Heidenheim / Hendrik Rupp Wenn in Heidenheim besonders wichtige Gäste begrüßt werden, tragen sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Nach 45 Jahren im protokollarischen Dienst ist das aktuelle Buch fast bis auf die letzte Seite voll. Zeit, einmal darin zu blättern.

Rathaus Heidenheim, dritter Stock, eines jener Zimmer hinter den Balkonen zum Platz, die auf keiner Etage als Büro genutzt werden. In diesem Raum stehen wenige Tische, einige Schränke, zwei Tresore, die Farben sind grün und grau und das Flair erinnert an ein Landratsamt aus der DDR.

Als Christina Abele den Tresor öffnet, ändert sich das ein wenig: Eine schwere, mit Leder beschlagene Kassette, in ihr ein ebenso schweres, ebenso beledertes Buch – edel wirkt das und kostbar, und selbst einem Analphabeten wäre klar, dass es sich hier um ein ganz besonderes Buch handelt. Das Goldene Buch der Stadt Heidenheim.

Die drei Goldenen Bücher der Stadt Heidenheim gibt es als E-Books:

Goldenes Buch 1936 bis 1944

Goldenes Buch 1952 bis 1977

Goldenes Buch 1972 bis 2018

„Goldenes Buch“ klingt ungewohnt traditionell für Heidenheim, einer Stadt, die nie besonders pfleglich mit eigenen Traditionen umging und stets lieber nach vorne strebte. Tatsächlich sind Goldene Bücher aber ohnehin eine recht moderne Tradition: Als Pionier in Deutschland gilt Hamburg, und auch die Hansestadt gönnte sich erst im Jahr 1897 ein Goldenes Buch. Ebenfalls sehr alt ist die Goldbuch-Tradition in Frankfurt, die auf das Jahr 1907 zurückgeht.

In Heidenheim war das erste Goldene Buch eine Erfindung der Nazi-Zeit: Das „Ehrenbuch“ wurde 1936 angeschafft. Das aktuelle Goldene Buch bekam die Stadt 1972 von 29 Kreisstädten aus ganz Baden-Württemberg geschenkt – zur Einweihung des neuen Rathauses. Welche Stadt das Buch für Heidenheim in Auftrag gab, was es gar gekostet hat – man weiß es logischerweise nicht, es war ja ein Geschenk.

Die erste Doppelseite nach dem Frontispiz füllte man bei der Rathauseinweihung einfach mit Unterschriften – ohne einen vorbereiteten Eintrag zu Anlass oder gar den Unterzeichnern. Und auch hier erkennt man den Unterschied zwischen Goldbuch-Routiniers und Anfängern: Während Innenminister und Regierungspräsident, die Bürgermeister aus St. Pölten (Goldenes Buch seit der k.u.k.–Zeit) und Giengen (Goldenes Buch seit 1939) improvisierten und ihre Titel und Funktionen einfach selbst zur Unterschrift ergänzten, gingen gerade Heidenheims Stadträte davon aus, man kenne sie doch ohnehin – erst auf der zweiten Seite scheint jemand die Honoratioren belehrt zu haben, sich gegenüber der Nachwelt doch korrekter zu erklären.

Heidenheims „Goldbuchhalter“ lernten aber schnell dazu: Beim Besuch von Baden-Württembergs Justizminister Traugott Bender im März 1973, dem ersten „regulären“ Eintrag ins Buch, ist die Seite regelkonform vorab ausgefüllt worden – handschriftlich (so gehört sich das) und von einem Kalligraphen, der sich noch sehr in Fraktur bemühte. In den ersten Jahren des Buches hatten wir noch Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, die so schreiben konnten“, berichtet Christina Abele. Sie ist die aktuelle Hüterin des Goldenen Buches, kümmert sich um seine Pflege und Verwahrung und organisiert auch die neuen Einträge.

Die vergibt die Stadt seit 1979 extern. Im September dieses Jahres wurde die Ausstellung „Polen zu Gast in Heidenheim“ eröffnet, und dieser Eintrag wurde erstmals vom Heidenheimer Künstler Hans Schweiger gestaltet. Schweiger prägte den Stil des Heidenheimer Goldbuches entscheidend: Keine Fraktur mehr, stattdessen oft farbige Akzente, Grafiken und Illustrationen, die das Heidenheimer Buch deutlich schöner machen als viele vergleichbare Ehrenbücher anderswo. 25 Jahre lang kümmerte sich Schweiger mit wenigen Ausnahmen um alle Einträge. Nach seinem Tod sprang der Giengener Maler Walter Resch ein, der bis heute die Seiten gestaltet.

