Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer? Die Frage, die vielen von uns im vergangenen Jahr öfter durch den Kopf gegangen sein dürfte, ist in diesem Jahr wohl beantwortet: 2022 ist Sommer. Und zwar richtig.

Und während sich in den Straßen der Städte die Hitze staut und die Klimaanlagen in den Büros auf Hochtouren laufen, nutzt die Natur ihre ganz eigenen Kühlmechanismen: Wer bei Temperaturen jenseits der 30 Grad nämlich in unseren Wäldern unterwegs ist, wird feststellen, dass es dort immer deutlich angenehmer und einige Grad kühler ist. Das liegt nicht nur daran, dass die voll im Saft stehenden Bäume wohltuenden Schatten spenden, sondern auch daran, dass die Bäume quasi ebenfalls schwitzen: Sie ziehen über ihre Wurzeln das Wasser aus dem Boden und transportieren es in ihre Blätter und Nadeln. Dort verdunstet das Wasser: Es entsteht Verdunstungskälte, die wiederum die Temperatur in den Wäldern deutlich niedriger hält als auf freien Flächen.

Waldarbeiter als Borkenkäfer-Detektive

Das aber ist nicht das einzige Geheimnis, das die Wälder im Sommer zu bieten haben. Hin und wieder sind bereits jetzt im Juli die Geräusche der Motorsägen im Wald zu hören – und das, obwohl die eigentliche Holzernte noch gar nicht begonnen hat. Schuld ist – mal wieder – der Borkenkäfer. Der hat derzeit nämlich Hochkonjunktur, was für die Waldarbeiter vor allem eines bedeutet: die Augen offen halten.

Vom Borkenkäfer befallene Bäume müssen rechtzeitig entfernt werden.
Vom Borkenkäfer befallene Bäume müssen rechtzeitig entfernt werden.
© Foto: Carolin Wöhrle

Wie Dr. Hans Untheim, Leiter des Bezirks Östliche Alb der Forst BW, erklärt, sind befallene Bäume in Trockenzeiten recht schnell zu erkennen, weil sich am Fuße des Stamms kleine Haufen von Sägemehl bilden. Etwas schwieriger wird es dann, wenn es geregnet hat und die Spuren wieder verwischt sind. Aber auch dann hilft den Waldarbeitern die jahrelange Erfahrung dabei, befallene Bäume zu entdecken und möglichst schnell zu entfernen.

Borkenkäfer-Jagd mit App: Auch der Forst wird digital

Unterstützt werden sie dabei mittlerweile durch sogenannte Field-Maps-Apps: Über diese können Borkenkäfer-Bestände in den Revieren digital markiert und an die Kollegen gemeldet werden. So weiß jeder sofort, wo mit der Motorsäge angerückt werden muss. Im Übrigen dürfte den meisten von uns seit Corona der Begriff R-Faktor schmerzlich bekannt sein. Während die Experten bei dem Virus schon bei einem R-Faktor über eins ins Schwitzen kommen, können die Forstarbeiter beim Borkenkäfer nur davon träumen: Hier beträgt der R-Faktor nämlich 20. Das heißt: Wird ein befallener Baum nicht rechtzeitig entfernt, ist mit einem Befall von weiteren 20 Bäumen im Umkreis zu rechnen.

Er mag klein sein, der Buchdrucker: Doch diese Borkenkäfer-Art richtet in unseren Wäldern mit Abstand die größten Schäden an.
Er mag klein sein, der Buchdrucker: Doch diese Borkenkäfer-Art richtet in unseren Wäldern mit Abstand die größten Schäden an.
© Foto: Carolin Wöhrle

Die gute Nachricht: Das recht feuchte Frühjahr hat die Borkenkäfer-Entwicklung in diesem Jahr etwas gebremst, wobei sie im Vergleich zum vergangenen, recht kühlen Sommer schon wieder drei Wochen voraus ist. Derzeit sind Bäume noch hauptsächlich von der ersten Käfer-Generation befallen. „Wenn es viel regnet, produzieren die Bäume viel Harz“, erklärt Untheim den Abwehrmechanismus der Pflanzen gegen die Schädlinge: „Sobald die Borkenkäfer die Rinde anbohren, werden sie vom Harz ertränkt.“ Bei der derzeitigen Trockenheit ist damit allerdings bei dieser Generation vorerst nicht mehr zu rechnen.

Trockenheit und Hitze: Feuer ist derzeit absolut tabu

A propos Trockenheit: Von echten Waldbränden ist der Landkreis zwar bislang verschont geblieben, dennoch mahnt Untheim angesichts des derzeitigen Niederschlagsmangels zur Vorsicht: Feuer ist in den Wäldern oder an den Waldrändern im Moment absolut tabu.

Wer in den Sommermonaten durch die Wälder geht, wird feststellen, dass es im Vergleich zum Frühjahr deutlich stiller geworden ist: Die Brutzeit der Waldvögel ist abgeschlossen. Derweil sind die anderen Tiere noch mit der Aufzucht ihrer im Frühling geborenen Jungtiere beschäftigt. Deshalb gilt auch weiterhin: Hunde, die nicht zuverlässig abrufbar sind, müssen an die Leine. Und auch Herrchen und Frauchen sollten die Waldwege nicht verlassen.

Keimruhe: Wie Rehe ihre Trächtigkeit unterbrechen

Bei den Rehen und Mardern beginnt übrigens im Sommer schon wieder die Paarungszeit. Dennoch kommen ihre Jungtiere erst im kommenden Frühjahr zur Welt. Wie kann das sein? Das liegt an der sogenannten Keimruhe, die laut Forst-Experte Untheim in unseren Gefilden nur bei Rehen, Dachsen und Mardern vorkommt: Die Tiere paaren sich und nach der Befruchtung beginnt im Mutterleib die Zellteilung. Kurz danach wird diese gestoppt und setzt erst wieder im ausgehenden Winter ein.

