Der Mordfall Maria Bögerl lässt Thomas Friedrich nicht mehr los. Schon Ende vorigen Jahres hatte er damit begonnen, sich in den gigantischen Aktenbestand einzuarbeiten. Und spätestens seit er Anfang 2015 die Leitung der neuerdings von Ulm aus tätigen Sonderkommission „Flagge“ übernommen hat, ist seine Bewunderung für die Hartnäckigkeit jener Kollegen noch mehr gewachsen, die sich zum Teil schon von Anfang an die Zähne an dem Fall ausbeißen.

Nicht weniger Respekt zollt der erfahrene Kriminalist aber auch jenen Kollegen, die gleichfalls von der ersten Stunde an in dieses Geschehen eingebunden waren, aber irgendwann zum eigenen Schutz Abstand von diesem Fall nehmen mussten. Weil er sich viel zu nah an ihr Innenleben heran gemacht hatte, sie regelrecht krank zu machen drohte.

Quälende Suche, entsetzliche Gewissheit

Vor genau fünf Jahren wurde Maria Bögerl entführt. Die quälende Suche, wenig später die mit dem Leichenfund verbundene entsetzliche Gewissheit, der Suizid ihres Mannes, die Verzweiflung der zeitweise selbst in Verdacht geratenen Familie, dazu Pannen, Rückschläge und falsche Spurenleger. Emotionaler geht's für einen Ermittler kaum noch, und doch atmet das fensterlose Büro, an dessen Tür das schmucklose Schild „Auswerteraum“ steht, eine Nüchternheit, die sich jedem „Tatort“-Regisseur von Haus aus verbieten würde.

Wer Spektakuläres erwartet hat, liegt falsch. Vier Polizeibeamte, die Thomas Friedrich als das „Herz der Soko“ vorstellt, sitzen an Computern und bewerten Spuren, die auch in händischer Form vorgehalten werden müssen, 30 laufende Meter Akten ergeben und einen eigenen Raum füllen. Mannshoch die Regale, haushoch der sie füllende Papierberg.

Nicht zu messen ist das, was in den Köpfen der Soko-Angehörigen steckt. Viele bringen Erfahrungen aus Spezialeinsatzkommandos mit, hohe kriminalistische Kompetenz, tief reichendes Detailwissen im Fall und unbedingten Einsatzwillen. Zumindest an dem haben auch fünf Jahre zermürbende Aufklärungsarbeit nicht zu nagen vermocht – versichert der Soko-Leiter, der auch Chef der Kriminalinspektion I des Polizeipräsidiums Ulm ist, das neben der Soko auch alle seine Kripo-Dienststellen seit kurzem in einem neuen zentralen Gebäude unterbringt. Man setzt auf Synergien: Die Labore der Kriminaltechnik sind nur ein paar Stockwerke tiefer, andere Kriminalinspektionen nur um die Ecke.

Was tut die Soko - Tag für Tag?

Aber was tun 13 Mann dieser Soko Tag für Tag? Die DNA-Reihenuntersuchung sind so gut wie ausgereizt, man ist auch mit den Zwangsbeschlüssen durch und die jüngste, von einem selbsternannten Zeugen aus Augsburg gelegte Spur hat sich im Nichts verloren. Doch Woche für Woche kommen im Schnitt immer noch zwei bis drei Leute auf die Polizei zu und geben neue Hinweise. Zum Beispiel jene Frau, die jetzt erst loswerden will, dass sie Maria Bögerls Mercedes im Tatzeitraum vor fünf Jahren in Metzingen gesehen haben will, mit einer blonden Frau am Steuer. Oder Hobby-Kriminalisten, die den echten Kollegen regelmäßig Fingerzeige und Einschätzungen ihrer Tatversionen geben. Und allem geht die Soko nach, verifiziert, bewertet, schätzt ein, sortiert – und sortiert vor allem auch aus.

Fünf Jahre nach Beginn des bis heute mysteriösen, weil nicht an einem Motiv festzumachenden Kriminalfalls bearbeitet die Soko noch immer insgesamt 30 Einzel-Sachverhalte. Sie fußen auf Zeugenaussagen oder eigene Auswertungen, richten sich teils gegen Einzelpersonen, teils gegen Gruppen.

Einen Schwerpunkt bildet die neuerliche Aufarbeitung von Funkzellendaten. Sie stammen von Handy-Nutzern, die sich am Entführungstag im tatrelevanten Bereich aufgehalten hatten und waren schon vor fünf Jahren ausgewertet worden. Inzwischen jedoch haben sich die technischen Möglichkeiten deutlich verbessert, und mit Hilfe eines Cyber-Crime-Kollegen und mit neuen Analyse-Fragestellungen auf den Fall angesetzter Profiler des Landeskriminalamts ist es gelungen, den riesigen Funkzellen–Datenbestand einzugrenzen und damit zu verbessern.

600.000 Daten aus Handys am Tag des Mordes

Bleiben nach wie vor 600.000 Datensätze, die zu durchleuchten sind, an die sich aber durchaus Hoffnungen knüpfen. „Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit steckt der Täter in diesem Datenbestand,“ meint Soko-Chef Friedrich, der sich in einem weiteren Punkt ganz sicher ist: „Physikalische Daten können nicht lügen, sind unumstößlich.“

Jetzt kommt es ganz darauf an, ob es gelingt, im Zuge des nunmehr enger angelegten Abgleichs einen Treffer erzielen und daraus einen Verdacht generieren zu können. Immerhin steht bereits fest, dass es Sinn gemacht hat, die operative Fallanalyse-Einheit des LKA noch einmal einzuschalten, denn seit sich die Experten die Fünf-Jahres-Erkenntnisse angesehen haben, ist man zumindest in Teilen zu anderen Tatablauf-Analysen gekommen. Weiteres teilt Thomas Friedrich nicht mit, nur soviel: „Wir haben neue Impulse gewonnen, die wir aufgreifen.“

Derzeit geht man in Ulm davon aus, bis Jahresende mit der kriminalistischen Kleinarbeit der Funkzellen-Auswertung fertig zu sein, die man nach allen Regeln der handwerklichen Ermittlungskunst vornehmen will. Was dann folgt, ist noch offen, hängt vom weiteren Geschehen ab, das täglich eine mehr oder minder entscheidende Wende nehmen kann.

Kommissar Zufall wäre ein gern gesehener Kollege

Kommissar Zufall wäre weiterhin ein gern gesehener Kollege, aber weil auf ihn kein Verlass ist, machen sich all die nicht zufällig ans Werk gehenden Kommissare täglich aufs Neue daran, das ihnen von dem großen Unbekannten vor fünf Jahren aufgezwungene Rätsel doch noch mit eigenen Kräften zu lösen. Dass sie das mit großem Engagement tun und den unbedingten Willen haben, bestätigt auch Bernd Hummel, Leiter der Kriminaldirektion beim Polizeipräsidium Ulm: „Die brennen regelrecht darauf.“ Und er selbst? „Wir lassen in unserem Engagement nicht nach, geben die Hoffnung nicht auf.“

Einem, der in dieser Soko gerade so unspektakulär vor dem PC sitzt, ist eine immer wiederkehrende Vision schon genug, nicht aufzugeben. Und er weiß das auch von Kollegen: „Jeder fiebert danach, diesem Täter einmal in die Augen sehen zu können.“