Landkreis / Laura Strahl Seit Monaten lodern im weit entfernten Australien die Flammen. Vorstellen kann man sich das im nebligen Heidenheim nicht so recht. Nathalie Reiter und Elvira Rüger, beide ursprünglich aus dem Kreis Heidenheim, erleben die Katastrophe vor Ort.

In kaum einer Nachrichtensendung bleiben sie momentan unerwähnt: die verheerenden Buschbrände in Australien. Seit Monaten brennt es in dem 7,6 Millionen Quadratkilometer großen Land. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten Queensland und New South Wales im Osten des Landes. Dort leben auch einige frühere Heidenheimer. Nathalie Reiter etwa, die aus Niederstotzingen stammt und heute in Sydney zu Hause ist. Außerdem die Heidenheimerin Elvira Rüger, deren Lebensmittelpunkt sich nun in Melbourne befindet. Wie erleben die zwei Deutschen die Zeit der Brände?

Viel Rauch und Staub in der Stadt

„Die Situation ist unangenehm und angespannt“, berichtet Nathalie Reiter, die 2007 ihr Abitur am Max-Planck-Gymnasium gemacht hat. Direkt betroffen sind sie und ihr Ehemann in Sydney jedoch nicht, die Brände seien etwa ein bis zwei Stunden Fahrt von der Stadt entfernt. Das heißt aber nicht, dass die einstige Niederstotzingerin die Buschbrände nicht zu spüren bekommt.

Durch starke Winde, schreibt Reiter per E-Mail, werde viel Rauch und Staub in die Stadt geweht, was durchaus gesundheitliche Herausforderungen mit sich bringe. „Wir haben Atemschutzmasken und verbringen so wenig Zeit wie möglich draußen“, beschreibt Reiter, die seit zwölf Jahren im Ausland lebt.

„Es ist surreal“

Und das ist noch nicht alles: Blickt Reiter aus dem Fenster, sieht sie einen orangefarbenen Himmel und Staub, manchmal auch verbrannte Blätter, die durch die Luft fliegen. „Es ist sehr surreal.“

Trotzdem sei die Stadt momentan wohl der sicherste Ort, verlassen möchte man Sydney daher nicht. Auch an Weihnachten, fügt Reiter hinzu, als die Stadt von Bränden umringt war, sei nicht daran zu denken gewesen.

Toller Zusammenhalt

Insgesamt also eine sehr bedrohliche Situation. Angst bleibt da nicht aus. „Die Stimmung ist bedrückend“, schreibt Reiter. Viele Menschen in Australien seien sehr wütend, besonders auf Premierminister Scott Morrison. Doch auch etwas anderes berichtet die Ex-Niederstotzingerin: Den Zusammenhalt unter den Australiern empfindet sie als unbeschreiblich. „Jeder setzt sich dafür ein, anderen zu helfen, das Land zu retten und Schlimmerem vorzubeugen“, beschreibt sie.

So gebe es Spendenaktionen, auch für Lebensmittel und Kleidung, außerdem Demonstrationen und Briefe an die Regierung. „Diesen Zusammenhalt zu spüren und ein Teil davon zu sein, macht mich stolz, Australien mein Zuhause nennen zu dürfen.“ Nur deshalb, schreibt Reiter, habe sie den Glauben daran, dass Australien die seit Monaten außer Kontrolle geratenen Feuer überstehen wird, noch nicht verloren.

Kampf gegen den Klimawandel

Und weiter: „Das einzige, was man machen kann, ist sich auf das Jetzt zu konzentrieren. Es bringt nichts, sich von der Angst und Ungewissheit lähmen zu lassen.“ Ermutigend findet Reiter auch die weltweite Unterstützung – und die Tatsache, dass sich Menschen für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen. „Ich hoffe nur, dass diese Extremsituation ein Weckruf ist“, schreibt Reiter.

„Es muss erst richtig wehtun, um zu begreifen, dass die Zeit läuft“, lautet auch Elvira Rügers Einschätzung. An ihrem Wohnort Melbourne im Bundesstaat Victoria ist die frühere Heidenheimerin etwa drei Stunden von den nächsten Brandherden entfernt. Von dichtem Smog und einer Sichtweise von gerade einmal 50 Metern berichtet aber auch sie. Wegen heißer und sehr starker Winde werde aktuell ein Übergreifen der Feuer zwischen den Staaten Victoria und New South Wales befürchtet.

Suche nach überlebenden Tieren

„Auf einmal so dicht an einer Naturkatastrophe zu sein, trifft mich auch“, schreibt Rüger. Schließlich erkenne man, wie machtlos man sein kann, und mache sich viele Gedanken über Ursache und Wirkung. Vor allem dann, wenn man von Betroffenen höre, die ihre abgebrannten Anwesen wieder betreten können oder Berichte sehe, in denen zwischen verkohlten Bäumen verzweifelt nach überlebenden Tieren gesucht wird.

Genau wie Nathalie Reiter berichtet aber auch Elvira Rüger von der großen Einsatzbereitschaft vieler Australier: „Das Engagement der Feuerwehrleute, freiwilligen Hilfskräfte und Bevölkerung ist riesig“, schreibt die 64-Jährige. „Hoffen wir, dass es nicht noch schlimmer kommt.“ Schlimm genug sei es schon jetzt.

Elvira Rüger lebt in Australien und erlebt, wie sich das Land in den zurückliegenden Jahren verändert hat.

Die Zeitung baut Brücken in alle Welt. Nathalie Reiter aus Niederstotzingen lebt in Sydney, Australien.

Tote Menschen, tote Tiere, zerstörte Häuser

Die Brände in Australien haben Zeitungsberichten zufolge bisher mindestens 23 Menschenleben gekostet, weitere Personen werden vermisst. Zudem wurden schätzungsweise rund 1500 Häuser von den Flammen zerstört und Hunderttausende Menschen evakuiert.

Auch Tiere sind natürlich von den Feuern betroffen: Rund 460 Millionen Tiere sollen umgekommen sein. Bei dieser Zahl handelt es sich allerdings um eine Schätzung eines Professors der Universität in Sydney. lst