Mit den Familienverhältnissen stimmt es nicht so recht, doch materiell gesehen fehlt es ihnen an nichts. Die Jugendlichen in Gregor Schnitzlers Verfilmung des Romans „Spieltrieb“ von Juli Zeh sind nicht Vertreter einer Lost Generation, sondern vielmehr einer übersättigten Bored Generation. Langeweile spricht aus ihren oft ins Leere starrenden Gesichtern und ist letztlich Motivation, in das Leben und Schicksal Anderer manipulativ einzugreifen.
 


 

Der 18-jährige Alev (dämonisch gut: Jannik Schümann) ist stets schick angezogen und gut frisiert. Die Gymnasialklasse, in die er als der Neue kommt, liest gerade Musils „Mann ohne Eigenschaften“ als Lektüre und ebenso beschreibt der hochintelligente und respektlose junge Mann sich selbst: „Gute Eigenschaften? Keine. Schlechte Eigenschaften? Auch keine.“

Der geborene Anführer und die gemobbte 15-Jährige

Er ist der geborene Anführertyp, wirkt anziehend – vor allem auch auf die 15-jährige Ada (überzeugend: Michelle Barthel), eine gemobbte Einzelgängerin, die aufgrund ihrer Intelligenz zwei Klassen übersprungen hat. Alev überredet Ada, gemeinsam ihre intellektuelle und schlagfertige Überlegenheit gegenüber den Lehrern und besonders gegenüber dem Sportlehrer auszuspielen: Ada soll den verheirateten Mann verführen, während Alev alles filmt, um den Pädagogen dann mit den Aufnahmen erpressen zu können.

Regisseur Schnitzler zeigt eine Randgruppe einer Jugendgesellschaft, die ohne Ziel und Hoffnung existiert. Ihr nihilistisches Dasein ist von einem Mangel an Gefühlen geprägt, Liebe kennen sie nicht und sie glauben an nichts. Ein Unrechtsempfinden fehlt. Abgründige Ideen im Umgang mit anderen Menschen bieten als Thrill eine fast rauschhafte Befriedigung für sie: rücksichtslose „Spiele“, die für Andere bis zum Selbstmordversuch oder zum Ruin führen können.

„Spieltrieb“ spiegelt eine kulturlose Subkultur, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre eigene Daseinsberechtigung zu beweisen versucht. Für Moralität ist da kein Platz, persönliche Perspektiven erkennen die Protagonisten nicht und suchen sie auch nicht. Die bittere Erkenntnis drohenden Versagens seitens der Gesellschaft bleibt, obwohl es sicherlich um krasse Einzelfiguren geht.

Angesichts der Komödienflut einer der außergewöhnlichsten deutschen Filme in jüngster Zeit.

Kino-Center, ab 12