Heidenheim / Günter Trittner 1000 Allgäuer protestierten am Samstag vor der Voith-Konzernzentrale gegen die Schließung des Werks in Sonthofen mit 517 Beschäftigten. Auch der Sonthofener Bürgermeister war dabei: Fassungslos.

Am 14. Oktober hat Voith angekündigt, das Werk in Sonthofen in einem Jahr zu schließen. 517 Mitarbeiter sind betroffen. Voith ist in der 21.000 Einwohner zählenden Gemeinde der größte Arbeitgeber. Was sie davon halten, machten über 1000 Allgäuer vor der Voith-Konzernzentrale an der St. Pöltener Straße deutlich. „Unser Werk darf nicht geschlossen werden“, forderte Carlos Gil, der zweite Bevollmächtigte der IG-Metall Allgäu.

Youtube Sonthofer Voithianer demonstrieren in Heidenheim

Mit 17 Bussen waren Beschäftigte, Familienmitglieder und Angehörige weiterer Unternehmen um Sonthofen nach Heidenheim gereist. 20 Minuten zog sich der Protestzug über die Erchenstraße zum Firmenportal hin. Kuhglocken wurden geläutet und Sirenen dröhnten.

Sonthofer Bürgermeister: „Keinerlei Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern“

Mit nach Heidenheim war auch Sonthofens Bürgermeister Christian Wilhelm gekommen. Es herrsche Fassungslosigkeit und Bestürzung in der ganzen Stadt. Der Metallbau habe in Sonthofen eine fast 500-jährige Geschichte. Beklagt wurde von Wilhelm, dass Voith keine Zahlen nenne.

Der Betriebsrat sei viel zu spät informiert worden. Das Unternehmen zeige keinerlei Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern. „Aus meiner Sicht stimmt da was nicht.“ Die Bitte des Bürgermeisters an Voith: „Zeigen sie, dass sie noch Familie sind und nicht nur ein Konzern.“ Die ganze Stadt werde weiter um den Erhalt des Werks kämpfen.

„Ein Scheiß-Weihnachtsgeschenk!“

Die Betriebsratsvorsitzende Birgit Dolde sprach von einer „unverständlichen und brutalen Entscheidung“ in Heidenheim. „Das begreift hier keiner.“ Denn die Produktion in Sonthofen sei rentabel. „Das ist ein gewinnbringender Standort.“ Gil legte noch nach: Die Umsätze seien steigend, der Auftragseingang lege zu. Und unter dem Markennamen BHS genieße das Unternehmen eine hohe Wertschätzung bei den Kunden. „Sie rauben 517 Menschen mit ihren Familien ohne Not ihre Existenz“, hielt Gil der Voith-Konzernleitung vor. „Das ist ein Scheiß-Weihnachtsgeschenk, behalten Sie es.“

Ralf Willek, der erste Bevollmächtigte der IG-Metall Heidenheim, wies darauf hin, dass nächsten Mittwoch der Voith-Aufsichtsrat zusammentrete. Es liege in der Verantwortung der Familie Voith, hier Alternativen zu prüfen. „Wir werden alles tun, dieses Werk zu erhalten“, versicherten Willek wie Ute Schurr, die Vorsitzende des Betriebsrat von Voith Turbo den Sonthofenern ihre Unterstützung.

„Schauen Sie nicht nur auf Zahlen, schauen Sie in die Gesichter der Menschen, damit Sie verstehen mit welcher Leidenschaft hier in Sonthofen Produkte hergestellt werden“, appellierte Gil.

Unter den Teilnehmern der Protestaktion war auch SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier.

In dieser Woche hat Voith angekündigt zwei Standorte zu schließen und Hunderte Stellen abzubauen. Doch nicht nur bei der Antriebstechniksparte Turbo gibt es Probleme, meint HZ-Redaktionsleiter Thomas Zeller in seiner Kolumne.

Voith Turbo plant, bis Ende 2020 bundesweit 230 Stellen abzubauen und weitere 370 zu verlagern. Was passiert mit dem Standort Heidenheim?

„Ein eingespieltes Team von Spezialisten“

Voith tritt in Sonthofen als J,M.Voith SE & Co. KG auf. Verkauft wird unter dem seit 1932 existierenden Markenamen BHS. Hergestellt werden in Sonthofen von 517 Mitarbeitern Turbogetriebe, Membrankupplungen und Rotordrehvorrichtungen.

Auf der Homepage von Voith wird die anspruchsvolle Fertigung beschrieben. „Um die Leistung von mehr als 100 000 PS (80 MW) mit einem Getriebe bei gleichzeitig mehreren tausend Umdrehungen pro Minuten zuverlässig übertragen zu können, ist höchste Präzision und umfangreiches Know-how erforderlich. Nur mit einer Fertigungsgenauigkeit von wenigen tausendstel Millimetern, Spezialwerkstoffen, ausgefeilten Berechnungsprogrammen und einem eingespielten Team aus Spezialisten mit langjähriger Erfahrung ist dies möglich. Voith in Sonthofen hat dies – seit über 80 Jahren“. gt