Elstern haben einen schlechten Ruf – sie stehlen und räubern fremde Nester. Markus Schmid ist Vorstandsmitglied des Nabu-Kreisverbandes und Vogelexperte. Er freut sich über alle Vögel in seinem Garten und sagt: „Es gibt immer Verluste. Aber wenn genügend Nahrung und Brutplätze vorhanden sind, werden die problemlos ausgeglichen.“

Herr Schmid, die HZ hat mehrere Leserzuschriften zum Thema Elstern erhalten. Vogelfreunde sind besorgt, dass kleine Singvögel durch sie immer mehr unter Druck geraten. Stimmt das?

Das Thema ist ein Dauerbrenner. Aber das stimmt nicht. Es ist ein nicht totzukriegender Mythos.

Aber es gibt doch mehr Elstern in den Gärten als früher?

Das stimmt. Den Trend gibt es seit ungefähr 15 Jahren. Die Zunahme in den Siedlungsräumen ist damit zu erklären, dass die Elster die offene Feldflur an vielen Orten geräumt hat, weil der Verlust an Nahrung und Brutplätzen dort mittlerweile dramatisch ist. Früher waren die landwirtschaftlichen Flächen eben kleiner und waren weniger intensiv bewirtschaftet. Es gab mehr Randstreifen, Hecken und Insekten.

Der Grund für den Umzug der Elster ist also die Intensivierung der Landwirtschaft?

Ja, denn die ist ja immens. Es liegt auch am Einsatz von Insektiziden. Auf einem Maisfeld findet die Elster gar nichts mehr. Sie hat ein ähnliches Problem wie Feldlerche, Rebhuhn und Schafstelze. All diese Arten sind in einem extremen Ausmaß zurückgegangen. Beim Rebhuhn reden wir in Baden-Württemberg von bis 90 Prozent.

Und Elstern sind anpassungsfähiger?

Genau. Eine Feldlerche braucht als typischer Ackerbrüter Platz. Auch ein Rebhuhn, das in Blühstreifen brütet, kann nicht in die Ortschaften. Die Elster kann das eben und nutzt die Gärten.

Manche sprechen von einer regelrechten Plage.

Keine Tierart ist eine Plage. Menschen sind immer leicht verführt, bestimmte Tiere in bestimmte Kategorien einzuordnen. Viele bezeichnen Greifvögel beispielsweise als Raubvögel. Oder der Graureiher. Er wird oft als Fischreiher tituliert, um zu unterstreichen, dass er ein Fischräuber ist. Kulturhistorisch wurden Rabenvögel in der westlichen Kultur immer negativ und als die Verbündeten der Unterwelt gesehen. Das hat sich eingebrannt.

Also haben Rabenvögel nur ein schlechtes Image?

Das haben sie auf jeden Fall. Und sie sind eben tagsüber unterwegs. Es sieht natürlich dramatisch aus, wenn eine Elster das Nest einer Amsel entdeckt und die Jungen holt. Oder wenn sie sich an einem Starenkasten zu schaffen macht. Aber dasselbe tut übrigens auch der Buntspecht, wenn er die Möglichkeit hat. Und auch die kleinen Meisen sind keine Lämmchen. Man weiß, dass sie regelmäßig und gezielt Fledermäuse, die Winterschlaf halten, töten und fressen. Nur sieht man das eben nicht.

Sind Elstern also keine Singvögel-Killer?

Definitiv nicht. Dazu gibt es auch Untersuchungen. Nur 15 bis 20 Prozent ihrer Nahrung machen kleinere Singvögel aus. Ansonsten ernährt sie sich von Insekten. Und die Jungvögel werden ausnahmslos mit Insekten gefüttert. Man verteufelt sie zu Unrecht. Es gehen mehr Singvögel auf das Konto von Säugetieren. Bei Wildschweinen angefangen, die auch Eier und Jungvögel fressen, bis hin zu Fuchs, Marder, Iltis und Waschbär. Auch Turmfalke und Rotmilan gehen auf Singvögel-Jagd, insbesondere in schwachen Mäusejahren. Die Natur ist komplex, sie wirkt für uns manchmal grausam, aber das sind normale Nahrungsketten.

Hilpoltstein/Halle/Braunschweig

Selbst die niedlichen Eichhörnchen sind Nesträuber . . .

