Heidenheim / Hendrik Rupp Sei es, dass sich seine Ermordung zum 70. Mal jährt, sei es, dass der neue Kinofilm über sein Leben weithin beachtet wird: Über Georg Elser wird zurzeit mehr geredet als sonst. Bei denen, die seiner schon seit langem gedenken, mischen sich Hoffnung auf späte Ehren und Furcht vor einem kurzfristigen Medien-Hype.

Sonntag, 11 Uhr, Elser-Gedenkstein in Schnaitheim: „Dieter und Dieter“ spielen auf, die Zahl der Anwesenden liegt bei gut 50, das Durchschnittsalter dafür deutlich höher. Und doch, irgendwas ist anders als in früheren Jahren. Draußen auf der Straße kann man einen blassgrünen Adler-Oldtimer bewundern, der im neusten „Elser“-Film auftaucht. Zwischen den grauen Köpfen sieht man auch jüngere Leute, und einen Kultusminister in Person von Andreas Stoch hatte man früher auch nicht zu Gast. Vertreter der Stadt fehlen, auch das ist üblich. Warum, wird beim Grußwort von Mitveranstalter Heiner Jestrabek klar: In einem Rundumschlag geißelt er Heidenheims Umgang mit der Nazi-Geschichte.

Das beginnt beim Rommel-Denkmal, holt dann aber auch zu Friedrich Degeler aus. Sollte der Platz am Rathaus nicht lieber nach Georg Elser heißen? Schließlich kritisiert Jestrabek auch, dass das Kunstmuseum eine Ausstellung von Franklin Pühn plant, dem Gestalter des Rommel-Denkmals. „Was würde Picasso zu dieser Nachbarschaft sagen?“ fragt Jestrabek. Für ihn braucht das offizielle Heidenheim Nachhilfe in Entnazifizierung, die Kommunalpolitik schade dem Image der Stadt.

Differenzierter der Hauptredner zum 70. Todestag: Axel Kuhn, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart, beleuchtet ebenso klug wie nüchtern das Problem der Historiker mit Elser. Der akademische Umgang mit dem deutschen Widerstand sei stets in Phasen und in bestimmten Rastern erfolgt: Große politische Gegenentwürfe? Offener Kampf aus dem Exil oder zuletzt gar die Erforschung zivilen Ungehorsams aus der Arbeiterbewegung, die die deutsche Kriegswirtschaft entscheidend geschwächt haben könnte? „Immer fiel Elser durch, immer blieb er außen vor“, so Kuhn. Und schließlich habe der Königsbronner ja auch in den 1930er Jahren keine Heimat in den etablierten Widerstandskreisen gefunden.

Was war ein adäquater Widerstand gegen das Nazi-Regime? „Flugblätter verteilen oder der frühe Versuch, einen Tyrannen zu töten?“ Kuhn verweist nicht nur auf die Geschwister Scholl, sondern auch auf die bundesrepublikanischen Ikonen, die Attentäter von 1944: Sturzkonservative Militärs, deren Widerstand sich im Wesentlichen strategisch, aber wohl kaum ideologisch motivierte. Ein Reich in den Grenzen von 1914, mit Landjunkern und am besten Monarchie – das sei das Ziel derer gewesen, die man alljährlich offiziell feiere.

„So wenig gibt es eigentlich gar nicht über Elser“, sagt der Historiker, und den veränderten Umgang mit Elser, ob in Königsbronn oder im Kino, nennt er „respektable Bausteine einer neuen Erinnerungskultur“ an einen Mann, der vor allem bewies, was ein einzelner, ein „einfacher“ Mann 1939 wissen und tun konnte. „Zehntausende hätten wissen können, was Elser wusste, und Zehntausende hätten tun können, was er tat“, so Kuhn. Der Geschichts-Profi endet freilich ebenso ehrlich wie persönlich: „Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte“.

Nach Kuhn noch eine Spontanrede von Ralf Jandl, in welcher der als Satiriker bekannte frühere Regierungsbeamte Elser mit Edward Snowden vergleicht, danach aber sogar den Sprung zum Freihandelsabkommen TTIP schafft. Hellmut Haasis schließlich, Elser-Biograf wie Elser-Veteran, dämpft die Hoffnungen auf neue Zeiten in der Anerkennung Elsers. „Ich kann das Geschwätz der Leute nicht mehr hören, die mich jetzt fragen, warum man nicht schon viel früher an Georg Elser erinnert hat“. Haasis' trübe Prognose: „Die Elser-Welle wird schnell wieder abflauen“.