Auch in Zukunft wird es eine Fußgängerüberführung zum Wohngebiet Hagen geben. Das hat Oberbürgermeister Bernhard Ilg in der Gemeinderatssitzung am Donnerstag abermals deutlich gemacht: „Wir wollen einen Steg, das steht außer Frage.“ Allerdings müssten finanzieller Aufwand und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen und somit politisch verantwortbar sein.

Nachdem sich zuvor bereits der Verwaltungs- und Finanzausschuss bei seiner Diskussion über einen Nachtragshaushalt (eigener Bericht folgt) mit dem Thema befasst hatte, tat dies nun auch der Gemeinderat. Ergebnis: Entgegen der ursprünglichen Absicht sollen die für den Neubau einer Fußgängerbrücke reservierten Mittel nicht um 500 000 auf 1,5 Millionen Euro aufgestockt werden, um dadurch eine behindertengerechte Lösung zu ermöglichen. Gleichzeitig erging der Auftrag an die Verwaltung, nach einer günstigeren Variante zu suchen – aber eben um den Preis, auf Barrierefreiheit zu verzichten.

Akzeptanz fraglich

Ausgangspunkt war die grundsätzliche Überlegung, ob ein Steg tatsächlich angenommen würde, der so aufwendig zu begehen wäre, wie bislang angedacht. Die bis dato auf dem Tisch liegenden Pläne sehen nämlich mehrere Rampen bei einer maximalen Steigung von sechs Prozent vor. Gesamtlänge: 320 Meter. Wer den Weg außenherum zurücklegt, muss 200 Meter mehr zurücklegen.

Zum Vergleich: Der alte Steg ist lediglich 128 Meter lang. Jetzt, da er aus Sicherheitserwägungen heraus gesperrt ist, lässt sich praktisch täglich ein ebenso fahrlässiges wie gefährliches Verhalten beobachten: Personen wählen den kürzesten, wenngleich verbotenen Weg und überschreiten neben dem Bahnhof die Gleise. Frank Rebmann (Grüne) berichtete aus eigener Anschauung, dass sich darunter auch Passanten befänden, die schlecht zu Fuß seien. Eile sei also geboten bei der Suche nach einer baulichen Lösung, seien offensichtlich doch viele nicht gewillt, zehn Minuten in einen Fußmarsch investieren.

Vernünftige Lösung

Ins gleiche Horn stieß Dr. Stephan Bauer (CDU). In zahlreichen Gesprächen habe er den Eindruck gewonnen, dass ein vor allem bei Schülern akzeptierter Übergang gewünscht sei, um sie von der Abkürzung über die Schienen abzuhalten. Dabei gehe es nicht um überzogene Forderungen: „Der Schnaitheimer will eine vernünftige und tragbare Lösung. Es soll nicht etwas gemacht werden, nur damit halt etwas gemacht ist.“

Ilg legte Wert auf die Feststellung, dass es sich bei der gesamten Anlage um Hoheitsgebiet der Deutschen Bahn handele. Somit sei sie, respektive die Bahnpolizei, für Sicherheitsfragen zuständig. Ungeachtet dessen wertete er die bisherige Zusammenarbeit mit der Bahn als gut und zeigte sich hoffnungsfroh, in den nun anstehenden Gesprächen mit allen beteiligten Institutionen zu einer guten Lösung zu kommen.

Gesunder Menschenverstand

Mit entscheidend wird sein, die Genehmigungsbehörden davon zu überzeugen, dass der neue Steg unter den gegebenen Voraussetzungen nicht zwingend barrierefrei gebaut werden muss, weil es ja bereits eine fußläufige Verbindung gibt, die dieses Kriterium erfüllt. Ein Blick auf die B-19-Unterführung zwischen Theodor-Heuss-Straße und Totenberg zeigt, dass von der reinen Vorschrift abweichende Kompromisse durchaus möglich sind, sofern gesunder Menschenverstand und realistische Einschätzung zusammenkommen.

Dass das planerische Rad jetzt einige Umdrehungen zurück Richtung Ausgangspunkt macht, bedeutet laut Rathaussprecher Wolfgang Heinecker keinen kompletten Neubeginn des Verfahrens. So liege der Stadt unverändert die Genehmigung vor, eine Überführung über ein bahneigenes Bauwerk, nämlich die Gleise, zu errichten.

Mutwillige Zerstörungen

Ralf Willuth, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, sprach von einem „verantwortungsvollen Schritt“ und sah sich in dieser Einschätzung von SPD-Fraktionschef Rudi Neidlein bestätigt. Dieser regte an, auch den Einbau eines Fahrstuhls nochmals ins Kalkül zu ziehen. Ilg sagte das zu, bekannte aber: „Die Verwaltung hält davon gar nichts.“ Den Erfahrungen der Bahn zufolge funktionierten Aufzüge auf freiem Gelände unter anderem aufgrund mutwilliger Zerstörungen sehr häufig nicht. Es handele sich damit oft um eine Scheinlösung. „Wir sollten keine Alibidiskussion mit der Aussage führen: Mit einem Aufzug retten wir die Barrierefreiheit“, so Ilg.

Aktuell halten die meisten Züge beim Schnaitheimer Bahnhof auf Gleis 2, weil dafür keine Weiche passiert werden muss, der Zeitverlust innerhalb des eng getakteten Fahrplans somit geringer ist. Dem Rathauschef zufolge gibt es aber Überlegungen, zahlreiche Halte auf Gleis 1 zu verlegen. Das hätte zur Folge, dass viele Fahrgäste nicht mehr von einer Seite der Gleise auf die andere gelangen müssten.

Der lange Weg zu einem Neubau


Gut zwei Jahre schon ist der Fußgängerüberweg beim Schnaitheimer Bahnhof Dauerthema. Nachdem eine baufachliche Prüfung der Bahn ergeben hatte, dass das Bauwerk für eine Sanierung zu marode ist und Züge durch herabfallende Teile beschädigt werden könnten, begannen Gespräche über einen Neubau. Für einen solchen machte sich spontan auch eine Aktionsgemeinschaft von Schnaitheimer Bürgern stark.

Zum Schutz des Bahnverkehrs wurden Netze angebracht. Gleichzeitig versicherte die Stadtverwaltung mehrfach, der Steg werde so lange wie möglich erhalten. Voraussetzung für die Benutzung sei allerdings seine Verkehrssicherheit. Diese ist mittlerweile nicht mehr gegeben: Seit Anfang Juli ist die Fußgängerbrücke komplett gesperrt. bren