Heidenheim / Michael Brendel 5201018. Unter diesem Code wird Adrian Schickler beim Internationalen Skiverband geführt. So einer kann keine kleine Nummer sein, möchte man meinen. Ist er auch wirklich nicht. Weder als Sportler, noch als Unternehmer, Musiker, Funktionär oder Dichter.

Um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Alpinskifahrer war's auch mal besser bestellt. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft in St. Moritz bedurfte es schon eines Husarenritts von Slalom-Ass Felix Neureuther, um auf den letzten Drücker wenigstens noch eine bronzene Plakette als Minimalausbeute einzuheimsen.

Als wahrer Medaillen-Garant tut sich hingegen seit Jahrzehnten Adrian Schickler hervor. Auch international. Erst kürzlich sicherte er sich im Torlauf beim Senioren-Masters in Götschen (Österreich) den zweiten Platz, nachdem er 2014 an gleicher Stelle Gold geholt hatte. Auf vier nationale Titel kann er obendrein verweisen.

Titelkampf: Adrian Schickler vs. Felix Neureuther

Schön und gut, mögen jetzt die Neureuther-Fans einwerfen, aber Felix hat's bereits auf 16 gebracht. Das stimmt natürlich, allerdings fährt Schickler seine Erfolge mittlerweile in einem Alter ein, in dem sich für die meisten anderen Sport nur noch auf der Mattscheibe abspielt: Im Juni feiert der gebürtige Heidenheimer seinen 86. Geburtstag, und wenn es bei seinen bislang vier Beinbrüchen bleibt, dann wird er wohl noch einige Male auf dem Treppchen stehen.

Schickler musste früh lernen, Ausdauer zu zeigen. Seine Mutter Margarethe starb 1939 bei der Geburt ihres sechsten Kindes. Und so stand Vater Wolfgang von einem Tag auf den anderen allein mit fünf Mädchen und einem Jungen da. Obendrein erteilten die Nationalsozialisten ihm, Pfarrer bei der Christengemeinschaft, Berufsverbot. Was folgte, waren entbehrungsreiche Jahre, in denen oft nicht viel Essen auf dem Tisch stand.

„Aber ich bin dankbar für diese Erfahrung, denn sie hat mich hart gemacht“, sagt Schickler. Und Ellenbogen waren ja auch gefragt, um sich unter den Gleichaltrigen zu behaupten. Clever: Weil Schicklers Elternhaus, in dem sich heute das Lokal „Hexenfelsen“ befindet, am Fuße des Katzentals steht, war er sowohl Mitglied in der „Flügelbande“, als auch in der „Mergelstetter Bande“.

Darin spiegelt sich rein örtlich betrachtet auch die schulische Laufbahn: Die ersten Jahre marschierte Schickler auf dem Herrenwegle nach Mergelstetten, bis er dann auf das heutige Hellenstein-Gymnasium wechselte. „Das Schulgeld habe ich mir selbst verdient“, erinnert er sich nicht ohne Stolz – beim Eisenbiegen auf dem Bau und als Balljunge auf dem Tennisplatz. Auch wenn's anstrengend war: Deutlich weniger behagten ihm die Sonntage, an denen er als Fanfarenbläser „in Nazi-Formationen die Hauptstraße rauf und runter“ marschieren musste.

Schicklers Fahrversuche im Garten von Onkel Hanns Voith

Nachdem die Amerikaner in die Stadt gekommen waren, tat sich für Schickler eine unerwartete Spielwiese auf: Ein glücklicher Umstand brachte es mit sich, dass sein Onkel Hanns Voith war, und damit Geschäftsführer des diesen Namen tragenden Maschinenbauunternehmens. Und so bot sich die Gelegenheit, im Garten der Villa Eisenhof Spritztouren mit Militärfahrzeugen zu unternehmen, die dort auf Reparaturen warteten.

In erster Linie sah sich Adrian Schickler aber trotz seiner Jugend als Ernährer der Familie. Es musste Geld her, und so mischte er nach Kräften auf dem Schwarzmarkt mit. Zigaretten stellten die härteste Währung dar, aber bisweilen wechselten durch sein Zutun im Schutz der Dunkelheit auch größere Mengen an Kernseifenriegeln aus US-Beständen den Besitzer. Er verhökerte sogar Handfeuerwaffen, die in der Schickler'schen Wohnung vor dem Zugriff der Militärpolizei sicher waren: Die Räume waren „off limits“, nachdem der Vater 1945 seine Zulassung als Pfarrer zurückerhalten hatte.

Das Verhältnis der beiden war schwierig: „Ich hatte keine Beziehung zu meinem Vater“, sagt Adrian Schickler, „Er war streng, hat mich aber nie geschlagen. Und im Grunde war er sogar stolz auf mich, konnte es jedoch nie zeigen.“

Schon als Sprecher der Klasse und der Gesamtschülerschaft ließ sich Schickler in die Pflicht nehmen. Und obwohl er einmal sitzenblieb, ging er nach dem Abitur seinen Weg selbstbewusst weiter. Vom Wunsch, Arzt zu werden, verabschiedete er sich mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten schnell, begann stattdessen in München Volks- und Betriebswirtschaft zu studieren und wechselte dann, ausgestattet mit einem Fulbright-Stipendium, in die USA.

Schicklers beruflicher Werdegang: Weder Crailsheim, noch Indien

Nach Examen und Promotion gab es mehrere Möglichkeiten, beruflich Fuß zu fassen. Das Angebot, das Voith-Werk in Crailsheim zu führen, schlug Schickler aber ebenso aus wie die Leitung einer Stahlfabrik in Indien. Auch in die Dienste Richard Oberdorfers wollte er nicht treten – Schicklers Vater hatte dem Chef des auf Siebe für Papiermaschinen spezialisierten Heidenheimer Unternehmens im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet.