Das stimmt. Auch die holen sich einen jungen Star aus dem Nistkasten. Die Aussage, dass sobald die Elster im Garten ist, kein anderer Singvogel mehr vor- und durchkommt, stimmt einfach nicht. Das kann ich schon allein aus meinem eigenen Garten berichten. Wir haben keine 50 Meter vom Haus entfernt ein Elster-Nest und trotzdem haben wir jedes Jahr Feldsperlinge, Haussperlinge, Hausrotschwänze, Amseln und Kohl- und Blaumeisen.

Und es gibt auch einbruchssichere Starenkästen.

Ja, die funktionieren wie Marderschutzkästen. Sie haben einen kleinen Vorbau, der verhindert, dass Marder oder Katzen mit den Pfoten reinangeln können. Das hilft bei der Elster genauso. Oft konnte ich an Starenkästen aber auch schon beobachten, wie Altstare ihre Brut erfolgreich gegen Elstern verteidigen. Stare sind gewitzt und streitlustig. Und ein Star schmeißt durchaus auch mal die Brut eines Sperlings aus dem Nest, wenn die früher angefangen haben zu brüten. Es gibt keine Kuschelromantik in der Natur. Da geht es immer um Fressen und Gefressenwerden.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Elstern ein Ich-Bewusstsein haben. Wenn man ihnen einen Punkt aufs Gefieder klebt und sie vor einen Spiegel setzt, erkennen sie sich im Spiegel und entfernen den Punkt. Es gibt nicht viele Tiere, die das können.

Elstern, Kolkraben, Krähen oder auch der Eichelhäher, das sind richtig clevere Kerlchen und sie sind ausgesprochen lernfähig. Wenn ich mein Fernrohr, das auf einem Stativ aufgeschraubt ist, während der Jagdzeit auf der Schulter trage, dann sieht das aus wie ein Gewehr. Da reagieren Rabenvögel oder auch Gänse sofort mit Flucht. Wenn ich das Fernrohr nach unten halte, gibt es keine Reaktion. Sie sind sehr gute Beobachter.

Sinkt denn grundsätzlich die Zahl der Singvögel?

Das kommt drauf an, wo. Die Bestände in Gärten sind noch weitgehend stabil. Das zeigen die jährlichen Vogelzählungen. Dieses Jahr hatten wir allerdings einen deutlichen Rückgang an Blaumeisen. Aber das liegt nicht an den Elstern, sondern an einem Bakterium, das eine Lungenentzündung auslöst. Einen dramatischen Einbruch bei den Beständen haben wir vor allem im Offenland, also in den landwirtschaftlichen Flächen.

Welche natürlichen Feinde hat die Elster?

Das sind zum einen die eigenen Artgenossen. Das gilt für alle Rabenvögel. Unter ihnen gibt es massenhaft Nicht-Brüter und die räubern Eier und Jungvögel ihrer Artgenossen. Weil sie keine Jungen zu versorgen haben, plagen sie sich nicht mit kleinen Insekten herum, sondern suchen sozusagen den großen Happen. Wenn man Elstern bejagen würde, hätte das auch zur Folge, dass man die Zahl der Nicht-Brüter reduziert und damit fördert man im Umkehrschluss sogar den Brutbestand. Weitere Feinde sind Luftjäger, wie der Wanderfalke oder der Sperber. Und wenn das Nest an einer Stelle ist, wo Marder oder Katzen rankommen, dann räubern die auch Elster-Nester.

Heidenheim

Wir haben in unserem Nachbargarten eine große Fichte. Dort nisten Rabenkrähen, die ja auch gern Elstern jagen und ihre Nester plündern. Es gibt aber trotzdem auch nistende Spatzen, Kohlmeisen und Hausrotschwänze. Ist es ein Teil des Problems, dass es in vielen Siedlungen zu wenig große Bäume gibt, in denen, sagen wir, ebenbürtige Elster-Gegner nisten können?

Das könnte ein Teil der Erklärung sein. Vor allem in Neubaugebieten sind die Bäume typischerweise noch jünger und da können Singvögel ihre Nester auch nicht so gut verstecken. Nachweislich werden auch oft die Erstbruten erwischt und dann reagieren die Singvögel darauf. Sie verstecken das nächste Nest deutlich besser und sind deutlich heimlicher. Wenn man kein geübter Vogelbeobachter ist, kriegt man im Zweifel gar nicht mit, dass die Vögel eben doch da sind und brüten.

Haben Katzen Auswirkungen auf den Bestand?

