Heidenheim / Jens Eber Im HZ-Gespräch diskutieren Klimaaktivistin Anna Prasser und SPD-Politiker Andreas Stoch über die Frage, wie Politik auf die Jugendbewegung „Fridays for Future“ reagieren kann.

Seit Monaten fordern junge Menschen bei den „Fridays for Future“-Schulstreiks umgehendes Handeln gegen den Klimawandel. Ihr Credo: Die Menschheit hat nur noch wenig Zeit, eine Katastrophe zu verhindern. Anna Prasser hat die Streiks in Heidenheim mitorganisiert, Andreas Stoch ist Landtagsabgeordneter und seit Jahrzehnten politisch aktiv.

Frau Prasser, Sie werfen der Politik vor, nicht genügend für den Klimaschutz zu tun . . .

Prasser: Definitiv! Ich will den Politikern nicht vorwerfen, dass sie nicht sehen, was da vorgeht, aber sie zögern alles hinaus. Das finde ich ungerecht, weil es sich auf die Menschen im globalen Süden schon auswirkt und für sie super ungerecht ist, dass wir hier wirtschaften wie verrückt.

Stoch: Man muss aufpassen, dass man an dieser Stelle keine Pauschalurteile fällt. Es gibt nicht die Politiker, es gibt sehr unterschiedliche Personen und Meinungen, man muss sich die Mühe machen, das zu unterscheiden, sonst ist mir das zu plakativ.

Prasser: Wir haben uns ja mit Wissenschaftlern zusammengesetzt und überlegt, was getan werden kann. Wir fordern nicht, dass noch diesen Monat alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Wir sehen aber die Dringlichkeit hinter unserem Anliegen. Klimaschutzmaßnahmen müssen sofort eingeleitet werden!

Herr Stoch, wird die Bewegung in der Politik wahrgenommen?

Stoch: Ich finde, dass durch Fridays for Future Bewegung in die Politik gekommen ist, weil ein gewisser Rechtfertigungsdruck entstanden ist. Der wird teilweise ziemlich unbefriedigend gespiegelt. Wenn FDP-Chef Christian Lindner sagt, Klimaschutz sei Sache für Profis, dann klingt das so arrogant und überheblich, dass man sich nicht über Politikverdrossenheit zu wundern braucht. Noch schlimmer ist, wenn man Verständnis heuchelt, aber überhaupt nicht bereit ist, etwas zu tun.

Was tut die Politik?

Stoch: Es ist wichtig, diese Bewegung sehr ernst zu nehmen und zu zeigen, dass man sie in politische Handlungen umsetzt. Dass diese Handlungen schrittweise vor sich gehen, muss die Bewegung wiederum verstehen. Aber wenn man gar keine Forderungen erhebt, setzt man auch keinen Prozess in Gang. Wir müssen es hinkriegen, das abstrakte Ziel in konkrete politische Maßnahmen zu wandeln, das ist die Kunst der politischen Kommunikation. Da bin ich jeder und jedem dankbar, die für diese Ziele eintreten, denn nur dann schafft man eine Bewusstseinsveränderung in der Bevölkerung. Ich verstehe auch, dass es vielen nicht schnell genug geht, aber dass die Debatte neu angeschoben wurde, ist ein Verdienst der Fridays for Future.

Prasser: Das reicht nicht, wir sind an einem Punkt, wo wir nicht nur Debatten anschieben können, sonst fahren wir die Erde gegen die Wand. Wir müssen wirklich handeln, und zwar schnellstmöglich!

Stoch: Ja, aber die Thematik ist nicht mit Fridays for Future vom Himmel gefallen.

Prasser: Genau, die ist schon sehr lange bekannt.

Stoch: In der Demokratie muss ich aber für mein Ziel werben und politische Mehrheiten organisieren. Wir stellen ja schon eine Gegenbewegung fest, siehe Rechtspopulisten in Europa, die sagen, Klimawandel habe nichts mit menschlichem Verhalten zu tun. Deshalb geht es darum, dass diejenigen, die etwas tun wollen, zusammenstehen und sich nicht gegenseitig Vorwürfe machen. Man kann immer über die Geschwindigkeit klagen, aber wir müssen vor allem denen die Grenze aufzeigen, die dagegen arbeiten.

