Heidenheim / Hendrik Rupp Mehrere Dutzend Milchbauern aus dem Kreis haben am Montag in der Stadtmitte protestiert – für einen faireren Preis und gegen Symbolpolitik.

Strategisch hatten sich die Bauern geschickt angestellt: Schon vorige Woche hatte man sich für den Montag Abend verabredet – nur wenige Stunden nach dem sogenannten „Milchgipfel“ bei Bundesagrarminister Christian Schmidt in Berlin. Den lehnte der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ab – weil man selbst nicht eingeladen war und sich durch den Bauernverband nicht vertreten fühlt. Der, so hört man bei den Milchbauern, sei mehr oder minder nur eine Marionette der Milchindustrie.

Auch mit dem Ergebnis des Gipfels kann man beim BDM nichts anfangen: 100 Millionen Euro Soforthilfe, ein wenig Bürgschaft hier und ein wenig Steuererleichterung da. „Da ist nichts Sinnvolles dabei“, schimpft BDM-Kreischef Hans Ott aus Hermaringen: „Die Höfe werden nur weiter in die Schulden getrieben“. Kein Grund, nicht mit etlichen Traktoren in die Stadt zu fahren und dem Ärger Luft zu machen.

Hauptredner bei der „Nacht der Milch“ ist Karl-Eugen Kühnle, Landesvorsitzender des BDM. „Was nützen Steuererleichterungen, wenn der Kittel brennt?“ fragt er. Das Überangebot an Milch sei erdrückend, die Folgen seien klar: Entweder, das Höfe-Sterben gehe so lange weiter, bis die Milch automatisch rarer und teurer werde, oder . . . oder man steuere jetzt gegen. „Wir vom BDM sind für eine verträgliche Lösung“. Die Formel: Aktuell 30 Cent pro Liter als Lohn für eine gedrosselte Produktion – bis der Markt wieder auf gesunden Beinen stehe.

Viel Wut hat auch Kühnle im Gepäck: Die Milchbauern zahlten die Zeche für die Exzesse der Lebensmittelindustrie, finanzierten zum Beispiel die Gewinne von Schokoladenherstellern.

„Ich sage jetzt auch Dinge, die keiner gerne hört“. so Bernhard Randler, Landwirt aus Dischingen-Hofen: Als Schweinezüchter habe er erlebt, wie eine Branche ausblute, in ganz Dischingen gebe es keinen Vollerwerbs-Schweinezüchter mehr. Der Effekt: „In Baden-Württemberg erzeugen wir nicht mal mehr die Hälfte unseres Schweinfleischs selbst“. Randler geht hart ins Gericht: Mit Bauern, die sich trotz gemeinsamer Probleme in Grabenkriegen verkämpften, aber auch mit den Verbrauchern: Die seien nicht ehrlich: „In Umfragen beteuert jeder, dass man mehr Geld für gute Qualität zahlen will, aber am Regal wird dann doch wieder jeder Cent gespart“.

Vergleichsweise noch paradiesisch geht es den Biobauern, die noch gut 50 Cent pro Liter Milch bekommen. Doch deren Sprecher Reiner Gansloser aus Hermaringen wiegt sic nicht in Sicherheit: Der Preisverfall könne irgendwann auch die Biobauern treffen, sagt Gansloser: „Die Menge ist ganz klar das Problem“.

„Wir ruinieren die halbe Welt mit diesen Preisen“, sagt Landtagsabgordneter Martin Grath von den Grünen: Auch mangelnde Perspektiven für Landwirte in Afrika könnten Flüchtlingsströme anschieben. Für die heimischen Bauern gelte: „Wir können nicht billiger als andere, also müssen wir besser als andere sein“. In dieser Hinsicht hat Grath in Stuttgart schon einige Einsichten ausgemacht – auch beim mit zuständigen Minister Peter Hauk.

„Die Milcherzeugung ist schwerkrank, da sind die 100 Millionen nur eine Kopfschmerztablette“, so der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Stoch, der die Milchbauern zu mehr Zusammenarbeit auch mit dem Bauernverband aufrief. Klar ist für Stoch, dass man die Landwirtschaft in unserer Gegend zur Daseinsvorsorge zählen sollte – das allein ermögliche auch, in den Markt einzugreifen. „Einfach zu lösen ist das Problem aber nicht“, so Stoch: „Sonst hätte es sicher schon jemand gelöst“.

Fazit für Hans Ott: „Wir können nicht melken, bis es gut wird. Wir müssen etwas ändern und kämpfen weiter“.

Für Teilnehmer und Zuschauer gab es Würstchen und Getränke, für die Politiker je einen Liter Milch – fair gehandelt, natürlich.