Heidenheim / Manfred Allenhöfer Medial in den letzten Jahren mächtig präsent, ist sexueller Missbrauch von Kindern gesellschaftlich und im unmittelbaren sozialen Umgang ein höchst problematisches Thema geblieben. Eine Betroffene sprach darüber.

„Ich bin ja selber Betroffene“: Medial in den letzten Jahren mächtig präsent, ist sexueller Missbrauch von Kindern gesellschaftlich und im unmittelbaren sozialen Umgang ein höchst problematisches Thema geblieben. Man mag eigentlich gar nicht darüber reden, schon gar nicht mit „Betroffenen“ oder, was eine ganz andere Einstellung zum Erlittenen bedeutet, mit „Opfern“.

Stefanie Aufleger hat das Thema in einem „Erzähldokument“ ausführlich beschrieben; und bei ihrer Lesung in der Heidenheimer Stadtbücherei schilderte sie auch gelegentliche Selbstversuche: Man sitze abends zusammen „in einer netten Runde“. „Und wenn ich dann nur den einen Satz sage: ,Ich bin sexuell missbraucht worden‘ – dann ist, glauben Sie mir, jeder Abend gelaufen.“

Die gebürtige Heidenheimerin Aufleger, aufgewachsen in Herbrechtingen und Schülerin des Werkgymnasiums (ein Lehrer war da und wurde auch unmittelbar angesprochen auf eine hilfreiche Lebensweisheit), hat, aus besagter persönlicher Betroffenheit und deshalb umso glaubhafter und engagierter, das Buch „Das reizende Mädchen“ geschrieben.

Das hat sie in der Heidenheimer Stadtbücherei vorgestellt – das sei „ja ein Heimspiel“ für sie und „keine gewöhnliche Lesung, wie man sie als Autor immer wieder macht“. Und die sehr selbstbewusste Autorin, die jetzt in Konstanz lebt und sich charakterisiert „in erster Linie als Mensch und Beraterin von Unternehmen“ und dazuhin als Journalistin (die auch bei der HNP „viel gelernt“ hat, wie sie den Anwesenden mitteilte), bekannte, durchaus „ein bisschen nervös“ zu sein.

Doch man merkte ihr das nicht an; die Erfahrungen auf den Bühnen des Lebens und des Landkreises haben sie sicheres und lebendiges Auftreten gelehrt – auch die vielen Anwesenden des Sasse- und Naturtheaters merkten ihr keine Aufregung an bei ihren teils drastischen, manchmal effekthaschenden, doch nie einfühllosen Schilderungen.

Hausherr Klaus-Peter Preußger hatte Aufleger bei der gut besuchten „ersten Autorenbegegnung nach Littera X“ begrüßt – „literarisch geht's natürlich weiter“. Und auch er verwies auf „ein Stück gemeinsame Biographie – beim Sasse- und Naturtheater“. Freilich habe sie sich seither „deutlich weiterentwickelt“.

Die Lesung war auch eine Kooperation mit dem Heidenheimer Verein „Hinsehen“, der sich zum ersten Male in der Öffentlichkeit präsentierte. Sein stellvertretender Vorsitzender Franz Endlicher stellte den „noch ganz jungen Verein“ vor, der sein Betätigungsfeld im Bereich „sexueller Missbrauch“ hat und nicht zuletzt Mittel für möglichst vielfältige Hilfen einsammeln wolle: Aufleger spende ihr Lesungshonorar – und sie stehe hernach auch für Gespräche, „gerne auch unter vier Augen“, zur Verfügung. Die erste Vorsitzende Claudia Gubitz überreichte der Autorin nach der anderthalbstündigen Veranstaltung einen Blumenstrauß.

Stefanie Aufleger führte dann in das sensible Thema ein. „Was ist da eigentlich los?“, habe sie sich „als Journalistin“ gefragt, und fügte dann ein persönliches Bekenntnis an, das vor diesem Auditorium womöglich gar nicht erforderlich gewesen wäre: „Mir selber ist das ja auch passiert; ich wurde als Kind missbraucht.“

Das war die existenzielle Folie, vor der sich dann das Schicksal einer „Frieda Hornung“ entrollte, „eine Frau, die ich beim Studium kennengelernt“ habe und die „als Kind mehrfach sexuell missbraucht“ wurde.

Aufleger habe sie über einige Jahre begleitet und „viele Hochs und Tiefs“ erlebt. Die beiden „Betroffenen“ hätten viele offene Gespräche geführt. Gemeinsam sei ihnen gewesen, dass eine „bekannte Persönlichkeit aus dem nahen Umfeld, der sie sehr vertraut“, sie immer wieder missbraucht habe, den sie in einem Dialog als „besten Freund auf der ganzen Welt“ bezeichnet habe.

Auch hier spielt das Geschehen durchaus auch in einem politischen Umfeld: Für Frieda sei das örtliche „CDU-Büro fast schon zum zweiten Zuhause“ geworden.

Sexuellen Missbrauch habe es immer schon gegeben, meint Aufleger. In den letzten Jahren freilich sei das immer öfters öffentlich thematisiert worden. Doch den Medien, die das in vielen sehr unterschiedlichen Fällen aufgegriffen haben, warf sie auch „viel Gier und Neugier“ vor. Opfer seien häufig so stark „stigmatisiert“ worden, dass „ein normales Leben“ sehr schwierig geworden sei.

Die literarische Frieda Hornung, die für sich schließlich „einen originellen Ansatz“ der Konfliktbewältigung fand, habe den Täter angezeigt, um „ihren Frieden“ zu erlangen. Aufleger lägen auch Gerichtsakten vor, berichtete sie, die Schlaglichter würfen auf den Täter, „der ja auch ein Mensch“ gewesen sei: Er sei selber von seiner Mutter missbraucht worden und habe also nur praktiziert, was er aus seiner eigenen Entwicklung „schon kannte“.

Aufleger: „Ich will keine Lanze brechen für den Täter“, aber man solle die Brücke zu ihm nicht abbrechen: „Man darf nicht nur schwarz-weiß malen“, da fordere sie freilich viel, das sei „ein anspruchsvoller Ansatz“.

Und „Opfer“ sollten sich nicht nur als solche fühlen, sondern eben als nicht nur passiv „Betroffene“. Auch sie selber habe „Narben“ davongetragen, aber mittlerweile auch eine 13-monatige Tochter, der sie ersparen wolle, dass ihr Ähnliches passiere.

Dazu brauche es viel „Selbstvertrauen und Liebe“ – sexueller Missbrauch bei Kindern sei immer vor allem „Vertrauensmissbrauch“.

Im Publikum saß auch Stefanie Auflegers Vater (die Mutter betreute zeitgleich die kleine Sophia). Auch er sei damals von seiner Tochter nicht ins Vertrauen gezogen worden. Doch sein Fazit des existenziellen Bruchs war letztendlich versöhnlich: „Stefanie hat das stark, ja sehr stark gemacht.“

Ein bisschen von dieser bewältigenden Kraft mag man allen anderen „Opfern“ resp. „Betroffenen“ nur wünschen.