Bei den Rehen ist im Sommer Paarungszeit. Die Tiere sind in diesen Wochen extrem unvorsichtig, umso aufmerksamer sollten Waldbesucher und Autofahrer sein.
Bei den Rehen ist im Sommer Paarungszeit. Die Tiere sind in diesen Wochen extrem unvorsichtig, umso aufmerksamer sollten Waldbesucher und Autofahrer sein.
© Foto: stock.adobe.com/rlang

Bei Autofahrern ist während der Paarungszeit absolute Vorsicht geboten: „Bei den Tieren knallt da im Hirn etwas durch“, sagt Untheim: „Die Rehe rennen dann wirklich wie verrückt und ohne Rücksicht durchs Gebüsch und über Straßen.“

Die Gelbbauchunke: klein, aber besonders

Ein weiterer besonderer tierischer Vertreter ist an manchen Stellen im Landkreis Heidenheim zu entdecken – allerdings nur, wenn man ganz genau hinsieht: die Gelbbauchunke. Im Distrikt Ascherhau zwischen Nattheim und Oggenhausen sind diese gefährdeten Tiere heimisch geworden.

Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar, die Gelbbauchunke.
Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar, die Gelbbauchunke.
© Foto: Carolin Wöhrle

Die Unke sieht auf den ersten Blick unscheinbar aus mit ihrer Größe von gerade einmal fünf bis sieben Zentimetern und ihrer dunkelbraunen Färbung an Kopf und Rücken. Deutlich zu erkennen ist sie nur, wenn ihre leuchtend gelbe Markierung am Bauch zu sehen ist. Heimisch ist sie in sehr flachen Gewässern. Und da diese bei uns eher selten sind, hat sie sich ältere, mit Regenwasser gefüllte Rückegassen der Forstarbeiter als neue Domizile ausgesucht.

Bei näherem Hinsehen ist zu erkennen, woher die Gelbbauchunke ihren Namen hat.
Bei näherem Hinsehen ist zu erkennen, woher die Gelbbauchunke ihren Namen hat.
© Foto: Carolin Wöhrle

In diesen laicht die Gelbbauchunke und ist, mit etwas Glück und ganz viel Ruhe, dort auch zu finden. Allerdings nur solange sie sich die Pfützen nicht mit Libellen teilen muss: „Die Larven der Libelle sind räuberisch“, sagt Untheim. „Sie fressen die Larven der Gelbbauchunke.“

Blühende Wiesen inmitten der Wälder

Die Wälder im Landkreis Heidenheim erfüllen längst nicht mehr nur den Zweck von Holzlieferanten. Das Thema Naturschutz nimmt einen immer größeren Teil in der Arbeit von Forst BW ein. Im Distrikt Osterholz ist das beispielsweise auf besonders schöne und bunte Weise zu beobachten: Hier wurde auf einer Lichtung eine Wildblumenwiese mit heimischen Pflanzenarten angelegt.

Bei Forst BW geht es längst nicht mehr nur um Bäume und Holzwirtschaft. Auch Naturschutz wird mittlerweile groß geschrieben – wie hier auf der Wildblumenwiese im Distrikt Osterholz.
Bei Forst BW geht es längst nicht mehr nur um Bäume und Holzwirtschaft. Auch Naturschutz wird mittlerweile groß geschrieben – wie hier auf der Wildblumenwiese im Distrikt Osterholz.
© Foto: Carolin Wöhrle

Am Rand der Wiese wurden lichtliebende Obstbäume gepflanzt. Es summt und brummt: Wildbienen und Hummeln finden hier ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Auf insgesamt sechs Hektar hat der Forstbezirk mittlerweile Wildblumenwiesen angelegt.

Pilotprojekt Mittelwald: Waldbau wie im 19. Jahrhundert

Im Distrikt Trinkhau bei Nattheim wiederum startete 2019 das Pilotprojekt Mittelwald für ebenfalls lichtliebende Tier- und Pflanzenarten. Beim Mittelwald handelt es sich um eine historische Bewirtschaftungsform die so bis etwa 1900 praktiziert worden ist. Auf einer Fläche wurden sowohl Bäume für Brennholz als auch für Bauholz gepflanzt. „Nach etwa 20 bis 30 Jahren waren die Brennholzbäume reif für die Ernte“, erklärt Untheim. Danach blieb auf dieser Fläche zunächst nur das sogenannte Oberholz stehen: ein Paradies für bestimmte, lichtliebende Tierarten, insbesondere Schmetterlinge.

2019 wurde der Mittelwald bei Nattheim angelegt. Mittlerweile hat sich die äußert seltene und gefährdete Schmetterlingsart Wald-Wiesenvögelein hier wieder angesiedelt.
2019 wurde der Mittelwald bei Nattheim angelegt. Mittlerweile hat sich die äußert seltene und gefährdete Schmetterlingsart Wald-Wiesenvögelein hier wieder angesiedelt.
© Foto: Carolin Wöhrle

Forst BW hatte sich im Trinkhau zum Ziel gesetzt, das sogenannte Wald-Wiesenvögelchen anzusiedeln, eine auf den ersten Blick unscheinbare, aber äußerst seltene Schmetterlingsart. Und tatsächlich: Das Wald-Wiesenvögelchen konnte im neu angelegten Mittelwald beobachtet werden. In den meisten anderen Bundesländern ist die Art stark vom Aussterben bedroht oder bereits komplett verschwunden.

Landkreis Heidenheim