Heidenheim / Sandra Gallbronner Der offenen Jugendarbeit fehlen GPS-Geräte, um die Kinder auf Schatzsuche zu schicken? Der Schule fehlen Springseile und Stelzen? Die Caritas möchte bei solchen Anliegen nun mit einem Förderprojekt unterstützen.

Jedes Jahr kurz vor den Sommerferien werfen sich rund 4000 Schüler im Landkreis in ihre Sportbekleidung, um gemeinsam für den guten Zweck zu laufen. Runde für Runde legen sie zurück. Runde für Runde sammeln sie Spenden für Kinder. „Schulen laufen für Kinder“ heißt der Benefizlauf. Im vergangenen Jahr kam die stolze Summe von 11 000 Euro zusammen, die nun der Kinderstiftung „Knalltüte“ der Caritas Ostwürttemberg zugute kommt.

Für Anita Knauß, die Heidenheimer Stiftungsreferentin, lag es nahe, das erlaufene Geld auch wieder in eine Aktion mit sportlichem Charakter zu investieren. Kurzerhand wurde das Förderprojekt „Kids leben Bewegung“ ins Leben gerufen. „Die Idee ist, Kindern und Jugendlichen Bewegung nahezubringen, egal wie, egal wo, egal wann“, so Knauß. Kindertagesstätten, Schulen oder Vereine können sich bei der Kinderstiftung mit ihrem Vorschlag bewerben und werden dafür mit bis zu 500 Euro gefördert.

Bei den Angeboten kann es sich um Kurse oder einmalige Veranstaltungen für Kinder, aber auch Fortbildungen für Erzieher und Lehrer halten. Dabei sollte auch die Zielgruppe der Stiftung, nämlich Kinder aus einkommensschwächeren Familien, in den Fokus genommen werden. „Aber nicht ausschließlich“, fügt Knauß an. Zunächst werden 5000 Euro an Fördergeldern ausgeschüttet, sodass zehn Projekte unterstützt werden können. Mit im Boot bei „Kids leben Bewegung“ sind die AOK Ostwürttemberg, das Landratsamt Heidenheim und der 1. FC Heidenheim, der seit Juli vergangenen Jahres als Kooperationspartner mit der Kinderstiftung „Knalltüte“ zusammenarbeitet.

Fünf Anträge sind bereits eingegangen. Eine Schule beispielsweise möchte einen Kletterkurs anbieten. Dabei geht es nicht nur darum, dass Kinder Spaß am Sport finden. Vielmehr sollen sie ihr Selbstbewusstsein stärken, Räume der Selbsterfahrung betreten, Vertrauen zu ihren Mitmenschen aufbauen und sich gegenseitig unterstützen und schützen. Die Pause sinnvoller nutzen, wünsche sich eine andere Schule, die sich etwa Hüpfseile, Bälle, Rollbretter zulegen möchte.

„Es kann aber auch etwas ganz einfaches umgesetzt werden“, sagt Knauß. Etwa wenn eine ein Pädagoge für Geocaching-Ausflüge mit seiner Jugendgruppe GPS-Geräte benötigt und nach der Schatzsuche noch gemeinsam gegrillt werden soll. Schließlich dürfe auch das gesellige Miteinander nicht zu kurz kommen. „Bewegung ist im sozialen Kontext zu sehen“, so die Stiftungsreferentin.