Wir haben in Deutschland etwa drei Millionen Freigängerkatzen. Das ist sicherlich ein Faktor. Wir haben selbst einen Kater und wissen daher, dass neben Mäusen auch regelmäßig Vögel erbeutet werden. Dies belegen auch viele Studien. Die Verluste durch Katzen sind nicht zu unterschätzen.

Sollte man sie mit einem Glöckchen ausstatten?

Das ist umstritten. Viele Tierärzte sagen, das solle man lassen, weil das die Katzen frustriert. Meine Wahrnehmung ist auch die: Wenn unser Kater ruhig im Garten sitzt, lassen sich die Vögel relativ dicht bei ihm nieder und suchen nach Futter. Und wenn er dann plötzlich zum Sprung ansetzt und aus dem Stand zwei Meter schafft, dann bringt das Glöckchen auch nichts. Was man allerdings raten kann, ist, dass Futterstellen und Vogeltränken nicht nah an Büschen oder Hecken aufgestellt werden sollten, wo sich Katzen gut verstecken können.

Es gibt Untersuchungen, dass bis zu 50 Prozent der Nestlinge von Singvögeln verhungern, weil die Altvögel auf sorgsam gepflegtem Rasen nicht genügend Nahrung finden. Da helfen ja weder Futterstellen oder Nistkästen, weil sie zur Aufzucht Insekten brauchen. Sind ökologisch tote Gärten nicht das größte Problem?

Definitiv. Nicht nur Steingärten, auch ein akkurat gepflegter Rasen bietet kaum Nahrung für die Vögel. Wenn Insekten keine Nahrungspflanzen finden, fehlt schon allein die Grundmasse an Insekten. Ich hatte in diesem Jahr zwei verhungerte Blaumeisen und zwei verhungerte Kohlmeisen im Kasten. Ein weiteres Problem ist der Klimawandel. Der Gipfel der Raupenentwicklung ist mittlerweile um zwei oder sogar drei Wochen vorgelagert. Und darauf können auch unsere Standvögel, wie die Meisen, nicht reagieren. Sie können nicht früher mit dem Brüten beginnen, weil sie noch nicht in Brutkondition sind, also nicht die nötige Fitness haben. Das bedeutet, dass die Gelege immer kleiner werden. Meisen können acht bis zwölf Eier ausbrüten, heute sind es in Gärten oft nur noch vier oder fünf. Das ist eine Reaktion der Altvögel auf die geringere Nahrungsverfügbarkeit.

Wie kann man Singvögel unterstützen? Mit Thuja-Hecken wohl nicht.

Definitiv nicht. Alles, was die Insekten im Garten fördert, fördert auch die Vogelwelt. Und man muss auch in Raupenkategorien denken. Was sind die Fraßpflanzen der späteren Schmetterlinge? Da sind zum Beispiel Brennnesseln gefragt, auch wenn das manchem Gärtner vielleicht widerstrebt. Oder die Wilde Möhre. Es gibt viele Tipps vom Nabu, wie man tierfreundliche Gärten schafft. Die Aktion ,Gönn Dir Garten’ ist auch auf nabu-heidenheim.de zu finden. Und davon profitieren unter dem Strich die Singvögel am meisten. In einer Naturecke mit dichtem Gestrüpp oder Dornen, etwa bei Heckenrosen, Schwarzdorn oder Schlehe, können sie ihre Nester besser verstecken und dann findet die Elster es im Zweifel gar nicht oder sie kommt nicht ran.

Ihr Fazit ist also: Wenn Singvögel genügend Brutplätze und Nahrung finden, können sie Verluste problemlos ausgleichen?

Ein klares Ja. Das ist der normale und natürliche Kreislauf, der auch trotz aller negativer Einflussfaktoren weiterhin gilt und wirkt.

Pica pica


Die Elster (wissenschaftlicher Name: Pica pica) gehört zur Familie der Rabenvögel. Sie kommt sowohl im Flachland wie im Gebirge vor. Elstern leben in einer lebenslangen Monogamie. Stirbt jedoch einer der Partner, ersetzt ihn der andere meist schnell durch einen einjährigen Vogel. Wiederholen sich erfolglose Bruten zu häufig, trennen sich Paare in der Regel auch. Eine Elster kann bis zu 16 Jahre alt werden, wird in der Natur jedoch im Durchschnitt nur etwa zweieinhalb Jahre alt. Als „diebische“ Elster war sie im Mittelalter als Hexentier und Galgenvogel unbeliebt. Im Gegensatz dazu gilt sie in Asien traditionell als Glücksbringer. chw