Heidenheim / hz Entgegen früherer Überlegungen wird das Ermittlungsverfahren doch nicht eingestellt. Es kommen weitere Hinweise, und die Kripo glaubt unverändert, dass der Fall lösbar ist.

Die Akte ist noch nicht geschlossen. Sechseinhalb Jahre nach der Entführung Maria Bögerls und 10 360 Spuren später bleibt die nach wie vor an einen Sieg glaubende Kriminalpolizei weiter am Ball, auch wenn dieser nunmehr in einem anderen organisatorischen Rahmen gespielt wird.

Bei der Staatsanwaltschaft Ellwangen war man im April dieses Jahres noch davon ausgegangen, dass die Auswertung der zu diesem Zeitpunkt auf dem Tisch liegenden Ermittlungsansätze in diesem Jahr erledigt sein würde, womit man auch die Frage nach dem weiteren Vorgehen verknüpft sah. In der Konsequenz zeichnete sich zum kommenden Jahreswechsel eine Einstellung des Ermittlungsverfahrens ab – doch es kam und kommt anders.

Bereits im Sommer hatte man die Arbeit der Ermittlungsgruppe, die Anfang des Jahres aus der Soko „Flagge“ hervorgegangen war, auf die Kriminalinspektion 1 des Polizeipräsidiums Ulm verlagert. Dort sind jetzt zwei Beamte in Vollzeit mit dem Heidenheimer Mordfall befasst, darunter ein Hauptsachbearbeiter, der sich seit der Übernahme der Ermittlungen durchs Präsidium ganz der Aufklärung dieses Verbrechens verschrieben hat. Bei Bedarf kann dieses Duo unmittelbar auf das 18-köpfige Team dieser für Kapitaldelikte zuständigen Fachdirektion – darunter Kriminaltechniker – zurückgreifen und darf zudem aus einem Pool von 200 Kriminalisten schöpfen, die in Ulm Dienst machen.

Leiter der auf die Bekämpfung „schwerer Jungs“ spezialisierten Inspektion ist mit Kriminaloberrat Thomas Friedrich der frühere Chef der Anfang 2016 aufgelösten Soko „Flagge“, also ein gleichfalls ausgewiesener Kenner dieses komplexen Ermittlungsverfahrens, das entgegen des ursprünglich ins Auge gefassten Fahrplans weiterhin offen bleibt. „Es gibt keine vorläufige Einstellung,“ bekräftigt der Inspektionsleiter, der in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass die Ermittlungen in bisheriger Qualität aufrecht erhalten werden – auch wenn die aus Abordnungen von Heidenheim und Biberach zusammengesetzte Ermittlungsgruppe nicht mehr besteht.

Zwar muss im aktuellen Ermittlungsstadium nicht jeden Tag das volle Programm gefahren und das gesamte Spezialistentum aufgeboten werden, doch zu tun hat man nach Darstellung Friedrichs allemal. Die Arbeit resultiert zu einem gehörigen Teil aus der Auswertung von Altspuren, denen nach wie vor eine hohe Bedeutung zugemessen wird. Im Blickfeld stehen jene 5000 Spuren, die 2010 allein während der ersten acht Wochen nach der Entführung geradezu lawinenartig aufgelaufen waren. „Die sehen wir uns jetzt nochmal genau an, weil eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass zu diesem Zeitpunkt nicht alle Details richtig eingeordnet worden sind,“ so die Erklärung des Inspektions-Chefs, der ganz sicher gehen will, dass auch wirklich nichts übersehen worden ist.

Hinzu kommt die Auswertung neuer Hinweise, von denen 2016 und damit sechs Jahre nach dem Mord immerhin 50 eingegangen sind. Pro Woche kommt im Durchschnitt ein weiterer hinzu, wobei diese Fingerzeige unterschiedliches Gewicht haben. Nach manchen Hinweisen bedarf es nur einer Eingabe in die Datenbank. Andere Aussagen versprechen mehr und veranlassen die Ermittler, tiefer zu gehen, ziehen also umfangreichere polizeiliche Maßnahmen wie Vernehmungen oder die Erhebung von Speichelproben nach sich.

So wächst denn der schon heute außergewöhnlich große Spuren- und Datenberg noch immer weiter. Thomas Friedrich kennt keinen anderen schweren Kriminalfall, der diese Laufzeit und diesen hohen Bestand von jetzt 10 360 Spuren hat. Und er geht nach wie vor davon aus, dass irgendwann doch noch die heiße, die ganz heiße Spur auftaucht. „Dieser Fall ist klärbar,“ so seine Überzeugung. „Wir haben eine Täter-DNA, und jetzt fehlt uns nur noch das Haar wie in Freiburg“, sagt er in Anlehnung an den aktuellen Fall der getöteten Studentin Maria L., in dessen Zusammenhang neben allerlei politischen Parolen auch der Ruf nach einer umfassenderen Auswertung von DNA-Spuren laut geworden ist.

Ulms Kriminaloberrat Thomas Friedrich stimmt gegenüber der HZ nicht unbedingt voll in diesen Chor ein, sähe es aber schon als Vorteil, wenn – was das Gesetz nicht erlaubt – Täter-DNA auch auf genetische Informationen hin untersucht werden dürfte, die die Herkunft eines Täters belegen können. „Im Fall Bögerl hätte uns das schon helfen können.“