Heidenheim / Hendrik Rupp Es versorgt das komplette Voith-Werk mit Strom und Wärme und heizt nebenbei bei Hartmann sowie in über 20 Gebäuden der Stadt und in den Schloss-Arkaden: Das frühere Voith-Heizkraftwerk.

Gut, dass man das nicht im Keller hat: Kraftwerksleiter Jürgen Rößler verteilt Ohrenstöpsel und stemmt die schwere Metalltüre auf.

In der kleinen Halle herrscht der infernalische Lärm eines Maschinenraums in einem Schiff, was nicht verwundert: Ein riesiger Gasmotor läuft, eigentlich mit gemächlichen Drehzahlen, doch jeder seiner zehn Zylinder könnte einen ganzen Pkw-Motor einsaugen. Der gelbe Gigant tobt weiter, als wolle er keinen Besuch dulden. Raus, Türe zu, aufatmen.

Man kennt das Gebäude vom Vorbeifahren

Fünf solcher Blockheizkraftwerke bilden den Kern des Heizkraftwerks auf dem Voith-Areal. Das gewaltige Ziegelgebäude kennt man auch vom Vorbeifahren auf der Paul-Hartmann-Straße. Seit 1900 sorgte Voith für eigenen Strom und eigene Wärme, 1956 baute man den heutigen Altbau, der im Jahr 2000 erweitert wurde.

2013 übernahm die ENBW das Kraftwerk und investierte Millionen in die Anlage, die heute fast 40 Prozent allen in Heidenheim erzeugten Stroms produziert und mit der Fernwärme nicht nur das komplette Voith-Werk, sondern auch noch die Nachbarfirma Hartmann und über den Industriewärmeverbund über 25 Gebäude der Innenstadt versorgt. Rathaus und Schloss-Arkaden werden beispielsweise von hier aus beheizt, Kreissparkasse und Volksbank, auch das Pressehaus.

Die ENBW betreibt hier ganz klar die größte Heizung Heidenheims – und das nicht nur auf dem Gelände von Voith, sondern auch mitten in einem ansonsten weißen Fleck auf der ENBW-Karte: Der Energieriese hat nur hier Fuß im Revier seines kleinen Konkurrenten Stadtwerke Heidenheim fassen können.

Heute weniger Strom produzieren als früher

Das Konzept der Anlage wurde seit 2013 den geänderten Anforderungen angepasst. Nur noch ein Dampfkessel ist geblieben, denn Heißdampf (nicht Fernwärme) wird nicht mehr nach außen geliefert. Stowe Woodward bezog einst Dampf, auch Hartmann, beides ist vorbei. Bis zu 50 Megawatt leistet das Kraftwerk thermisch, knapp über 13 Megawatt elektrisch. Das genügt für den Stromverbrauch des kompletten Voith-Werks, Überschüsse werden ins Netz eingespeist.

Gerade bei der Stromerzeugung hat das Kraftwerk über die Jahrzehnte deutlich abgerüstet, was vor allem am Verbrauch bei Voith liegt, wie Matthias Presti, Leiter des Voith-Energiemanagements erklärt: Reihenweise Spitzenverbraucher wie die großen Versuchspapiermaschinen oder die Voith-Gießerei sind Geschichte und fordern das Kraftwerk nicht mehr. „Ein Ofen der Gießerei sorgte schon mal für Lastspitzen von sechs oder gar acht Megawatt“, so Presti – so viel Strom wie Tausende von Haushalten auf einmal.

Tatsächlich sorgte der Trend vom „blauen Voith“ zum „weißen Voith“ für weniger Produktion und mehr Büros, die einen weit normaleren Energiebedarf haben. „In unserem Gesamtverbrauch sehen wir schon sehr deutlich die üblichen Bürozeiten“, sagt Presti – und ganz übliche Faktoren wie zum Beispiel längeres Tageslicht im Sommer.

70 bis 80 Prozent der Leistung gehen zu Voith

Vor über 100 Jahren hatte Voith seine Kraftwerke gebaut, weil man sich nicht auf die landesweiten Netze verlassen konnte oder der gewaltige Verbrauch des Werks zu Blackouts hätte führen können. Später war das Kraftwerk günstiger als eine externe Versorgung, die Voith gerade die gewaltigen Lastspitzen teuer in Rechnung gestellt hätte. Lohnt sich das Kraftwerk bei einem immer normaleren Verbrauch denn noch?

„Wir haben vor 2013 in der Tat gerechnet, ob es anders besser wäre“, sagt Presti, „aber wir kamen zum Ergebnis, dass wir mit dem Kraftwerk besser fahren.“ Die Anlage im Werk lasse sich optimal auf den Bedarf einstellen und müsse nie leerlaufen, keine Reserven vorhalten.

