Heidenheim / Günter TRittner Der kleinsten Gruppe der Architektenkammer Baden-Württemberg ist ein großer Wurf gelungen. Ihre vor zehn Jahren aufgenommenen Energiegespräche führen inzwischen Fachreferenten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Heidenheim. Zum kleinen Jubiläum saß mit Franz Untersteller erstmals ein Minister auf dem Podium im Lokschuppen.

Wieder wie vor zehn Jahren waren als Thema die großen Worte Zukunft, Energie und Umwelt aufgerufen worden. „Wurden Fortschritte erzielt“, wollte Architekt Wolfgang Sanwald wissen, Karl Rechthaler, ebenfalls Architekt und Mitbegründer der Energiegespräche verspürte anlässlich der zehnten Runde jedenfalls „Glücksgefühle“. Dies mag mit dem Besuch des Umweltministers zu tun gehabt haben, der als gelernter Landschaftsplaner als „Seelenverwandter“ der Architekten zu der fast dreistündigen Diskussionsrunde begrüßt worden war. Das mag aber noch mehr an der von Stefan Siller (SWR) moderierten Runde gelegen haben, die zu einem tieferen Nachdenken anregte, was das nach Fukushima hochgespülte Wort Energiewende für jeden Einzelnen zu bedeuten hat.

Es geht um Verantwortung, wie Franz Untersteller betonte. Und für den grünen Umweltminister auch darum, dass das Land Baden-Württemberg Vorreiter sein möchte. Den Energieverbrauch halbieren, 80 Prozent erneuerbare Energien einsetzen und den CO2-Ausstoß um 90 Prozent reduzieren und dies bis 2050: das sind die zum Gesetz gemeißelten Vorgaben im Land. Ist das erreichbar und wie war der eine Fragenbereich, zu dem Markus Müller, der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Helmut Krapmaier vom Energieinstitut Vorarlberg und Rainer Hofmann, Stadtplaner und Architekt aus München um Antwort gebeten waren.

Die Frage nach der Auswirkung aller Anstrengung beantwortete Untersteller selbst. „Für das Weltklima nichts.“ Oder doch vieles? Untersteller vertraut darauf, dass reiche Industrieländer wie Baden-Württemberg durch ihre Maßnahmen zu Ressourcenschonung und effizientem Energieverbrauch beispielgebend wirken und Wege freimachen, die auch andere nutzen können. „Das ist meine Hoffnung.“

Der verstärkt vorgesehene Einsatz von wiederverwertetem Beton, der notwendige Austausch stromfressender Heizungspumpen, die in Frage gestellte Verwendung von Styropor als Wärmedämmstoff und überhaupt die schwäbische Sorge, ob sich Maßnahmen zum Energiegsparen überhaupt rechneten und sogar rentierten: die Details des Planens und Bauens summierten sich zu Themenstellungen moralischen Handelns. „Es geht um globale Gerechtigkeit“, meinte Markus Müller, „wir verbrauchen mehr Ressourcen als alle anderen Erdbewohner.“

Franz Untersteller sieht einen großen Hebel für mehr Energieeffizienz in der Wärmedämmung alter Bestandsgebäude. „Aber wird ein Münster jemals alle Vorgaben einhalten“, verwies Müller auf Bereiche, wo dieses Mittel seinen Sinn verliert. Das smarte Haus, das High-Tech-Gegenstück zur heizungsfreien Gotik, wo übers Wlan verknüpfte Sensoren der Regeltechnik freie Hand geben: „Firlefanz“ konterte hier Helmut Krapmaier – jedenfalls für den privaten Wohnbereich. Als Energieverbrauchstreiber geißelte der Diplom-Ingenieur aus Dornbirn Siedlungsstrukturen mit möglichst entlegenen Einzelhäusern. Zum im Gegensatz schon höheren Energieverbrauch in Mehrfamilienhäusern addierten sich hier noch Mobilitätskosten, da hier Arbeiten und Wohnen in der Regel getrennt seien. Hier seien nicht Prämien für Wärmedämmung, sondern eher Prämien für einen Abriss geboten, spitzte Krapmeier zu.

Hofmann, Miteigentümer von Bogewischs Büro in München, konnte an einem in Ingolstadt verwirklichten Großprojekt darstellen, dass sogar im Bereich des preiswerten Mietwohnungsbaus im Energieverbrauch Vorzeigbares und für die Lebensqualität im Quartier Vorbildliches geschaffen werden kann. 55 Prozent der Wärme erzeugen Solarmodule auf den Dächern. Die Fördermittel des Landes Bayern, so Hofmann, hätten dabei viel geholfen. „Es rechnet sich für die Gesellschaft“, zog Minister Untersteller seinen Bilanzstrich für den Einsatz öffentlicher Mittel. Könne man Minister auch importieren, charmierte der Österreicher Krapmeier dem baden-württembergischen Minister. Er stamme aus Südtirol, ließ Untersteller wissen.

Einig war sich die Runde, auf Sillers provokative Frage, ob man den Bürger nicht zwingen können, seinen CO2-Fußabdruck zu schmälern, dass dies nicht geschehen könne. „Es gibt auch eine eigene Verantwortung“, meinte Untersteller. Manche hätten davon sogar gern mehr. Rainer Hofmann etwa. Als Architekt werde man immer mehr zugepflastert von Verordnungen, Gesetzen und Normen. „Ich bin aber kein Rechtsanwalt.“ Warum gebe man nicht einfach den maximalen Energieverbrauch für ein Gebäude vor und lasse dann den Architekten walten? Schirmherr Landrat Thomas Reinhardt hatte eingangs die Heidenheimer Energiegespräche als eine der wichtigsten öffentlichen Gesprächsrunden in der Stadt bezeichnet. Wer wollte widersprechen.