Heidenheim / Hendrik Rupp Beim Heidenheimer Heimat-und Altertumsverein sprach Dr. Wolfgang Proske über Siegfried Westphal – den „großen Unbekannten“ hinter dem Denkmal.

Die demnächst zehnbändige Buchreihe des Gerstetters Wolfgang Proske über NS-Belastete aus dem Südwesten heißt „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“. Auf Siegfried Westphal passen gleich alle drei Bezeichnungen perfekt. Der einstige Wehrmachtsgeneral, Rommel-Vertraute und spätere Rüstungslobbyist gilt laut Proske als der „Hauptverantwortliche“ für die Errichtung des umstrittenen Heidenheimer Rommel-Denkmals – und beim Heimat- und Altertumsverein machte Proske am Dienstag klar, dass das Denkmal Teil eines mit großem Aufwand betriebenen Plans war: Versteinerte „Geschichtspolitik“ der Nachkriegszeit, die weithin erfolgreiche Verbrämung der Rolle der Wehrmacht und ihres Generalstabs im Zweiten Weltkrieg.

Pedantisch und gewissenhaft

„Ziemlich typisch“ sei die Karriere des 1902 in Leipzig geborenen Westphal, so Proske: Der Sohn eines Postbeamten galt bei der Musterung als eingeschränkt, wollte aber unbedingt Soldat werden. Etwas pedantisch, aber ungemein gewissenhaft und als loyaler „Diener der Führung“ machte Westphal Karriere, wurde Leutnant, Oberleutnant, Major und ab 1939 Generalstabsoffizier, 1941 kam er nach Afrika und wurde für Erwin Rommel, so Proske, ein „kaum verzichtbarer Mitarbeiter“. Und als engster Vertrauter Rommels begleitete Westphal den „Sieg“ bei Tobruk, bei dem Tausende deutscher Landser verheizt wurden, die Wende des Feldzugs, die Niederlage bei El Alamein, den Rückzug und die Flucht über das Mittelmeer.

Ein „sauberer“ Feldzug, auch von den Alliierten bewundert? Proske hat andere Belege: 1942 unterstanden Westphal in Libyen allein 30.000 „Lavoratori“, also Zwangsarbeiter in deutsch-italienischen Diensten, die unter unmenschlichen Bedingungen in der Wüste schuften mussten.Dass der „Führerbefehl“, 1942 bei der jüdischen Freiwilligenarmee bei Bir Hakeim keine Gefangenen zu machen, nicht umgesetzt wurde, sei kein Großmut Rommels gewesen – die jüdischen Soldaten seien bereits alle verdurstet gewesen, es gab niemand mehr, den man hätte eliminieren können.

Was die Nazis in Ägypten und Palästina vorhatten, sei klar gewesen, so Proske. Ein Blick auf Tunesien genüge: Internierung und Zwangsarbeit für Juden, laut Proske sogar der Plan, ein KZ in Tunesien zu errichten. In Ägypten seien die Deutschen einfach nicht dazu gekommen.

1943 kam Westphal nach Italien und war erneut ein hochrangiger Verantwortlicher – auch für die Gräuel der Nazis gegen Partisanen und die Zivilbevölkerung. „Einfach umlegen“ solle man Zivilisten, die sich nicht an die Auflagen in Sperrzonen hielten, habe er in einem Telefonat erklärt, zitiert Proske aus seinen Recherchen.

Hurtiger Seitenwechsel

Kriegsverbrechen? Zumindest keine, für die Westphal gerade stehen musste: 1945 wechselte der frisch ernannte General hurtig die Seiten, um im Dienst der US-Armee Wehrmachtssoldaten „abzuwickeln“ und die Ereignisse des Weltkriegs in der „Historical Division“ aufzuarbeiten. Nur kurz sei er in Gefangenschaft geraten, die man sich eher als einen privilegierten Hausarrest vorstellen müsse, so Proske.

Bei den Nürnberger Prozessen trat Westphal nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge auf, und die wichtigsten Strippen hatte er bereits gezogen: Der Generalstab der Wehrmacht galt anders als die SS nicht als per se verbrecherisch, eine Auslieferung Westphals an Italien blieb aus. Mehr noch: Gemeinsam mit anderen Ex-Generälen habe Westphal mit einem großen historischen Konstrukt begonnen, der Geschichte von der sauberen Wehrmacht, deren Generäle von Adolf Hitler persönlich verführt und missbraucht wurden.

Ein Plan, den Westphal beharrlich verfolgte. In der jungen Bundesrepublik stieg er beim Rüstungskonzern Ruhrstahl (später Rheinstahl) auf, wurde Cheflobbyist in Bonn. Und Westphal verkaufte nicht nur Waffen, er setzte sich auch erfolgreich für Straffreiheitsgesetze ein. Auch engagierte er sich in europäischen Soldatenverbänden, um eine „Diffamierung des Deutschen Soldatentums“ zu bekämpfen. Rommel, bei den Alliierten populär, wurde da zu einem wertvollen Vehikel, das von Westphal systematisch zu einem Symbol der „sauberen Wehrmacht“ aufgebaut wurde.

Dazu zählte auch das Rommel-Denkmal in Heidenheim, auf das Westphal laut Proske „beharrlich hinwirkte“. Den Löwenanteil der Kosten übernahm der Verband der vormaligen Afrika-Kämpfer, der ansonsten „rauschende Feste“ mit viel Prominenz feierte: Proske zeigt Bilder, die Westphal mit der Sängerin Lale Andersen („Lilli Marleen“) zeigen.

Proskes Fazit: Das Heidenheimer Rommel-Denkmal sei keine Idee der Stadt gewesen und auch nicht gänzlich unumstritten. Der kommunistische Alt-Stadtrat Karl Sturm habe schon vor der Aufstellung gefragt, für was Rommel denn geehrt werde, was für ein Vorbild er denn sein solle. Die Stadt wagte den Spagat dennoch: OB Elmar Doch ließ sich bei der Einweihung vertreten, doch 1961 kam das Denkmal auf den Zanger Berg. Westphal persönlich war anwesend und feierte einen weiteren Erfolg. Bis zu seinem Tod 1982 sollte er zweimal das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Rommel-Denkmal: Neue Initiative

Was tun mit dem Rommel-Denkmal? Umgestalten, meint eine Initiative, die der Heidenheimer Künstler Rainer Jooß am Rande des Vortrags von Wolfgang Proske vorstellte. Jooß setzt dabei auch an einem bisher in Heidenheim weniger beachteten Thema an, nämlich den Millionen von vom Afrika-Korps vergrabener Landminen, die bis heute im Nordwesten Ägyptens für Tausende von Toten und Verstümmelten sorgen. Jooß‘ Ziel ist eine „zeitgemäße Beschäftigung“ mit Rommel und dem Denkmal, dafür sammelt er seit Wochen Unterschriften.