Heidenheim / Joelle Reimer Eine Jugendbande in Venedig, zwei unzertrennliche Brüder und die Flucht vor einem Detektiv: Das Kinderstück „Herr der Diebe“ hat am Sonntag, 23. Juni, Premiere auf der Naturtheaterbühne.

Was macht man, wenn man ein Kinderstück für die Freilichtbühne sucht? Klar: den kreativen Gedanken freien Raum lassen. Doch wenn das Bühnenbild zu großen Teilen schon fest vorgegeben ist, wie beim diesjährigen Kinderstück des Naturtheaters aufgrund der „West Side Story“, setzt das den Gedankenspielen doch gewisse Grenzen. Es musste also eine Geschichte her, die in einer Stadt spielt. Dazu noch Spannung, etwas Witz und nach Möglichkeit auch ein bisschen Tiefgang.

Die beiden Regisseure Susanne und Ingo Schneider haben nicht lange überlegen müssen, denn sie hatten fachmännischen Rat: „Unsere Tochter hat gefragt, ob wir nicht ,Herr Der Diebe’ zeigen wollen. Das hat sie in der 8. Klasse mal in der Waldorfschule gespielt, und als wir uns daran erinnerten, war klar: Das Stück ist perfekt für die diesjährige Naturtheaterbühne“, sagt Susanne Schneider, die selbst schon seit über 30 Jahren Mitglied im Heidenheimer Naturtheater ist und wie Ingo Schneider durchaus Regie-Erfahrung hat.

„Dennoch kann man sich nur ganz selten auf die eigene, jahrelange Routine verlassen. Am Anfang eines Stückes ist es immer wieder spannend, was letztendlich daraus wird“, sagt Ingo Schneider. Doch „Herr der Diebe“ schien alle Voraussetzungen zu erfüllen – und bot nicht zuletzt die Möglichkeit, auf einer großen Bühne inszenieren zu können.

Die wiederum ist in diesem Jahr sogar dringend notwendig, denn kaum war die Stückauswahl getroffen, standen die Regisseure vor einem neuen Problem: die Anmeldezahl der Mitglieder, die im Kinderstück mitspielen wollten, hat mit über 200 Personen jede Erwartung übertroffen. „Wir mussten uns also überlegen, wie wir überhaupt alle unterbringen. Mit vielen verschiedenen Volksgruppen ist das nun ziemlich gut aufgegangen.“ Ein weiterer Punkt, der für die Kinderbande in Venedig sprach, war das Buch von Cornelia Funke: „Das ist zumindest teilweise schon in einer Sprache geschrieben, wie man sie sich auf der Bühne gut vorstellen kann“, so Ingo Schneider.

Etwas Vorstellungsvermögen wird auch das Publikum aufbringen müssen, und hier kommen wieder die zahlreichen Darsteller ins Spiel: „Da das Bühnenbild selbst eher als Rahmen dient, fungieren in vielen Szenen tatsächlich die Volksgruppen als eine Art Kulisse“, sagt Susanne Schneider. So weisen die Mönche beispielsweise auf den Dom hin, die Nonnen verorten die Zuschauer mit dem Waisenhaus, und auch die reich verzierten Masken sind ein eindeutiges Indiz für den Schauplatz Venedig; die Stadt, in der der Herr der Diebe als geheimnisvoller Anführer einer Kinderbande schließlich auf die beiden Brüder Prosper und Bo trifft. Diese sind nach dem Tod der Eltern vor ihrer Tante geflohen, da sie Prosper in ein Internat stecken und die Brüder dadurch trennen wollte – bei der Jugendbande finden sie schließlich Unterschlupf, werden aber bald schon von einem Detektiv verfolgt, den die Tante beauftragt hat.

Aufwendig sind nicht nur die handgearbeiteten Masken, die eine Schneiderin aus Ludwigsburg ursprünglich für die Gartenschau „Blühendes Barock“ angefertigt hat; rund 50 Euro kostet ein solches Schmuckstück. Auch dutzende schwere Barock-Kleider und venezianische Kostüme hat das Naturtheater der Schneiderin komplett abgekauft. Kostenpunkt: rund 10 000 Euro. „Wir leihen die Kostüme aber hinterher auch wieder aus“, so Ingo Schneider. Für die Kostümauswahl seitens des Naturtheaters ist Sabine Sablotny zuständig – die Hauptdarsteller steckt sie dabei in betont lässige Klamotten, schließlich handelt es sich um eine Jugendbande in den 80er/90er-Jahren. Was so einfach klingt, ist tatsächlich alles andere als ein Klacks: „Wir müssen unheimlich viele Details beachten. Was heutzutage selbstverständlich ist, gab es damals noch nicht. Handys zum Beispiel“, sagt Susanne Schneider.

Apropos Hauptrollen: Diese zu besetzen, sei wiederum gar nicht so schwierig gewesen. „Wir haben sieben Jungs und eine Mädchenrolle. Die richtigen Darsteller zu finden, wäre früher nicht einfach gewesen. Aber heute? Kein Problem. Vor allem durch unsere internen Workshops bringt der Nachwuchs eine unglaublich große Sicherheit auf der Bühne mit“, so Ingo Schneider.

Venezianische Masken, Kostüme, Volksgruppen als Kulisse – was noch fehlt? Die beiden Regisseure sind sich einig: „Der Detektiv! Und das Karussell!“ Ersterer spielt eine durchaus wichtige Rolle: Er taucht die kompletten zwei Stunden Spielzeit immer wieder auf, kommt der Kinderbande hier und da gefährlich nahe und Bo und Prosper auf die Spur – in den verschiedensten Tarnungen. „Es geht in mehrerlei Hinsicht um eine Art Doppelleben, um eine Maskerade; nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich.“

Das Karussell hingegen ist die wohl auffälligste Requisite – und, das ist den beiden anzumerken, der ganze Stolz der Regisseure. „Es führt sozusagen in eine andere Welt, eine Welt voller Fantasie und Magie und Zauberwesen. Es soll den Kindern dazu dienen, erwachsen zu werden, damit sie den Plänen der Tante einen Strich durch die Rechnung machen können. Und optisch wird es sicherlich ein Highlight“, sagt Susanne Schneider.

Entworfen hat die Requisite übrigens Thibaud Gross, der in Heidenheim und mit dem Naturtheater aufgewachsen und inzwischen als Zirkus- und Theaterpädagoge in der Schweiz tätig ist. Wobei das Wort Requisite vielleicht gar nicht so passend ist, denn eigentlich soll das Karussell sogar lebendig werden – „zu viel wollen wir aber noch gar nicht verraten.“

Premiere und weitere Aufführungen

Das Kinderstück „Herr der Diebe“ hat am Sonntag, 23. Juni, Premiere im Heidenheimer Naturtheater. Weitere Aufführungen sind jeweils um 15 Uhr am 26. und 30. Juni, am 3., 7., 10., 24., 28. und 31. Juli, am 4., 7., 11., 14., 18. und 21. August und jeweils um 20 Uhr am 23. und 24. August. Altersempfehlung ab acht Jahren.