Kreis Heidenheim / Christine Weinschenk Kathrin und Heike sind ein lesbisches Paar. Und sie haben ein gemeinsames Baby. Eine normale Familie mit normalem Familienalltag, nicht mehr oder weniger flippig als bei anderen auch.

Ein kleines Reihenhaus, Gardinen an den Fenstern, Bastblumen als Fensterschmuck. Wohnen Typ bürgerlich. Fortsetzung im Wohnzimmer: schwarze Ledercouch, hellbraunes Regalsystem, im Babybett liegt die sechs Monate alte Anna und brabbelt gut gelaunt vor sich hin. Ein gängiges Familienidyll, aber mit einem Farbtupfer: Es ist ein Drei-Frauen-Haushalt, eine Regenbogenfamilie. Annas Eltern sind ein gleichgeschlechtliches Paar.

Kathrin und Heike sind beide Anfang 30, beide Ingenieurinnen. Sie sind seit acht Jahren ein Paar. Und seit gut zwölf Monaten im Rahmen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft verheiratet. Den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind hatten die beiden schon länger. „Man unterhält sich darüber, verwirft die Idee, dann kommt das Thema wieder auf“, sagt Kathrin. „Das Problem ist, man hat keine wirklichen Vorbilder. Der Standard ist eben: Mann und Frau kommen zusammen und kriegen ein Kind.“

Eine Spende aus der Samenbank

Irgendwann wurde der Wunsch stärker, die Vorstellungen konkreter. Das Paar besprach seine Möglichkeiten: Kommt ein aktiver Vater aus dem Bekanntenkreis in Frage? Eine Art Vierer-Beziehung? Ein Wochenend-Papa? Oder eine Spende von einer Samenbank? Kathrin und Heike entschieden sich für Letzteres. In einer Kinderwunschklinik hat sich Kathrin den gespendeten Samen einsetzen lassen. Eigentlich eine rechtliche Grauzone. „Wir sind über das Internet auf die Klinik gestoßen, es gibt nicht viele Ärzte, die das machen“, sagt Heike. Denn gemäß eines Beschlusses der Bundesärztekammer können lesbische Paare nicht auf ärztliche Unterstützung im Rahmen einer künstlichen Befruchtung zählen.

Die Frauen waren sich nicht von Anfang an einig, wer das Kind austragen wird. Berufliche und monetäre Gründe beeinflussten die Entscheidung. Kathrin arbeitet bei einem großen Unternehmen. Die Aussicht auf flexible Arbeitszeiten und Betreuungsmöglichkeiten für Anna sprachen dafür, dass sie das Kind austragen wird.

Kathrin und Heike wissen genau, dass der Moment kommen wird, an dem Anna stutzig werden wird. „Sie wird sicher fragen: ,Okay, ich hab' zwei Mamas, aber warum ist das so?',“ sagt Heike. „Wenn sie möchte, wird sie die Möglichkeit haben, ihren biologischen Vater kennenzulernen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden.“ Die Spende aus der Samenbank war nicht anonym, der Spender gab sein Einverständnis auf spätere Kontaktaufnahme.

Durch ihre Heirat hat Heike das „kleine Sorgerecht“ für Anna erhalten. Nach der Geburt hat sie einen Antrag auf Stiefkindadoption gestellt – ihre einzige Möglichkeit, vor dem Gesetz die gleichen Rechte wie Kathrin zu bekommen. „Wir wollen uns einfach absichern, es soll klar sein, dass ich mit Anna verwandt bin“, sagt Heike. Dafür muss sowohl das Jugendamt als auch das Familiengericht eine Genehmigung erteilen. Das Urteil des Gerichts steht noch aus, deshalb möchten die beiden ihren Namen auch nicht in der Zeitung lesen.

Nach Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) leben in Deutschland etwa 700 000 Kinder in Familien mit homosexuellen Eltern, die meisten stammen aus heterosexuellen Ehen.

Seit 2005 dürfen Schwule und Lesben leibliche Kinder ihrer Partner adoptieren (Stiefkindadoption). Laut Dagmar Lübcke-Klaus, beim Landratsamt für Adoptionen zuständig, wurden in den vergangenen fünf Jahren von Homosexuellen nur drei Anträge auf Stiefkindadoption gestellt. Auch wenn Homosexuelle hierzulande in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft zusammenleben, ist es ihnen nur erlaubt, als Einzelperson ein Kind zu adoptieren. Der Partner erhält dann ein Mitspracherecht bei der Erziehung, nicht das volle Sorgerecht. Beim Landratsamt liegen dafür keine Anträge vor. In Schweden, Spanien, Großbritannien und den Niederlanden sind gemeinschaftliche Adoptionen bereits möglich. „Ich vermute, das wird auch bei uns kommen“, sagt Lübcke-Klaus. „Die Zeichen stehen dafür.“

Vor wenigen Wochen weitete das Bundesverfassungsgericht bereits das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus. Homosexuelle, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, dürfen künftig ein von ihrem Partner zuvor angenommenes Kind ebenfalls adoptieren.

