Heidenheim / Hendrik Rupp Software, Robotik, Handy-Airbag: Bei der 20. Verleihung ging es am Donnerstag in der Voith-Arena jünger und digitaler zu denn je.

Keine Bange, es gibt auch noch Innovationen abseits der virtuellen Welt. Das wurde bei der 20. Verleihung des Innovationspreises Ostwürttemberg schon zu Beginn deutlich, als Kreissparkassen-Vorstandschef Dieter Steck die Acrylglas-Experten der Herbrechtinger Heinz Fritz GmbH auszeichnete. Das Unternehmen, das erst vor Kurzem mit seinen Fenstern für das Weltrekord-U-Boot (fast elf Kilometer im Marianengraben) von sich reden gemacht hatte, liefert immer neue und spektakuläre Anwendungen seiner selbst entwickelten Klebetechniken: Eine durchsichtige Scheibe im Zoo, die selbst dem Rempler eines Nilpferds standhält? Durchsichtige Röhren für Wasserrutschen, auch auf gigantischen Kreuzfahrtschiffen?

Nicht ohne die Belegschaft

In Herbrechtingen kann man fast alles aus Acrylglas herstellen. Heinz Fritz, seit 1984 Chef im Betrieb, führte das in einem selbst gemachten Imagefilm vor, Fritz‘ Ehefrau Sabine Hildebrandt nahm den Preis nicht nur für die Inhaberfamilie entgegen: „Ohne unsere Belegschaft würden wir hier nicht stehen“, sagte sie. Inhaber Heinz Fritz erinnerte daran, dass man es als Innovator nicht immer leicht mit den Banken habe, was Laudator Dieter Steck natürlich nicht unterschreiben wollte.

63 Bewerbungen aus der ganzen Region waren heuer für die mit insgesamt 9000 Euro dotierten Preise eingegangen, 59 konnten zum Wettbewerb zugelassen werden. Und Preise wurden heuer mehr verteilt denn je: In der erstmals ausgeschriebenen Kategorie für Start-ups und Gründer wurden heuer gleich drei Preise vergeben, und das mit extrem starkem Anteil aus dem Kreis Heidenheim. Da wäre die Conclurer GmbH, 2015 von den Heidenheimern Philipp Reiner und Marvin Scharle nach ihrem DH-Studium gegründet. Ihr Programmiergerüst „Edelog“ hilft auch kleinen Firmen dabei, digitale Produkte und Angebote aufzubauen, bietet Digitalisierung im Baukastenprinzip. Beide Gründer nahmen den Preis aus der Hand von IHK-Hauptgeschäftsführerin Michaela Eberle entgegen.

Ebenfalls digitale Gründer aus dem Kreis: Die Macher der Softwarefirma Codestryke um Patrick Kopp, Benedikt Miller und Kai Schwetz, die 2018 in Niederstotzingen ihr Unternehmen gründeten, damals buchstäblich auf dem elterlichen Dachboden. Heute ist der Betrieb auch in Düsseldorf vertreten und bietet ebenfalls Softwarelösungen zur Prozessoptimierung in Betrieben an. Angefangen hatte es bei den früheren BSH-Azubis und Heid-Tech-Absolventen mit einer selbstgebauten App, mit der sich Kaffeemaschinen aus der Ferne steuern ließen: „Eigentlich war das nur Jux“. Heute hat Codestryke selbst renommierte Preise des „Siemens Mindsphere Challenge“ in der Tasche – und den Innovationspreis, den „Wiro“-Geschäfsführerin Nadine Kaiser überreichte.

Dritter im Bunde der Gründer-Preisträger ist Philip Frenzel. Und der frühere Voithianer vom Härtsfeld ist sicher der bekannteste Tüftler unter den diesjährigen Preisträgern: Millionenfach wurde ein Film über sein „AD Case“ auf Youtube angeklickt, viele Zeitungen und Fernsehsender berichteten schon über seinen „Handy-Airbag“, den Frenzel nach eigener leidiger Erfahrung (Handy stürzte im Treppenhaus über eine Etage ab und war ein Totalschaden) entwickelte: Dank einem Trägheitssensor fahren beim Handy-Absturz kleine Stahlfedern aus der Hülle aus, die den Aufprall dämpfen, gleich wie das Handy fällt. Frenzel hat inzwischen die Firma „Mechatronic Factory“ in Aalen gegründet und will mit seinem „AD Case“ bald auf den Markt: „Im nächsten halben Jahr werden Sie noch einiges von uns hören“, versprach er Laudator Prof. Harald Riegel, Prorektor der Aalener Hochschule.

Kein Firmennachwuchs, aber eine Firma für den Nachwuchs ist die Ellwanger Arnulf Betzold GmbH, die von Ostalbkreis-Landrat Klaus Pavel mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Primär für den intelligenten Vorlese-Stift „Tellimero“, für Pavel aber auch für viele andere Errungenschaften. Das auf Lehrmittel spezialisierte Familienunternehmen legt Wert auf beste Bedingungen für Mitarbeiter, faire Produktion und Engagement auch im sozialen Bereich.

Den Innovationspreis in der Kategorie „Patente“ verlieh Andreas Götz, Vorstandschef der Kreissparkasse Ostalb, an die Alfing Kessler Sondermaschinen GmbH (Aalen) für eine innovative Maschine zur Pleuelbearbeitung.

Die sechs Preisträger standen im Mittelpunkt der Veranstaltung, an der über 400 Gäste teilnahmen. Sie standen aber nicht allein: Als Gastredner sprach Voith-Chef Dr. Toralf Haag über Digitalisierung (siehe eigener Beitrag), für musikalische Umrahmungen sorgten die Solisten Elena Ivanova und Lancelot Nomura von den Opernfestspielen.

Voith-Chef Haag erzählt über digitales Lehrgeld

Voith will sich zum digitalen Technologiekonzern wandeln und investiert seit Jahren Millionensummen in dieses Ziel. Und wie klappt es? Spannende Antworten auf diese Frage gab es beim Innovationspreis von Voith-Konzernchef Dr. Toralf Haag persönlich. Haag erläuterte zunächst, warum Voith für die Digitalisierung eine eigene, vierte Konzernsparte gegründet hat: „Externe Hilfe kommt im Konzern schlecht an, wenn sie die Digitalisierung aber von Anfang an die angestammten Konzernbereiche geben, wird sie nicht ernsthaft genug vorangetrieben“.

Erst mit den konkreten Produkten und Anwendungen gehe die Digitalisierung nun wieder in die Kernbereiche. „Sonst versteht das kein Kunde“. Und bei denen will Voith auch Geld verdienen. Haag stellte die Industriedaten-Cloud „On Cumulus“ vor, aus der Voith mittels neuer Algorithmen Erfahrungen für Kunden generieren kann. Und eine digitale Kontrolle einer Papiermaschine könne pro Jahr bis zu einer Million Euro Betriebskosten sparen. „Für diese Software haben wir jetzt ein Preismodell“, so Haag: Eine Einmalgebühr und dann ein Anteil der gesparten Summe für Voith. Auch die richtige Organisation sei entscheidend, so Haag. Sein „Digital Lab“ hat Voith im hippen Berlin angesiedelt, zugekaufte Start-ups dürfen so weiterarbeiten, wie sie es gewohnt sind.

Wichtiger für Haag: „Man muss ein klares Budget setzen, das ist wie bei Forschung und Entwicklung.“ Für Voith, wo die „OnCore Acoustic“ als digitales Ohr einer Turbine schon anhört, wenn sie nicht mehr optimal läuft, ist die echte Industrie 4.0 erst im Anlaufen. Doch sie ist Realität.