70 bis 80 Prozent der Leistung geht ins gewaltige Voith-Werk, und dort wird Strom sozusagen mit Ansage verbraucht: Feiertage mit deutlich weniger Betrieb? Volle Arbeitszeitkonten zum Monatsende? Dann weiß auch das Energiemanagement, dass der Bedarf sinken wird – und das weiß dann auch das Kraftwerk.

Dessen Mitarbeiter, genauer gesagt. Kraftwerksleiter Jürgen Rößler steht an der Spitze eines nur noch dreiköpfigen Teams, das die riesige Anlage betreut und wartet. Fast gespenstisch leer sind die teils riesigen Hallen, in denen einst Dutzende von Mitarbeitern überwachten und regelten. Doch die moderne Technik hat hier fast alles geändert.

Heute läuft alles digital

Nur noch einige Bildschirme sind im großen früheren Leitstand in Betrieb, nebenan stehen die alten Steuerpulte wie im Museum, mit Hunderten von Knöpfen, Warnlampen und wichtig aussehenden Telefonhörern aus Bakelit.

Heute läuft alles digital, und das Heidenheimer Team muss auch keinen Dreischichtbetrieb fahren. „Nachts wird das Kraftwerk zentral von Stuttgart aus überwacht“, erklärt Bernhard Bürzle, zuständiger Projektkoordinator bei der ENBW-Tochter „Sales and Solutions“ in Stuttgart. Dort hatte man auch den Umbau ab 2013 geplant, der sich über eineinhalb Jahre hinzog. Einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag investierte die ENBW in das Kraftwerk, für neue Maschinen wurde die denkmalgeschützte Backsteinfassade teils Stein für Stein geöffnet und später wieder zusammengesetzt.

„Das Beeindruckende war, dass die ENBW den Umbau komplett im laufenden Betrieb leistete“, lobt Voith-Energiemanager Presti. Auch das ein Grund für Voith, auf das Kraftwerk zu setzen: „Ich sehe durch diese Autonomie sehr viele Chancen auf noch mehr Effizienz“, sagt Presti.

Netzsicherheit: Für das Heidenheimer Kraftwerk kein Problem

Von der Sicherheit ganz zu schweigen. „Es ist kein Geheimnis, dass die Netzsicherheit in ganz Europa in den Vorjahren nicht gerade zugenommen hat“, erklärt Bernhard Bürzle. Die starken Schwankungen durch Wind- und Solarstrom belasten die Netze enorm, Blackouts haben deutlich zugenommen. Das Heidenheimer Kraftwerk hingegen läuft seit Jahrzehnten wie geschmiert. „Es gibt schon mal Störfälle, aber keine, die unsere Kunden merken würden“, sagt Leiter Rößler.

Was sollte auch passieren? Fünf Blockheizkraftwerke ergänzen sich und sorgen für enorme Verlässlichkeit. Sollte das Erdgas ausfallen, lagern vor dem Kraftwerk Heizölreserven für drei bis vier Tage in gewaltigen Tanks. Und kürzere Betriebspausen sorgen auch im strengsten Winter nicht für kalte Füße: Fünf Heißwasserspeicher mit jeweils 250 Kubikmetern stehen parat, damit das Wasser für die Fernheizung nie ausgeht.

Mit 105 Grad und 4,5 bar Druck (darum kocht das Wasser bei dieser Temperatur noch nicht) fließt es ins Werk und in die ganze Stadt. Verschwindet über die vielen Kilometer nicht Energie? „Die Leitungen sind bestens isoliert, selbst bis zu den Schloss-Arkaden verlieren wir kaum Temperatur“, so Rößler. Nur direkt vor dem Kraftwerk, wo sich die Leitungen unter der Straße im Werk bündeln, bleibe auch im tiefsten Winter kein Schnee liegen: Fußbodenheizung als Nebeneffekt.

Im Gegensatz zum AKW wird die Abwärme genutzt

Und wie eine Heizung wird die thermische Leistung des Kraftwerks auch den Jahreszeiten angepasst: Bis zu 33 Megawatt Leistung „verheizt“ die Anlage an besonders kalten Wintertagen, im Hochsommer sinkt dieser Wert auf knapp über 20 Megawatt. Das klingt nicht nach viel, doch anders als die eigene Heizung im Keller kann man das Kraftwerk ja nicht ausschalten, weil es ja auch im Sommer Strom erzeugen muss.

Mit diversen Tricks hat die ENBW die Effizienz der Anlage hart an die 90 Prozent gekitzelt – ein absoluter Spitzenwert. Und während das Atomkraftwerk in Gundremmingen überschüssige Abwärme nutzlos in Dampfwolken in den Himmel bläst, wird die Wärme hier intelligent genutzt. In Heidenheims größter Heizung.