Heidenheim / Patrick Vetter Die Theater-AG der Eugen-Gauß-Realschule inszeniert jedes Jahr ein selbst geschriebenes Stück. Diesmal geht es um Respekt.

„Die bösen Rollen sind die besten“, sind sich alle Teilnehmer der Theater-AG der Eugen-Gauß-Realschule einig. „Da kann man sich einfach mal gehen lassen und jemand ganz anderes sein“, liefert Marina Hammer auch gleich die Erklärung. Sie ist eigentlich gar keine Schülerin mehr, sondern 20 Jahre alt und arbeitet in einer Kneipe. Nach vielen Jahren in der Theater-AG hilft sie nun aber in ihrer Freizeit als Regie- und Technikassistentin mit.

Auch dieses Jahr gibt es wieder einige „böse“ Rollen, denn das aktuelle Stück handelt von Gewalt, Gemeinheiten im Schulalltag und mutigen Jugendlichen.

„Es geht um Respekt, und das ist ein Thema, das immer aktuell ist“, sagt Schülerin Lena Wittl. So lautet auch der Titel des Stücks: „Respekt“ wurde von Lehrerin Brigitte Krug-Oberlader schon in den Sommerferien 2018 geschrieben. Das mache sie immer so früh, damit die Proben und die Arbeit rund um die Inszenierung gleich zum Schuljahresbeginn starten können. Seit 20 Jahren macht Krug-Oberlader das nun mit stetig wechselnder Besetzung ihrer Schauspieltruppe und weiß, weshalb. Die Geschichte steht zwar grob, fertig ist aber zu Beginn noch gar nichts. Die Schüler basteln mit an der Handlung und bringen ein, was ihnen wichtig ist.

Dafür setzen sich die AG-Teilnehmer nicht nur in ihrer Probenstunde jeden Montag, sondern auch mal an freien Tagen zusammen. „Wir spielen keine klassischen Stücke. Es ist mir wichtig, dass die Handlung nahe an der Lebenswirklichkeit der Schüler ist“, sagt Krug-Oberlader. Die Rollen werden dann auch gemeinsam verteilt. Meistens gibt es einen Schüler, für den eine Rolle am besten passt. Gibt es zwei Bewerber, entscheiden Krug-Oberlader und Hammer nach einem Vorsprechen.

Die eigene Meinung der Schüler zum Thema des aktuellen Stücks wird in einer Szene sehr deutlich: Mit weißen Masken und Handschuhen flüchten sich die Schüler kurz aus der eigentlichen Handlung ins Abstrakte und erklären dem Publikum, was Respekt, beziehungsweise Respektlosigkeit, bedeutet. Jeder Schüler auf seine ganz eigene Art mit ausdrucksstarken Sätzen, die sie vorher selbst formuliert haben. Die Abfolge steigert sich, bis alle rufen: „Respektlosigkeit ist asozial.“

Abgesehen von solchen moralischen Hinweisen handelt das Stück von einer Freundschaft zweier Mädchen, die beide aufgrund von Äußerlichkeiten ausgegrenzt werden. Eine der beiden zeigt immer wieder auf, wie viel ein gesundes Selbstbewusstsein ausmachen kann und dass es wichtig ist, sich gegen Respektlosigkeiten zu wehren.

Neben den dramatischen Elementen ist auch ein kleiner Film Bestandteil der Inszenierung. „Die Situationen daraus sind alle aus dem Schulalltag. Da sieht man, was manchmal für kranke Scheiße passiert“, erklärt Zehntklässlerin Isabell Richter, wie die Gruppe auch ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet. Hinter der Kamera stand Sven Heinle bei dem Film. Er ist für die Theatertechnik mitverantwortlich. „Und er muss immer für eine männliche Rolle herhalten“, sagt die leitende Lehrerin der AG. In der Gruppe sind nämlich nur zwei Jungs – die können sich ihre Rollen meist nicht aussuchen.

Über das Schuljahr entsteht in der Theater-AG der EGR aber mehr als nur ein Stück. Die Gruppe wächst während der gemeinsamen Arbeit zusammen. „Hier wird niemand ausgelacht. Jeder kann sein wer er mag“, beschreibt Isabell die Atmosphäre in der AG. „Es ist schön zu sehen, was gemeinsam entstehen kann“, stimmt ihr Sarah Hartel zu. Die Truppe funktioniert gut zusammen, obwohl Schüler von der sechsten bis zur zehnten Klasse dabei sind. „Wer einmal mitspielt, der bleibt normalerweise auch in der Theater-AG“, sagt Krug-Oberlader. So spielt die Zehntklässlerin Jennifer Halfinger schon ganze vier Jahre in den Inszenierungen ihrer Lehrerin mit. Wenn jemand nicht in die Gruppe passt, merke man das schnell: „Ich musste auch schon Leute rausschmeißen“, erzählt Krug-Oberlader.

Die Schüler entwickeln sich aber auch alle individuell. Das Selbstbewusstsein und Auftreten verändere sich. „Eine Rolle zu spielen ist am Anfang gar nicht so einfach“, sagt die Leiterin. „Texte lernen ist das Einfachste. Schwer ist es, sie auch richtig rüberzubringen“, pflichtet ihr Lena Wittl bei, und das funktioniere nur mit viel Übung.