Heidenheim / Sandra Gallbronner Die IG Metall Heidenheim befragte Unternehmen, inwieweit sie auf digitale Technik setzen. Das Ergebnis: In jedem zweiten Betrieb fehlt eine Strategie. Dabei seien Neuentwicklungen zwingend nötig.

Selbstständig fahrende Gabelstapler, Montageroboter oder Datenbrillen, die dem Träger über eine Grafik, die im Blickfeld erscheint, genaue Arbeitsanweisungen gibt – die Industrie 4.0 ist längst in der Arbeitswelt angekommen. Und so beängstigend manche Entwicklungen auch sein mögen, am Ende liegen die Vorteile auf der Hand: Die Produktion wird flexibler, dynamischer, effizienter.

Industrie 4.0, Digitalisierung – so sperrig diese Begriffe auch erscheinen, so wichtig sind sie für Betriebe, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Wir dürfen nicht blauäugig sein. Wer nichts macht, den gibt es in ein paar Jahren nicht mehr, zumindest Kleinere“, sagt Maja Reusch, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall Heidenheim. Stattdessen sollten die Betriebe die digitale Entwicklung in ihrem Arbeitsfeld voranbringen und aktiv mitgestalten.

Bundesweite Befragung

Eben das machen viele Firmen in Deutschland, auch die hiesigen, nur unzureichend. Das ergab eine bundesweite Umfrage der IG Metall, in der Betriebsräte von Firmen unterschiedlicher Branchen und Größen nach ihrem Digitalisierungsfortschritt befragt wurden. Inwiefern sind Arbeitsabläufe bereits digitalisiert? Gestalten die Firmen auch die eigenen Produkte digital? Werden die Mitarbeiter in diesen Transformationsprozess eingebunden und berücksichtigt?

Im Landkreis Heidenheim wurden 13 Betriebe mit insgesamt 13 000 Beschäftigten befragt, darunter Mittelständler mit 160 Beschäftigten sowie große Firmen mit über 3000 Beschäftigten. Das Ergebnis: „Es gibt überall Defizite“, so Reusch. Bei den Führungskräften von fünf Betrieben spielt die Digitalisierung laut Betriebsrat keine Rolle. Lediglich in zwei Firmen hat sich die Führungsebene den digitalen Fortschritt fest auf die Fahne geschrieben. In Heidenheim habe nur jede zweite Firma eine Strategie zum digitalen Wandel erarbeitet, sagt Reusch: „Das müssen die Betriebe nachholen. Sie müssen mehr vorausschauen“.

Sorge bereitet den Gewerkschaftsfunktionären vor allem, dass die aktuellen Produkte die Beschäftigung nur noch mittelfristig sichern können. Selbst in guten Zeiten, wie es die vergangenen Jahre waren, würden die Heidenheimer Betriebe zu wenig in Innovationen investieren, zu wenig Neues entwickeln, um Betrieb und Beschäftigung zukunftsfest zu machen, gibt Reusch zu bedenken. Stattdessen werde vom Bestand gelebt.

Produktion ist digitalisiert

Im Kreis Heidenheim ist die digitale Technik, sei es durch 3D-Drucker, automatisierte Produktionsplanungen oder Produkte, die kommunizieren, am weitesten in der Produktion fortgeschritten. Im Bereich der Administration hat sie bislang kaum Einzug gehalten. Bei der Hälfte der befragten Firmen spielt künstliche Intelligenz und Software, die administrative Tätigkeiten automatisieren, keine Rolle, nur zwei haben sie bereits im Einsatz.

Dennoch werden administrativen Tätigkeiten sowie einfachere Montagearbeiten in den kommenden Jahren zunehmend von neuen Technologien übernommen. „Für Arbeitgeber wird hier das größte Rationalisierungspotenzial bestehen, wohingegen in der Produktion, in der mehr Fachleute gebraucht werden, dieses Potenzial geringer ausfällt“, sagt Ralf Willeck, Bevollmächtigter der IG Metall Heidenheim.