„Ich wollte damals nicht protegiert werden“, begründet Schickler seine Entscheidung, selbst nach Herausforderungen zu suchen. Und sie erfolgreich zu meistern, wie ein Blick auf die wesentlichen Etappen seiner Karriere belegt: Erste Station waren die Schwedischen Kugellagerfabriken in Bad Cannstatt, woraufhin Schickler als Direktionsassistent zu Werner und Pfleiderer und dann als Geschäftsführer zum Aufzugs-Unternehmen Haushahn nach Feuerbach ging.

Irgendwann hatte der Maschinenbau an Reiz eingebüßt, und Schickler wechselte in die Verlagsbranche – als Finanzvorstand bei Gruner und Jahr in Hamburg. Mit beachtlichem Effekt: „Aus einem Pleiteladen haben wir ein äußerst erfolgreiches Unternehmen gemacht“. Die Erfolgsgeschichte endete für Schickler, als Bertelsmann Mehrheitseigentümer wurde: „Die Altverleger waren raus, und ich wurde in Ehren entlassen.“

Bald schon vermittelte aber ein Headhunter den nächsten Auftrag: Als Finanz- und Produktionsvorstand sanierte Schickler ein größeres Hamburger Unternehmen. Dann war „die Zeit reif , mein eigenes Ding zu machen“. Es wurde auf den Namen „Schickler und Partner Unternehmensberatungsgruppe“ getauft, und Adrian Schickler stand mit einem Compagnon 20 Jahre lang gemeinsam an der Spitze.

Adrian Schickler: Zwischen Managertätigkeit und Ehrenamt

Die Managertätigkeit war das eine, das ehrenamtliche Engagement das andere: Ihrer Schulpolitik wegen trat Schickler in die FDP ein – hat das Parteibuch aber zurückgegeben –, brachte es im Elternbeirat des Landes Baden-Württemberg zu Zeiten des damaligen Kultusministers Professor Wilhelm Hahn bis zum stellvertretenden Vorsitzenden, und hinterließ „eines der größten Verdienste in meinem Leben: Die Prügelstrafe wurde abgestellt“.

Auch auf verbandspolitischem Gebiet brachte sich Schickler ein. Für den später von Mitgliedern der RAF entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer bereitete er Tarifverhandlungen vor.

Bei all dem blieb stets Raum für den Sport. In jungen Jahren schon griff „Adi“, wie er bis heute gerufen wird, für den TSB Heidenheim zum Florett und spielte Tennis, wobei er es während des Studiums in den Staaten bis ins Viertelfinale der nordamerikanischen Meisterschaften brachte. Die große Leidenschaft aber galt und gilt dem Skifahren. Seit 83 Jahren steht Schickler auf jenen Brettern, die ihm die sportliche Welt bedeuten, auch wenn sie ihn so manches Mal abwarfen, als sie noch aus zweckentfremdeten Fassdauben bestanden und nicht im Entferntesten etwas von Hightech-Geräten hatten.

Heidenheimer Skiclub: Im Team erfolgreich

Als am 31. Mai 1947 in der Konzerthaus-Gaststätte der Heidenheimer Skiclub wiedergegründet wurde, saß Schickler als Jüngster mit am Tisch. Drei Jahre später, am 23. April 1950, gewann im Skigebiet Dammkar bei Mittenwald beim internationalen Städterennen in der Flachlandklasse ein Team des SC, zu dem neben Schickler unter anderem Willi Bäuerle und Friedemann Ammer gehörten. Beide nennt er ebenso bis heute seine Freunde, wie Rolf Mattern, mit dem ihn viele gemeinsame Abfahrten in den Bergen rund um Val d'Isère verbinden.

Auch in deutlich küstennäheren Regionen Frankreichs fühlt sich Schickler daheim. Zusammen mit seiner Frau Gisela Trude, der Tochter des ehemaligen Fotografen Höhn aus der Grabenstraße, lebt er sieben Monate des Jahres in seinem Ferienhaus bei Montpellier, die restliche Zeit in Ahrensburg, nordöstlich Hamburgs.

Dabei ist Schickler die geografische Verortung weniger wichtig als der Kontakt zu ihm teuren Menschen. Und die gibt's bei fünf Kindern, zwölf Enkeln und zwei Urenkeln an vielen Orten auf der Welt. Deutschland, England, Frankreich, Schweiz, Norwegen – die nächsten Verwandten leben weit verstreut und sorgen dafür, „dass wir überall Freunde haben“.

Schickler ist seiner Heimat treu geblieben

Obwohl Schickler viel in der Welt herumkommt: Seine Wurzeln hat er nie vergessen. Einmal im Jahr besucht er Heidenheim, staunt stets aufs Neue über die komplizierte Verkehrsführung in der Stadt, hält die Gestaltung des Eugen-Jaekle-Platzes nach wie vor für nicht gelungen, empfindet die Fußgängerzone nichtsdestotrotz als attraktiv und das kulturelle Leben als überaus rege.

Niederschlag gefunden hat die wohlwollende Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt bereits in zwei Büchern, und zur liebgewonnenen Gewohnheit ist es Schickler geworden, bei den Treffen der Jahrgänge 1931/32 eine Rede zu halten. Gerne auch mit der Klampfe in der Hand, stand er doch als fester Bestandteil des „Trio Chanson“ fast eineinhalb Jahrzehnte als Gitarrist auf der Bühne. Zuletzt eignete er der Brenz beim 85er-Fest eine Hommage zu:

Liebe Brenz, vor abertausend Jahren, da bist du reißend durch die Ostalb gefahren! Hast Dir Dein Bett, Dein Tal gegraben, hast Platz geschafft für wack're Schwaben.