Sicher sind Regenbogenfamilien noch immer mit homophoben Vorurteilen und Rechtfertigungs- und Erklärungsdruck belastet. Bisher haben die beiden Ingenieurinnen selbst damit aber nicht zu kämpfen. Das führen sie auf ihre Offenheit zurück. „Wenn man ein Kind hat, ist es besonders wichtig, offen damit umzugehen. Klare Verhältnisse sind für das Umfeld, egal ob Geburtsklinik, Verwandtschaft oder Kindergarten, wichtig“, sagt Heike. Wenn sich jemand vehement gegen schwule und lesbische Elternschaft wehre, habe das mit persönlichen Ängsten zu tun. „Wenn man aber einen persönlichen Fall vor Augen hat, verliert man Berührungsängste und merkt, dass daran nichts komisch ist.“

Die positiven Reaktionen aus ihrem Umfeld haben die beiden Frauen selbst überrascht. „Manchmal hat jemand vielleicht eine Schrecksekunde, aber dann ist es in Ordnung“, sagt Kathrin. Besonders ihre Eltern, die sich schon damit auseinander gesetzt hatten, nie Großeltern zu werden, hätten sich gefreut.

Allerdings habe man an Reaktionen aus dem familiären Umfeld gemerkt, dass die Rollenbilder in den Köpfen klar verankert sind: „Als ich gesagt habe, dass ich schwanger bin, haben wirklich ein paar gedacht, dass ich jetzt wieder einen Mann habe“, sagt Kathrin. „Das haben wir dann aufgeklärt.“

Anna ist natürlich noch zu klein, um auszudrücken, wie sie sich fühlt. Wie alle Kinder wird sie die Gegebenheiten, in die sie hineingeboren wurde, akzeptieren. Die Wissenschaft bescheinigt ihr jedenfalls beste Voraussetzungen für ein glückliches Leben. So kommt eine Untersuchung des Instituts für Familienforschung an der Universität Bamberg zu dem Schluss, dass Regenbogenkinder selbstbewusster, autonomer, toleranter und besser in der Schule sind (weitere Details zur Studie im Info-Kasten).

Studien belegen außerdem durchgängig, dass Kinder in Regenbogenfamilien nicht häufiger homosexuell werden als Kinder von heterosexuellen Eltern. Solange Lesben nicht im männerfreien Raum und Schwule nicht im frauenfreien Raum leben, würden Kinder immer Modelle finden. Auch Anna soll nicht nur weibliche Vorbilder haben. „Wir haben viele männliche Freunde“, sagt Heike. „Außerdem sind da ja noch die Opas. Anna wird auf jeden Fall männliche Vorbilder haben.“ Hetero oder Homo spielt für die beiden in Hinblick auf eine glückliche Kindheit und ein glückliches Leben keine Rolle. „Es kommt auf die Lebensumstände an und die könnten wirklich schlechter sein als bei uns.“

Mit Offenheit gegen Diskriminierung

Ein Aspekt ist die Angst vor Diskriminierung: Langzeitstudien, in denen Familien über 20 Jahre lang begleitet wurden, kommen zu der Erkenntnis, dass Kinder aus Regenbogenfamilien zwar Hänseleien erleben, sie aber dadurch keinen Schaden in ihrer Entwicklung nehmen. Im Gegenteil: Söhne und Töchter homosexueller Eltern zeigten ein höheres Selbstwertgefühl als Gleichaltrige in allen anderen Familienformen.

Sicher könnte Anna wegen ihrer beiden Mütter später in der Schule gehänselt werden, sagt Kathrin. „Kinder können für Hänseleien aber alle möglichen Gründe finden. Segelohren, krumme Nase, zwei Mamis. Davor ist man nicht gefeit.“

Derzeit ist Kathrin mit der kleinen Anna daheim und Heike arbeitet. Die beiden Frauen schließen aber nicht aus, noch ein Kind zu bekommen. Dann wollen sie die Rollen tauschen und Heike möchte schwanger werden.