei er einräumt, dass er es durchaus versäumt haben könnte, im Frühjahr den Impfstoff zu ordern. Doch in anderen Jahren sei dies kein Problem gewesen. Die Hersteller hätten immer Impfstoff parat gehabt.

Doch diesmal ist das anders: „Keine Apotheke kann uns derzeit Impfstoff liefern“, sagt Gmelin, der jedoch zur Gelassenheit rät: „Gesunde Menschen brauchen keine Grippeimpfung“, sagt er. Er kläre die Patienten auf, für wen die Impfung sinnvoll sei. Überhaupt sei es für die Grippeimpfung im Moment noch nicht zu spät. Im Gegenteil: Damit der Schutz zur saisonalen Grippewelle aktiv sei, sei es ratsam, erst Ende Oktober oder Anfang November zu impfen.

So sieht die Situation in den Apotheken aus

Auch in den Apotheken herrscht Impfstoff-Notstand. Vor zwölf Wochen seien gerade mal zehn Dosen angekommen, seitdem warte man auf die eigentliche Lieferung, sagt eine Mitarbeiterin der Heidenheimer Sonnen-Apotheke. Die Folge: Auch die Arztpraxen, die von dort aus beliefert werden, sind unversorgt. Woran das liegt? Der Großhandel warte darauf, dass weitere Impfdosen freigegeben werden, so die Apothekenmitarbeiterin.

Impfempfehlung führte zu Ansturm

Das Wort „dramatisch“ verwendet Apotheker Dr. Christian Gubitz von der Heidenheimer Schloss-Apotheke, um die Versorgungssituation im Landkreis zu beschreiben. „Im Moment ist der Impfstoff nicht lieferbar. Und wir wissen auch nicht, wann er kommt.“ Auch er hat weniger bekommen als bestellt. Die Impfempfehlung habe einen regelrechten Ansturm ausgelöst. „Und wenn etwas knapp wird, dann wollen es alle haben.“

Im vorigen Jahr war das noch ganz anders, nicht nur er musste Impfdosen entsorgen, weil niemand sie haben wollte. Auch in der Karl-Olga-Apotheke berichtet Dr. Caroline Ausbüttel von einem Überschuss im vorigen Jahr. Und dieses Jahr? „Obwohl wir voriges Jahr Impfstoff entsorgen mussten, haben wir dieses Jahr im Frühjahr mehr bestellt. Es hätte aber noch mehr sein können.“

Auch anderer Impfstoff ist nicht lieferbar

Die Knappheit betrifft laut Sandfort nicht nur den Grippeimpfstoff, sondern auch die Pneumokokkenimpfung, die im Frühjahr für über 60-Jährigen empfohlen wurde. Diese Bakterien können zum Beispiel eine Lungenentzündung hervorrufen. Der Impfstoff könne jedoch nicht geliefert werden.

Gesundheitsamt rudert zurück


Ende September hatte das Gesundheitsamt im Landkreis Heidenheim eine Grippeimpfung für alle empfohlen. Doch nun rudert man dort teils zurück. „Bei einem Mangel an Impfstoff könnte es sinnvoll sein, in erster Linie an vulnerable Personen zu denken“, teilt eine Sprecherin des Landratsamts im Auftrag des Gesundheitsamts mit. Vulnerabel heißt so viel wie verletzlich.

Vom Impfstoff-Engpass ist das Gesundheitsamt selbst betroffen, denn auch dort ist nach eigenen Angaben die Bestellung nur teilweise bedient worden.