Sechs der befragten Heidenheimer Betriebe gaben an, im administrativen Bereich sowie Ein- und Verkauf Stellen abzubauen. Qualifizierte Kräfte wie Buchhalter, Rechnungsprüfer oder Sachbearbeiter – sie alle braucht es dann nicht mehr. „Wir können aus einer Kauffrau aber keinen Monteur machen“, so Willeck. Doch was machen die Beschäftigten dann?

Beschäftigte bleiben außen vor

Mit dieser Frage haben sich die Führungskräfte noch nicht eingehend beschäftigt, so ein weiteres Ergebnis der Analyse. 11 der 13 befragten Betriebsräte gaben an, dass der technologische Wandel nicht mit Entwicklungsperspektiven für Beschäftigte verbunden ist. Die Beschäftigten vor Ort werden somit nicht ausreichend mitgenommen und über Strategien informiert.

Erschreckt habe die Funktionäre der IG Metall zudem, dass künftig weniger junge Menschen ausgebildet werden sollen. „Der Aufbau im Bereich Softwareentwicklung und IT wird diesen Abbau nicht annähernd kompensieren“, sagt Reusch. Zudem spielt die Digitalisierung auch in der Ausbildung eine untergeordnete Rolle. In nahezu allen befragten Firmen fehle es an entsprechenden Lehrmitteln und -räumen, Ausbilder seien nicht ausreichend geschult.

Das trifft laut Analyse in den meisten Fällen auch auf die Betriebsräte zu, die meist keine eigene Digitalisierungsstrategie haben. „Sie können deshalb keine eigenen Impulse setzen“, bemängelt Reusch. Um ein Umdenken in den Betrieben zu bewirken, plant die IG Metall Heidenheim im Herbst eine Digitalisierungstagung für Betriebsräte. „Unserer Aufgabe ist es, Lust auf den digitalen Fortschritt zu machen“, sagt die Gewerkschaftssekretärin.

Wandel als Chance verstehen

Dabei möchte sie die digitale Entwicklung auch als Chance für bessere, gesündere Arbeitsplätze verstanden wissen: „Die Hierarchien werden flacher. Dadurch habe ich mehr Autonomie.“ Durch weniger monotone Arbeit würden die Beschäftigten zudem weniger belastet werden. Dennoch bleibt zuletzt die Frage: Komme ich mit dem Druck, der ständigen Erreichbarkeit, der Tatsache, dass mir die Technik den Takt vorgibt, klar? Am Ende bleibt einem wohl nichts anderes übrig.

Alte Produkte neu erfinden

Es reicht nicht, bestehende Geschäftsabläufe zu digitalisieren. Nun gelte es eigene Produkte neu zu erfinden, sagt IG Metall-Gewerkschaftssekretärin Maja Reusch. Auch wenn viele Betriebe hierbei noch hinterherhinken, Beispiele gibt es auch im Kreis Heidenheim:

In der Altenpflege könnten Windeln mit Sensoren, wie sie Hartmann plant, die Arbeit erleichtern. Über die Technik wird automatisch ein nötiger Wechsel angezeigt, sodass die Pflegenden die Zeit für Kontrollen einsparen können. Allerdings ist die Sensortechnologie noch recht teuer.

Voith testet die intelligente Geräuschanalyse in Wasserkraftwerken. Ein Überwachungssystem soll anhand der Geräusche permanent den Zustand der Maschine auswerten und frühzeitig erkennen, ob etwas nicht stimmt. So sind auch gezielte Wartungsarbeiten möglich.

Allerdings ist eine solche Modernisierung kostenintensiv: „Viele kleinere Betriebe werden sich das erstmal nicht leisten können, größere Firmen werden die Kosten durch Stellenabbau wieder reinholen“, so der Bevollmächtige der IG Metall Heidenheim, Ralf Willeck. sga