Ellwangen / erwin bachmann 12. Mai 2010. Bei einem der damals alarmierten Polizisten hat sich das Datum regelrecht eingebrannt. „Nie hätte ich gedacht, dass der Fall derart lange ungelöst bleibt,“ sagt er fast fünf Jahre danach – zu einem Zeitpunkt, an dem die Ermittler unverändert weit von der Aufklärung entfernt sind.

Bis heute hat nichts entscheidend weitergeholfen. Keiner der 10 156 Spuren, die von den Spezialisten der Soko „Flagge“ im Laufe der zurückliegenden fünf Jahre aufgenommen worden sind, hat das gehalten, was sie vielleicht einmal versprochen hat. Stand heute: Keine greifbaren Ermittlungsansätze, nichts, was auf eine heiße Spur hindeutet, nicht einmal auf eine lauwarme.

Weil also auch kurz vor dem Jahrestag der Entführung in der Sache nichts essenziell Neues zu verkünden ist, hat sich die Staatsanwaltschaft Ellwangen bei ihrer gestrigen Jahres-Pressekonferenz bemüht, den fragenden Journalisten wenigstens ein bisschen Statistik aufzutischen. Was durchaus auch für ein Aha-Erlebnis sorgt, vermag Presse-Staatsanwalt Armin Burger doch geradezu Unglaubliches zu präsentieren. Nach seinen Angaben braucht es rund 25 Terabyte, um all die bislang elektronisch gesammelte Datenmenge zu speichern, und weil das vielen nicht griffig genug ist, hat er diese gigantische Zahl von einem EDV-Fachmann umrechnen lassen und kam auf folgendes Bild: Wollte man das Ganze auf DIN-A4-Blätter ausdrucken und legte man diese übereinander, käme man auf einen Turm mit 270 Kilometer Höhe. Kaum zu glauben, eher schon – obwohl auch das eine Menge Holz ist –, dass die tatsächlich händisch geführten, in normale Leitz-Ordnern steckenden kriminalpolizeilichen Spurenakten, die neben den Hauptakten geführt werden, ein 20 Meter langes und zwei Meter hohes Regal füllen.

Momentan sind nach Angaben der Ellwanger Ermittlungsbehörde 30 sogenannte Sachverhalte in Bearbeitung, die aus der gesamten Spurenlage resultieren. Ein solcher Sachverhalt stellt beispielsweise der um den Anfang des Jahres neu aufgetauchten Zeugen aus dem Augsburger Raum dar, der angegeben hat, den oder die Täter zu kennen. Das behauptet dieser 46-jährige Mann offenbar bis heute, doch Beweise dafür gibt es bislang nicht, wohl nicht mal Indizien. Zweimal ist er vernommen worden und hat dabei nach Angaben des Leitenden Oberstaatsanwalts Andreas Freyberger durchaus interessante Hinweise gegeben, die aber im Fall selbst nicht weitergeführt haben. Angaben hat er übrigens auch dann noch gemacht, als ihm klar geworden ist, dass sich die Ellwanger Behörde nicht auf einen von ihm gewünschten Deal einlassen würde, er also in einem gegen ihn gerichteten Betrugsverfahren keinen Vorteil bei der zu erwartenden Strafzumessung erwarten kann.

Was ihn sonst geritten haben könnte, im Fall Bögerl den Finger zu heben, ohne doch zielführend in eine klare Richtung weisen zu zu können, weiß man nicht. Vielleicht die auf die Aufklärung ausgesetzte Belohnung? Auch die Staatsanwaltschaft rätselt, belässt es aber nicht dabei, sondern konzentriert sich auf noch teilweise offene Ermittlungsschritte und nimmt um die Hauptzielperson kreisende „gewisse Umfeldermittlungen“ vor. Und bevor diese nicht abgeschlossen sind, will man denn noch immer nicht den bitteren Schluss ziehen, dass man von dem Hinweisgeber, der jetzt nicht mehr befragt wird, an der Nase herumgeführt, ja regelrecht geblufft worden sei. Die Hoffnung freilich ist gering, dass da noch etwas herauskommt, doch hat man bei der Staatsanwaltschaft durchaus gelernt, sich an jeden Strohhalm zu klammern und auch an einen Kollegen namens Kommissar Zufall zu glauben.

Klar setzt man bei der Staatsanwaltschaft vorzugsweise auf das eigene Können, das man auch außerhalb der eigenen Sonderkommission anzapft. So wird man nach gestrigen Angaben von Pressesprecher Burger jetzt erneut die operative Fallanalyse-Einheit des Landeskriminalamtes einschalten. Dort sitzt ein Team von landläufig als Profiler bezeichnete Experten, die sich den Fall nach aktueller Faktenlage noch einmal gesamthaft ansehen sollen. Diese Fallanalytiker waren bereits im Anfangsstadium der Ermittlungen eingeschaltet worden, um auf der Basis der bis dahin gesammelten kriminalistischen Erkenntnisse anhand von Indizien, Tatortspuren und Umständen des Verbrechens Tatmuster erkennen und auf das Täter-Verhalten schließen zu können.

Hinsichtlich der DNA-Spuren scheint man das Ende der Fahnenstange so gut wie erreicht zu haben. Von Neresheimer Männern liegen derzeit 2944, aus Giengen 674 Speichelproben vor, was einer Quote von 96 bis 98 Prozent entspricht. Insgesamt sind 23 Beschlüsse zur zwangsweisen Erhebung einer DNA-Probe ergangen, von denen bis dato 19 umgesetzt sind. Sechs dieser Proben sind inzwischen ausgewertet, „alle negativ“, wie Armin Burger sagt, der es jetzt noch mit 233 DNA-Verweigerern zu tun hat, die aber alle aus dem Schneider sind: „Weitere Zwangsmaßnahmen sind im Moment nicht zu erwarten.“

Bleibt die Frage, was mit der Soko „Flagge“ geschieht. Nach Lage der Dinge soll sie mit 13 Mann weiterarbeiten, , zumindest bis Jahresende. In welcher Organisationsstruktur die Ermittlungen dann weitergeführt werden ist noch offen. Denkbar ist der Übergang in eine kleinere Ermittlungsgruppe oder die Weiterbearbeitung im Rahmen des normalen Geschäftsgangs der Polizei. Doch bis dahin gilt, was Armin Burger so formuliert: „Solange es Ermittlungsansätze gibt, wird weiter ermittelt.“ Und weil's die offensichtlich gibt, wird der Papierberg weiter wachsen.