Heidenheim/Hamburg / Silja Kummer Neues im Fall des Heidenheimer Unternehmers R.: Eine Gesellschaft, deren Vorstand er war, sucht jetzt ihr Vermögen.
Nach dem Ende Januar durch einen HZ-Artikel bekannt wurde, dass ein Heidenheimer Geschäftsmann aufgrund einer Vorstrafe wegen Marktmanipulation, unrichtiger Darstellung und falschen Angaben bereits seit Februar 2014 nicht mehr als Vorstand von Aktiengesellschaften tätig sein darf, kamen in verschiedenen Bundesländern eine Reihe von registergerichtlichen Löschungsverfahren in Gang. In Hamburg betrifft dies die Kremlin AG, eine börsennotierte Gesellschaft, er vorstand.

Die Kremlin AG wurde 1999 gegründet mit dem Ziel, in den russischen Wertpapiermarkt einzusteigen, der zu diesem Zeitpunkt für unterbewertet gehalten wurde. 2011 setzte die Gesellschaft ihr Kapital herab und verkaufte die Bestände an russischen Aktien. Stattdessen beteiligte sich die Kremlin AG mit 127 000 Aktien an der Düsseldorfer GSC Portfolio AG, später AGS Portfolio AG.

2012 übernahm die VCI Venture Capital und Immobilien AG mit Sitz in Heidenheim und R. als Vorstand fast 25 Prozent der Aktien der Kremlin AG – und in Person des Geschäftsmannes auch den Vorstand der Hamburger Aktiengesellschaft.

Darüber hinaus spielt auch die Beteiligungen im Baltikum AG noch eine Rolle in diesem Geflecht: An dieser AG ist die VCI zu mehr als 25 Prozent beteiligt, die Beteiligungen im Baltikum AG hält wiederum 9,9 Prozent der Aktien der Kremlin AG. In der Bilanz 2014 weist die Kremlin AG 25 Prozent ihres Vermögens in Gold aus, nämlich als 172 Goldmünzen Krügerrand 1 Unze und zehn Goldbarren zu 250 Gramm. Eine Bilanz für 2015 wurde noch nicht veröffentlicht.

Wo die Goldreserven sich momentan befinden, weiß Hans-Hermann Mindermann nicht. Er ist seit dem 30. Mai der neue Vorstand der Gesellschaft, nachdem das Hamburger Amtsgericht R. von Amts wegen aus dem Handelsregister gelöscht hat. Mindermann versucht, sich einen Überblick über die Verhältnisse der Gesellschaft zu verschaffen. Der Verbleib der Edelmetallbestände ist laut einer Ad-hoc-Meldung der Kremlin AG „ungeklärt“.

Und auch ein Großteil der Aktien der AGS Portfolio AG soll sich nicht mehr im Besitz der Kremlin AG befinden: Mitte März habe der Heidenheimer diese an die VCI Venture Capital und Immobilien AG übertragen, so Mindermann. Da sein Vorstandsamt aber mit der Rechtskraft des Urteils gegen R. im Februar 2014 bereits erloschen ist, sei er nicht befugt gewesen, diesen Auftrag zu erteilen, so die Mitteilung der Kremlin AG. Die Verfügung über die Aktien der AGS Portfolio AG „war damit rechtsmissbräuchlich“, so Mindermann.

Festgestellt hat der neue Vorstand der Kremlin AG auch, dass unter der im Handelsregister Hamburg eingetragenen Geschäftsanschrift an der Nordkanalstraße 52 „bereits seit geraumer Zeit keine Geschäftsräume mehr unterhalten wurden.“ Geschäftsunterlagen konnten deshalb dort genauso wenig aufgefunden werden wie die Aktiva – also das Vermögen - der Gesellschaft. Auf der Internetseite der Kremlin AG war stattdessen die Privatanschrift des Vorstands in Heidenheim als Kontaktadresse angegeben.

Der 36-jährige Geschäftsmann widerspricht den Darstellungen von Mindermann und teilt mit, er habe diesen wegen Verleumdung, Beleidigung und Kreditgefährdung angezeigt. Darüber hinaus bezeichnet er zwei Aktionäre, die vom Registergericht Hamburg zu Aufsichtsratsmitgliedern bestellt wurden, als „kriminelle Vereinigung“, auch gegen sie habe er Strafanzeige gestellt. Mindermanns Aussage, er habe die Aktien der AGS Portfolio AG an die VCI Venture Capital und Immobilien AG verschoben, sei „eine Verleumdung“, auch diesbezüglich habe er Strafanzeige erstattet. Auch die Edelmetalle der Kremlin AG „sind nach den uns vorliegenden Informationen vorhanden.“

Dem seit knapp zwei Wochen als Vorstand agierenden Mindermann wirft R.vor, er sei „offensichtlich nicht in der Lage, die Gesellschaft ordentlich zu führen“, woraus die ungeordneten Verhältnisse resultieren würden. Beinahe zeitgleich mit der Antwort des Geschäftsmanns auf die Anfrage unserer Redaktion traf auch ein Schreiben seines Vaters, eines Heidenheimer Rechtsanwalts, ein. Er äußert sich als Aktionär der Beteiligungen im Baltikum AG und greift den vom Registergericht Hamburg eingesetzten Aufsichtsrat und Vorstand der Kremlin AG an.

Darüber hinaus unterstellt er, dass die Veröffentlichungen der Heidenheimer Zeitung über seine Familie verleumderischen Charakter hätten und droht rechtliche Schritte an. Interessant wird die Frage, ob die Amtshandlungen des 36-Jährigen als Vorstand einer Aktiengesellschaft Gültigkeit haben, obwohl er dieses Amt laut Gesetz nicht mehr ausüben durfte, bald auch in Mittenwald, wo er als Vorstand der Karwendelbahn AG handelte. Er hat in dieser Funktion in den letzten Monaten den Betriebsleiter fristlos gekündigt.

In der kommenden Woche wird sich das Münchner Landgericht mit einer Feststellungsklage eines Vertreters der Gemeinde Mittenwald, die ebenfalls Aktien an der Karwendelbahn AG hält, beschäftigen. Dabei wird es um die Frage gehen, ob die Berufung einer Heidenheimer juristischen Angestellten zur Vorständin der Karwendelbahn AG anstelle von R. rechtens ist und ob die Weisungsbefugnis, die sie ihm erteilt hat, legitim ist.