Heidenheim / Hendrik Rupp Zum siebten Mal hat der Voith-Konzern am Freitag herausragende Arbeiten junger Wissenschaftler ausgezeichnet.

Klasse statt Masse ist Programm beim Stiftungspreis: 23 herausragende Masterarbeiten hatten ausgewählte Hochschulen heuer eingereicht – selbst bewerben kann man sich für den Hanns-Voith-Stiftungspreis nicht. „Ein Gutteil der Auswahl findet schon an den Universitäten statt“, sagt Erwin Krajewski, zusammen mit Meinrad Schad Vorsitzender der Hanns-Voith-Stiftung. Allein die Tatsache, dass in diesem Jahr wieder ausschließlich Männer ausgezeichnet wurden, hält man für verbesserungswürdig. Doch die Preisträger geben Hoffnung: „Wir sind immer noch sehr männerlastig in unseren Studiengängen“, sagt Lukas Pointner von der TU München: „Aber es ändert sich langsam, aber stetig“.

Neuartige Automatikgetriebe

Pointner erhielt gestern den Stiftungspreis in der Kategorie Antriebstechnik, und zwar für seine Arbeit an neuartigen Automatikgetrieben in Fahrzeugen. Automatikgetriebe sind komfortabel, schlucken aber Energie – und wenn Hersteller auf effizientere Klauenkupplungen umsteigen, sind die Schaltvorgänge ruckeliger. Pointner entwickelte einen Weg zu sanfterem, besser synchronisiertem Schalten, gleichzeitig senken die so optimierten Getriebe den Schadstoffausstoß um rund zweieinhalb Prozent.

Antriebe, Wasserkraft, Papiertechnologie, Wirtschaftswissenschaften, Digitalisierung, neue Werkstoffe: Wie immer sind die Kategorien des Preises auch in diesem Jahr inhaltlich an die Konzernbereiche von Voith angelehnt. Dem Konzern geht es dabei aber nicht in erster Linie darum, dass man die Innovationen der Preisträger selbst nutzen kann. Wenn es aber so wäre, wäre das auch kein Fehler.

Energieeffiziente Papierherstellung

Zum Beispiel bei der Arbeit von Sebastian Flegr (Universität Ulm), der den Preis in der Kategorie Wirtschaftswissenschaften mit einer sehr praktischen Datenanalyse für die Papierindustrie gewann: Flegr will die Papierherstellung mit einer ausgeklügelten Datenanalyse flexibler machen, wenn es um den Energieverbrauch geht. Eine intelligenter laufende Papiermaschine vermeidet nicht nur Lastspitzen, sondern passt sich auch besser künftigen Stromnetzen an, die mehr und mehr aus erneuerbaren Energien gespeist werden und darum gewisse Schwankungen aufweisen. „In der Stahlindustrie mit ihrem enormen Energiebedarf macht man das schon länger“, so Flegr. Die Fabrik, die Flegrs Innovation als Erste umsetzt, hat einen Stromverbrauch, der deutlich über der gesamten Stadt Heidenheim liegt.

Neue Wege für Textilbeton

Kohlefaser und Co. sind nicht nur Hightech für Flugzeuge oder Sportwagen: Das zeigt die Arbeit von Martin Scheuer (RWTH Aachen), dem Preisträger in der Kategorie „Neue Werkstoffe“: Scheuer geht es um den sogenannten Textilbeton, bei dem Beton nicht wie üblich mit Stahl, sondern mit Kohle- oder Glasfasern oder Polymeren verstärkt wird. Textilbeton ist nicht nur spannend, weil man für stabile Strukturen weniger Beton braucht, man kann auch ganz neue und filigrane Formen verwenden, was auch Architekten neue Möglichkeiten schafft. Ganz konkret bietet Scheuer die Möglichkeit, neue Arten von Textilbeton deutlich schneller und effizienter für den mühsamen Weg durch die Anerkennung als Baustoffe zu lotsen.

Rotoren aus dem Drucker

Elektrische Antriebe sind überall auf dem Vormarsch: Wie man sie noch effizienter und sparsamer machen kann, ist Inhalt der Arbeit von Max Hullmann (Universität Hannover), dem Preisträger in der Kategorie „Wasserkraft“. Hullmann geht es um die Verluste durch elektromagnetische Wirbelströme in Generatoren wie Elektromotoren: Der Motor produziert Wärme, und bei hohen Drehzahlen wird die Hitze zum Problem. Hullmann druckt Rotoren aus Metallpulver, die an ihren Kanten Schlitze aufweisen, die den Verlust durch Wirbelströme um bis zu 80 Prozent senken können. Für Voith ganz besonders interessant: „Bisher bauen wir Generatoren aus Schichten von Metall und Isolatoren zusammen, das ist extrem aufwendig“, erklärt Erwin Krajewski: „Hier fertige Bauteile aus dem 3D-Drucker zu haben, wäre natürlich schon sehr attraktiv.“

Wie der Roboter besser mit dem Menschen arbeiten kann

Vor drei Jahren hat Voith die Preiskategorien den Veränderungen im Konzern angepasst: Industriedienstleistungen raus, Digitalisierungen rein. Und im Bereich „Digital Ventures“ wurde gestern Oliver Petrovic ausgezeichnet. Petrovic, Top-Absolvent der RWTH Aachen, beschäftigt sich mit der „Mensch-Roboter-Kollaboration“ (MRK). Die Idee: Wenn Roboter flexibler und spontaner eingesetzt werden sollen (zum Beispiel auch bei Personalausfällen in der Fertigung), dann müssen sie besser und leichter von menschlichen Arbeitern „angelernt“ werden können. Ein „Cobot“ (Collaborative Robot) der Zukunft müsse auch aus bestehenden Produktionsprozessen lernen können, meint Petrovic. Und man müsse ihm Fertigungsschritte „vormachen“ können, statt sie mühsam in Programmiersprachen einzugeben. Bilderkennung? Künstliche Intelligenz? Genau dahin soll die Reise gehen.

Vor der Preisverleihung gestern Abend im Voith Training Center sahen sich die fünf Preisträger gestern im Stammwerk um. Wirklich vorstellen muss sich der Konzern aber bei keinem der Preisträger, egal ob aus Aachen oder München: „In unseren Kreisen ist Voith schon ein Begriff“, sagt Max Hullmann.

Voithpreis – und dann?

Mit jeweils 5000 Euro sind die Hanns-Voith-Stiftungspreise jeweils dotiert, gestern Abend wurden also 25 000 Euro Preisgelder vergeben. Doch die Idee des Preises reicht weiter: Allein sieben frühere Preisträger konnte Dr. Michael Rogowski, Vorsitzender des Stiftungsrates der Hanns-Voith-Stiftung, gestern Abend bei der Preisverleihung begrüßen. „Wir wollen mit den jungen Leuten einfach Kontakt halten, auch für ein Alumni-Netzwerk sorgen“, so Rogowski. Und die Preisträger sorgen auch selbst dafür, dass es weitergeht: Fast alle der Preisträger, die ja jeweils „nur“ für ihre Master-Arbeiten ausgezeichnet wurden, arbeiten inzwischen an ihren Doktorarbeiten.hr