Heidenheim / Manuela Wolf Nach mehreren Hörstürzen machte sich um Ingrid Wilhelm Stille breit. Sie ließ sich ein Implantat einsetzen, mit dem sie nun wieder hören kann.

Ingrid Wilhelm liest ihren Enkelkindern unheimlich gerne Geschichten vor. Dass das überhaupt möglich ist, hat sie modernster Technik zu verdanken. Seit 13 Jahren trägt die Heidenheimerin ein Cochlea-Implantat, kurz CI. Es umgeht den Defekt in der Hörschnecke mithilfe von elektrischen Signalen und mechanischen Schwingungen oder Stimulationsstrom.

Die 59-Jährige kann sich nahezu problemlos unterhalten, kann telefonieren, kann fernsehen. Dass sie dennoch mit Einschränkungen leben muss, nimmt sie gelassen hin. „Wäre ich für immer taub geblieben, hätte ich wohl den Kontakt zur Welt verloren und mich abgekapselt.“ Die Rentnerin leitet eine CI-Selbsthilfegruppe für Betroffene und Interessierte in Ulm.

Frau Wilhelm, können Sie sich an Ihren ersten Hörsturz erinnern?

Ingrid Wilhelm: Es war 1990. Der Druck im Kopf ist vergleichbar mit einer Nebenhöhlen-Entzündung, dazu Drehschwindel. Ein paar Tage zuvor hatte ich die Nachricht erhalten, dass mein vierjährige Tochter an Leukämie erkrankt ist. Ich war schwanger mit dem dritten Kind. Es war eine stressige Zeit.

Haben Sie damit gerechnet, dass Sie irgendwann taub werden würden?

Mein HNO-Arzt hat irgendwann festgestellt, dass ich an Morbus Menière leide. Diese Erkrankung des Innenohrs führt dazu, dass man mit der Zeit immer schlechter und irgendwann gar nichts mehr hört. Als es dann soweit war, hat mich das trotzdem überrascht. Eines Morgens bin ich aufgewacht und dachte, es liegt an den Hörgeräten. Ich habe die Batterien gewechselt, die Lautstärke hochgedreht. Nichts.

Es hat vier Monate gedauert, bis Ihnen an der HNO-Uniklinik in Ulm ein Implantat eingesetzt wurde. Wie haben sie diese Zeit in Erinnerung?

Jeder findet in solchen Situationen seinen Notbehelf. Ich hatte immer Zettel dabei, die Kommunikation lief übers Schreiben und Lesen. Im Supermarkt habe ich schon beim Einkaufen mitgerechnet, was es ungefähr kosten würde oder mich so hingestellt, dass ich auf das Display der Kasse sehen konnte. Mit meinen Kindern war vereinbart, dass sie kurz das Licht ein- und ausschalten, wenn sie einen Raum betreten. Am Anfang war das jedes Mal ein Schreck, wenn sie plötzlich hinter mir gestanden sind.

Hatten Sie Angst vor der Operation?

Ich hatte eher Bedenken, ob ich mit dem Ergebnis zufrieden sein würde. Es hieß, dass mit einem CI alles wie Mickey Maus klingt. So blechern. In der Ambulanz der HNO-Uniklinik in Ulm habe ich zufällig eine Frau gesehen, die so ein Implantat trug. Sie sagte, dass sie ganz normal hört. Da waren meine Zweifel vom Tisch.

Hätten sich Ihre Zweifel nicht zerstreut, hätten Sie sich für ein Leben in der Stille entschieden?

Nicht gut hören können engt den Kontakt zur Welt sehr ein. Ich war nie viel weg, weil ich ja eh nicht viel verstanden habe. Unterhaltungen waren nur ohne Nebengeräusche und auf eine geringe Distanz möglich, telefonieren ging gar nicht mehr. Menschen, die ertaubt sind, kapseln sich notgedrungen ganz ab. Sie ziehen sich zurück und leben in der Isolation. Das wollte ich natürlich nicht.

Sie leiten seit 2009 eine CI-Selbsthilfegruppe für Betroffene und Interessierte in Ulm. Was beschäftigt die Menschen, die die Gruppe besuchen?

Wir treffen uns im Februar, Mai, August und November jeweils am ersten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr in der HNO-Uniklinik Ulm. Für alle, die im Moment noch ohne Implantat zurechtkommen, ist es beruhigend zu wissen: Es gibt noch etwas für die Zeit nach dem besten Hörgerät.

Für welche Menschen eignet sich ein Cochlea-Implantat?

Voraussetzung ist, dass der Hörnerv funktioniert. Und dass man bereit ist, dranzubleiben, zu üben. Reha, Logopädie, immer wieder werden in der Klinik die Grundeinstellungen überprüft.

Kann man hören verlernen?

Es ist tatsächlich so, dass der Hörnerv aus der Übung kommt, wenn man ihn lange nicht benutzt. Deshalb ist es wichtig, dass nicht allzu viel Zeit zwischen der Ertaubung und dem Einsetzen des Implantats vergeht. Ich rate dazu, das Gehör rechtzeitig überprüfen zu lassen. Ist beispielsweise noch Restgehör vorhanden, kann das mithilfe spezieller Elektroden erhalten werden.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Erkrankung? Ein gebrochenes Bein sieht man, ein kaputtes Ohr natürlich nicht.

Wenn ich sehe, dass mich jemand anspricht, sage ich, dass ich taub bin und sie nicht verstehen kann. Bestimmt sehe ich das aber oft auch nicht und die Leute denken, was für eine eingebildete Kuh, die redet wohl nicht mit jedem. Manchmal kommen auch Kommentare wie: Du hast doch jetzt ein Implantat, warum hast Du das jetzt nicht verstanden?

Leidet da das Selbstwertgefühl?

Mit der Zeit lernt man, solche Sprüche zu ignorieren. Wer sich mit mir unterhalten will, muss entsprechend Rücksicht nehmen. Nicht von hinten ansprechen, am Telefon langsam reden, die Kommunikation ist etwas umständlicher. Man muss sich aneignen, die Leute darauf hinzuweisen. Es ist anfangs schwierig zu sagen: Ich kann das nicht. Ich kann nicht hören.

Inwieweit hat das Implantat Ihr Leben verändert?

Am Anfang haben mir einzelne Buchstaben gefehlt oder auch mal ganze Wörter, da musste die Feineinstellung verändert werden. Geräusche haben mich irritiert. Das Brummen eines Kühlschranks. Das Ticken einer Uhr. Alles Dinge, die ich jahrelang nicht wahrgenommen hatte und deshalb nicht zuordnen konnte. Inzwischen trage ich das CI auch nachts. Mir fehlt was, wenn ich nichts höre.