Wie läuft die Vorarbeit für einen Eintrag ab? „Zunächst wird beschlossen, ob es zu einem Anlass einen Eintrag ins Goldene Buch geben soll“, erklärt Christina Abele. Und die Anlässe können sehr unterschiedlich sein. Hoher Besuch ist der Klassiker, aber auch Jubiläen und Einweihungen können es ins Goldene Buch schaffen. Und hohe städtische Ehrungen: Ehrenbürgerwürden sind im Goldenen Buch verzeichnet, auch die Träger des Ehrenrings der Stadt erhalten bei der Verleihung einen Eintrag. Und die Stadtspitze verewigt sich bei Amtseinsetzung, Wiederwahlen, aber auch beim Abschied in den Ruhestand ins Buch. Selten geworden sind die Regel-Einträge bei städtischen Feiern: Zum Schäferlauf waren Einträge einst üblich, doch die gibt es nicht mehr.

Ist der Eintrag beschlossen, wird ein Text formuliert und in letzter Instanz vom Oberbürgermeister freigegeben. Dann wird die Vorlage nebst dem Buch zum Maler nach Giengen geschickt, der sich um die Kalligraphie und die Gestaltung kümmert. Wie lange dauert das? „Das geht eigentlich ziemlich schnell“, erklärt Christina Abele: „Wir lassen uns da zwei, drei Wochen Zeit, und das hat noch immer genügt.“

Was so locker klingt, ist es nicht. Nach 163 Einträgen in 45 Jahren gehen dem Goldenen Buch die Seiten aus. Als sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch am 11. Mai ins Buch eintrug, waren wieder zwei Seiten weg – und nun sind nur noch vier, maximal fünf Einträge übrig. Das wird bis ins kommende Jahr reichen, doch man muss sparen: Ein Exzess wie im Jahr 1979, als sich bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft Hunderte lebenslustiger Franzosen auf vielen Seiten im Buch verewigten, wären heute nicht mehr möglich: Das Goldene Buch verschwindet schnell und diskret, wenn unterschrieben wurde. Und es liegt bei Feierstunden nicht mehr länger offen aus, wie es offensichtlich einst der Fall war.

Während sich Heidenheim langsam auf die Suche nach einem neuen Goldenen Buch machen muss und sich das bisherige langsam schließt, kann man beim Blättern etwas Statistik betreiben: Drei Oberbürgermeister hat das Goldene Buch gesehen, und alle drei gingen sehr unterschiedlich damit um: Während der Amtszeit Martin Hornungs kamen fast 90 Einträge zusammen, was auch mit der lockeren Handhabung zu tun hatte. Stuttgarts früherer OB Manfred Rommel durfte sich gleich mehrfach bei Besuchen eintragen, das wäre heute so nicht mehr denkbar: Selbst Ministerpräsident Günther Oettinger brauchte für seine Mehrfach-Einträge mehrfache Gründe (Eröffnung Landesgartenschau, Kabinettssitzung in Heidenheim), einfach nur besuchen reicht nicht mehr – außer vielleicht bei der Kanzlerin. Oder der Queen. Oder dem Papst.

Unter der (weit kürzeren) Ägide von Hornungs Nachfolgers Helmut Himmelsbach war das Buch auf Diät: Nur neun Einträge kann man aus dieser Zeit zählen. Seit dem Amtsantritt von Bernhard Ilg sind inzwischen 65 Einträge beisammen, und anders als seine Amtsvorgänger unterschreibt Ilg bei fast jedem Anlass auch persönlich.

So muss das sein, denn das Goldene Buch ist mehr als ein Gästebuch für VIPs. Es ist ein Stück Stadtgeschichte in Leder, das bei all den großen Anlässen dabei war, von all den Gästen und Prominenten berührt und eigenhändig beschrieben wurde. Historiker reden bei so etwas von einem Dokument. Laien reden vom „Hauch der Geschichte“.

In Heidenheim nennen sie es das Goldene Buch.

Die drei Goldenen Bücher der Stadt Heidenheim gibt es als E-Books:

Goldenes Buch 1936 bis 1944

Goldenes Buch 1952 bis 1977

Goldenes Buch 1972 bis 2018