Untersuchungen hätten ergeben, dass fehlende soziale Kontakte sich noch negativer auf die Gesundheit auswirken würden als Übergewicht und Bewegungsmangel, sagt Martin Kirsch von der AOK Ostwürttemberg: „Das soziale Netz und entsprechende Fähigkeiten der Kommunikation und Kooperation sind extrem wichtig und die lerne ich im Sport und über Bewegung.“

Einer, der diese Aussage unterschreiben kann, ist Patrick Mainka. Der Fußballer des 1. FC Heidenheim ist Schirmherr des Projekts „Kids leben Bewegung“. In einem Verein lerne man von Klein auf soziale Kompetenzen, Teamplay und Fairplay, sagt der 25-Jährige, der gleich bereit gewesen sie sich dem Projekt anzunehmen: „Es ist schön, wenn ich als Vorbild dienen kann und damit erreiche, dass sich die Menschen mehr bewegen. Ich möchte zeigen, Bewegung ist gut und macht Spaß. Und durch Bewegung findet man Freunde.“

Um genau das Kindern und Jugendlichen zu vermitteln besucht Mainka immer wieder Schulen und begleitet Aktionen der Paule-Bande, dem Kidsclub des FCH. Auch die Veranstaltungen über „Kids leben Bewegung“ wird er besuchen. Zudem überlegt der Fußballer, Kindern anzubieten, gemeinsam mit ihm auf dem Schlossberg zu kicken. „Die Infrastruktur ist ja da. Ich nehme ein paar Bälle vom Training weg und wir spielen Fußball“, so Mainka, der den Kindern viel mitgeben könne, in erster Linie den Spaß am Sport.

„Wir möchten einen Anstoß geben“, sagt Anita Knauß. Aufrechterhalten müssen die Projektträger ihr Angebot aber mit eigenen Mitteln. „Das ist ein Kriterium, auf das wir bei der Bewerbung achten“, so die Stiftungsreferentin.

Die „Kids leben Bewegung“-Angebote sind nicht nur auf das laufende Schuljahr beschränkt. Der Förderzeitraum geht bis Ende des Kalenderjahres 2020, sodass Ideen auch erst im neuen Schuljahr umgesetzt werden können. Bei einer Abschlussveranstaltung Anfang kommenden Jahres sollen sich alle Projekte präsentieren. „Im Idealfall startet danach eine neue Bewerbungsphase“, sagt Knauß. Kids leben Literatur, Musik, Theater – die Ideen gehen ihr nicht aus.

Alle Unterlagen für die Bewerbung bei „Kids leben Bewegung“ gibt es zum Download auf der Homepage der Kinderstiftung „Knalltüte“. Diese können bis Ende März eingereicht werden. Anschließend entscheidet der fachliche Beirat der Kinderstiftung, ob die eingereichten Projekte gefördert werden. Mitte April sollen diese dann starten können.

Wenn der Bewegungsdrang verkümmert

„Es gibt einen Bedarf, das Thema Bewegung hochzuhalten“, sagt Martin Kirsch von der AOK Ostwürttemberg. Die Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) habe ergeben, dass sich Heranwachsende über alle Altersklassen hinweg nicht genug bewegen. So würden sich nicht einmal jeder dritte Jungen und weniger als jedes vierte Mädchen mehr als eine Stunde täglich aktiv bewegen. Dabei sollten sich Jugendliche anderthalb Stunden, kleine Kinder sogar noch länger bewegen, sagt Kirsch.

Das Freizeitverhalten habe sich massiv verändert, so Kirsch weiter: „Es fehlen Anreize, miteinander in Aktion zu treten, sich persönlich zu treffen.“ Stattdessen finde viel Interaktion über Online-Angebote statt. Während sich Kinder auf dem Land lange mehr bewegt haben als diejenigen, die in der Stadt leben, nähere sich das Stadt-Land-Gefälle durch die Technologie allmählich an.

FCH-Fußballer Patrick Mainka appelliert hierbei an die Eltern, die sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein müssen. Stattdessen würden viele aber selbst häufig am Handy hängen. Stattdessen sollten sie sich gemeinsam mit den Kindern regelmäßig bewegen und ihnen einen Vereinssport möglich machen, fügt Kirsch an.

Ist das nicht gegeben, verkümmere der Bewegungsdrang, sagt Anita Knauß. Fehlt das Geld für Vereinsbeiträge oder Fußballschuhe, gibt es über die Kinderstiftung „Knalltüte“ gezielte Einzelfallhilfe.