Als im Herbst die Bitte durch die HZ-Redaktion ging, man möge sich Gedanken über Beiträge zu dieser nun endenden Serie machen, war ich erst einmal kritisch. Dinge kritisch zu sehen, ist mir wirklich nicht fremd, das kann ich sogar prächtig. Zu einem Drittel ist es wahrscheinlich eine „Berufskrankheit“, überall einen Fallstrick zu wittern, etwas Unausgesprochenes oder einen Haken, der allerlei Folgen nach sich ziehen wird. Zu einem weiteren Drittel ist das sogar eine zwingende Voraussetzung für unseren Job, denn wer alles ohne Rückfragen toll findet, wird selten die Wahrheit erfahren. Das letzte Drittel mag in der zumindest assimilierten Herkunft als Schwabe begründet liegen. Man ist hier traditionell halt nicht ganz so leicht zu euphorisieren wie, sagen wir, Rheinländer. „Anti alles für immer“, wie der deutsche Rapper Casper es 2011 auf dem Album „XOXO“ sang, ist ein Motto, das ich durchaus nachvollziehbar finde.

Irgendwas ist ja immer

Was es an guten Vorsätzen auszusetzen gibt? Sagen wir es so: Die Liste der Gründe, warum ein Gros aller guten Vorsätze am heutigen 16. Januar schon wieder begraben und vergessen ist, ist wahrscheinlich länger als die der Vorsätze selbst. Beim ersten Besuch im Fitnessclub den Fersensporn getriggert? Beim Versuch der gesunden Ernährung festgestellt, dass das Gemüsemesser stumpf ist? Keine Lust auf Gärtnern oder den Besuch im Unverpacktladen? Irgendwas ist ja immer. Wie oft ist das kleinste Hindernis ein willkommener Anlass, den guten Vorsatz einstweilen zu vertagen. Am Sankt-Nimmerleins-Tag ist ja auch noch Zeit.

Viele (wirklich) gute Vorsätze scheitern bestimmt daran, dass sie zu groß sind. Vielleicht auch zu wenig konkret. Gesünder zu leben, ist nichts, was sich mal eben umsetzen lässt, während das Glutamat der Silvesterknabberei noch durch den Körper wabert. Auch ein nachhaltigeres Leben zu führen, ist nicht damit getan, mit dem Bambusbecher Coffee to go zu kaufen. Solche Vorsätze bedeuten tiefgreifende Veränderungen, im eigenen Bewusstsein wie im täglichen Handeln. Allerdings kann ein durchgehaltener kleiner guter Vorsatz der erste Schritt einer ganzen Kette von Veränderungen sein.

Das Grab der guten Vorsätze

Es ist also kompliziert. Daraus könnte man schließen, dass es völlig sinnlos ist, überhaupt erst einen guten Vorsatz zu fassen. Man könnte es sogar unehrlich nennen, sich mit einem Vorhaben zu brüsten, von dem man dank aller Erkenntnisse der Wahrscheinlichkeit schon weiß, dass man es stillschweigend im anonymen Grab der guten Vorsätze bestatten wird.

Dass wir uns trotzdem mit schöner Regelmäßigkeit zum neuen Jahr etwas vornehmen, hat wahrscheinlich nur den einen Grund, dass viele Menschen von uns an genau diesen Tagen ein bisschen mehr Zeit haben als sonst. Die einfache Gleichung, dass Zeit zu Gedanken und Gedanken zu Erkenntnissen führen, lässt sich damit halbwegs beweisen. Im Umkehrschluss aber an den restlichen 360 Tagen des Jahres nur wenige Gedanken an das Leben jenseits der Alltagsverrichtungen zu verschwenden, wirkt dagegen nicht so klug.

Im Laufe dieser Serie war etwas zu beobachten. Und zwar direkt bei uns in der HZ-Redaktion. Nämlich, dass Journalistinnen und Journalisten herausgingen aus der reinen Beobachterrolle, die sonst unsere Arbeit prägt. Der Kollege etwa, der nun rückenschonend zeitweise im Stehen arbeitete. Der Reporter, der die Lieblings-Fitnessgerichte von Sportlern aus dem Landkreis nachkochte (und zur Freude aller mitbrachte). Die Kollegin, die schon immer gegen Einwegverpackungen wetterte und nun mit ihrem Text über nachhaltigeres Leben viel Aufmerksamkeit und Anerkennung fand.

Nachdenken als erster Schritt

Die Serie machte also etwas mit uns. Nein, anders: Das Nachdenken über das, was andere sich vorgenommen hatten, wirkte offensichtlich nach. Das Nachdenken über das, was im Alltag falsch läuft, kann an sich schon eine Veränderung bewirken. Auch Dinge, die man selbst vielleicht nicht als Fehler oder Makel empfindet, können für Mitmenschen problematisch sein. Sich dessen bewusst zu werden, ist schon der erste Schritt zu einer Veränderung. Wenn ich die Sorgen anderer kenne und wahrnehme, kann ich auch darauf eingehen. Wenn ich will. Das jedenfalls wäre ein sehr sinnvoller guter Vorsatz.

Als eingefleischter Krittler könnte ich mir jetzt also vornehmen, weniger zu zweifeln. Das wäre für einen Journalisten aber auch falsch. Ohne Zweifel gibt es schließlich keinen Journalismus, der seiner gesellschaftlichen Rolle gerecht wird. Aber ich kann mir vornehmen, immer auch Zweifel am Zweifel zuzulassen. Wenn sich etwas auch bei kritischem Nachfragen als positiv erweist, dann ist es wohl auch gut und kann so beschrieben werden. Alles andere wäre zynisch und genau das sollte niemand sein. Mit diesem Vorsatz lassen sich die nächsten Monate bestreiten.