Heidenheim / Manuela Wolf Wenn Diabetiker in Unterzucker geraten, sondert ihre Haut kalten Schweiß ab. Sogenannte Hypo-Hunde können das riechen – und schlagen Alarm.

Früher war alles besser bei Familie Yetim. Denn früher, vor zwei Jahren, als der kleine Can noch gesund war, war die Lebenslust so groß und die Sorgen waren so klein.

Dann die kam die Diagnose: Diabetes. Plötzlich stand der Alltag Kopf. Die Krankheit bestimmt seitdem den Tageslauf bis weit hinein in die Nacht. Tag für Tag müssen Abläufe und Regeln strengstens eingehalten werden. Nachlässigkeiten kann sich niemand erlauben. Sie könnten Can das Leben kosten.

Für Mama Nuri, Papa Servet, Tochter Aylin und Nesthäkchen Can war es deshalb tröstlich zu erleben, dass selbst das Schlechteste immer auch etwas Gutes mit sich bringt. Im Falle Yetim hatte es sogar einen Namen: Simba.

Der schokobraune Labrador-Rüde ist seit knapp zwei Jahren im Heidenheimer Osterholz zu Hause. „Mit dem Hund kam die Lebensfreude zurück“, sagt Mama Nuri. „Er war so niedlich. Wir konnten endlich wieder Lachen.“ Für seine Familie ist Simba Kuscheltier, Gute-Laune-Macher, treuer Wegbegleiter. Und: Lebensretter.

Der gelehrige Labrador ist ein sogenannter „Diabetiker-Warnhund“. Er kann riechen, wenn Can in Unterzucker gerät. Dann prescht er los, kratzt den Achtjährigen am Bein oder schlägt mit Hilfe einer elektronischen Glocke Alarm.

Harte Zeit nach Diagnose

Die ersten Monate nach der Diagnose waren hart. Can, der damals die erste Klasse der Ostschule besuchte, musste sich von heute auf morgen wie ein Erwachsener benehmen. Vernunft, Geduld, Einsicht, er musste so sein, wie aufgeweckte Sechsjährige normalerweise nicht sind.

Mama Nuri und Papa Servet mussten von heute auf morgen Diabetes-Experten werden. Im Klinikum Heidenheim durchliefen sie zwei Wochen lang eine Elternschulung. Mama Nuri: „Meine Psyche war ganz unten. Ich fühlte mich total überfordert und sorgte mich Tag und Nacht um das Leben meines Sohnes. Dass unsere Nächte inzwischen ruhiger geworden sind, liegt an Simba. Er gibt uns allen ein Gefühl von Sicherheit.“

Dass die jungen Diabetiker wegen ihrer Krankheit oft außen vor sind, schmerzt nicht nur die Eltern. Auch die Kinder spüren die Unsicherheit, mit der ihnen ihr Umfeld begegnet. Wer will schon die Verantwortung übernehmen, wenn was passiert? Dr. Ulf Elpel, Leitender Oberarzt am Klinikum Heidenheim und Spezialist für Kinder-Diabetes, organisiert deshalb Treffen, Ausflüge und Schulungen für seine kleinen Patienten. Servet Yetim: „Es tut Can gut zu sehen, dass er nicht der Einzige ist, der von dieser Krankheit betroffen ist.“

Was die Kinder nervt: Ohne ihre Eltern geht gar nichts. Ist Can beispielsweise bei einem Klassenkameraden zu Besuch und will dort etwas essen, muss er erst Rücksprache halten. Papa Servet: „Durch diese ständige Kontrolle hat man ein Zuviel an Beziehung. Nimm deinen Rucksack mit! Vergiss das Messen nicht! Ruf uns an! Iss noch was! Das macht Selbstständigkeit fast unmöglich. Es dauert viel länger, bis man solche besonderen Kinder loslassen kann.“

Anfangs war Can in seiner Klasse Außenseiter. Was sollen diese täglichen Besuche von Mama, Papa oder Schwester in der Schule? Was hat es mit der Spritze auf sich? Was stimmt nicht?

„Inzwischen habe ich Freunde, die mir auch mal beim Messen helfen oder die Lehrerin rufen, wenn es mir nicht gut geht“, sagt der Junge.

Theoretisch könnte auch diese Aufgabe ein „Hypo“-Hund übernehmen. Praktisch ist Simba dafür noch zu jung. Can: „Er würde ja alles durcheinander bringen im Unterricht. Er ist immer so aufgeregt.“

Schwester Aylin, die in Schwäbisch Gmünd an der Pädagogischen Hochschule studiert, ist zuversichtlich, dass sich dieses Problem mit der Zeit von selbst löst. Bis dahin muss Simba das sogenannte Anzeigen üben.

Die „Zielperson“, also Can, muss 20 Minuten lang Unterzucker aushalten. Das T-Shirt, das dabei getragen wurde, wird eingefroren und Stück für Stück fürs Training benutzt. Wittert der Hund den typischen Unterzucker-Geruch, muss er sich durch Kratzen oder Klingeln bemerkbar machen. Die elektrische Glocke kann mit der Pfote gedrückt werden.

Selbst trainiert – mangels Geld

Zwischen 8000 und 12 000 Euro kostet ein ausgebildeter Hund. Anders als bei Blindenhunden beteiligt sich die Krankenkasse nicht an den Kosten. Aylin machte sich deshalb schlau und fand eine kostengünstigere Möglichkeit. Er trainiert den Hund selbst. Als Simba zwölf Wochen alt war, fuhr er zum ersten Mal mit ihm nach Stuttgart zur Schulung.

Auch wenn sich die Aufregung der ersten Monate gelegt hat, Familie Yetim kommt immer wieder an ihre Grenzen. Jede Mahlzeit ein Kraftakt: Wie viele Nudeln willst du haben, wie viel Brot? Umrechnen, messen, spritzen, erst dann kann gegessen werden.

Und dann dieser Schreibkram und diese endlosen Diskussionen mit der Krankenkasse über Leistungen. Can geht mit dem Hund runter in den Garten. Mit einer alten Tellerschaukel spielen die beiden Tauziehen, und als Can stürzt und sich die Hüfte aufschürft, eilt Simba sofort herbei und begleitet seinen Menschenfreund nach oben.

Mama Nuri ist immer wieder gerührt, wenn sie erlebt, wie nah sich Kind und Hund doch sind: „Ich frage mich manchmal: Ist das wirklich nur ein Hund oder ist das eine supergute Seele?“