Prasser: Es gibt ja viele Parteien, die das gleiche sagen wie Sie. Es fehlt die Vernetzung, dass Parteien sich zusammenschließen und gemeinsam Klimaschutzmaßnahmen einleiten. Die Politik kann eingreifen, indem sie die Dinge so teuer macht, wie sie auch sind. Wenn Kerosin versteuert wird, wird Fliegen teurer. Jede Partei sagt, die anderen müssten mitziehen. Da müsst ihr euch austauschen und es nicht uns sagen!

Stoch: Es gibt im nächsten europäischen Parlament eine Chance, etwas zu tun, wenn es eine Mehrheit gibt, die zum Beispiel aus Sozialdemokraten, Grünen und einigen anderen besteht. Das Problem bei den Konservativen ist, dass sie vermeintliche wirtschaftliche Interessen gegen uns ins Feld führen.

Das Argument, dass Klimaschutz Arbeitsplätze kostet?

Stoch: Das ist ein dummer Vorwand, weil wirtschaftliches Engagement im ressourcenschonenden Bereich viel zukunftsträchtiger ist. Wir können eine Veränderungsmehrheit organisieren, aber dann muss die Bevölkerung verstehen, dass es wirklich 5 vor 12 ist.

Wenn die Jugend aber auf die Straße geht und aufmerksam machen will, kommt viel Gegenwind.

Stoch: Die Debatte, ob die Schulpflicht verletzt wird, fand ich total lächerlich. Das kam von einer Seite, der dieses Engagement nicht in den Kram passt. Ich würde mir oft wünschen, dass die Leute ihre Scheuklappen abnehmen und mal weiter denken. Man denkt oft aus der eigenen Gewohnheit heraus nicht weit genug. Da kann ein unverstellterer Blick von jungen Leuten manchen dazu bringen, die Scheuklappen abzusetzen.

Hat sich denn in der Wahrnehmung der Schulstreiks etwas verändert?

Prasser: Es ging jetzt tatsächlich schon länger nicht mehr ums Schwänzen (lacht). Wir haben ja gezeigt, dass wir auch in den Ferien Hunderte und Tausende Schüler mobilisieren. Gesellschaftlich haben wir eine Diskussion angeregt. Wir werden nicht mehr so sehr als Gefahr wahrgenommen. Viele hatten Angst, dass wir allen das Fleisch vom Tisch reißen oder das Auto wegnehmen wollen. Das haben wir mit unseren Forderungen widerlegt. Wir haben ganz klare Forderungen, die nur das Nötigste zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels vorsehen.

Hat die junge Generation eine Art Stellvertreterkrieg zu führen, um die Welt zu retten?

Prasser: Viele Ältere sagen uns, super, dass ihr das macht. Aber dass sie selber etwas machen könnten, ist ihnen oft nicht bewusst. Da wird vieles auf uns abgeladen.

Ist es ungerecht, dass offenbar gerade die Jugend so für das Klima eintreten muss, die am wenigsten Schäden verursacht hat?

Stoch: Wenn ich so argumentiere, arbeite ich mit der Verlagerung von Schuld an die ältere Generation, das bringt uns nicht weiter. In einer Vorwurfsdiskussion machen die Leute erst recht zu. Ich würde es anders formulieren: Junge Leute haben durch die Tatsache, dass sie noch länger auf der Erde leben wollen, eine hohe Legitimation, eine Veränderung aller einzufordern, nicht als Vorwurf, sondern als Appell. Wir alle haben Verantwortung. Ich bin froh, dass sie den Mut hatten, diese Debatte anzustoßen. Wenn man Kinder hat, dann schaut man auf manches anders, ob sie noch eine gute Zukunft haben.

Sind Kinder für Sie beide ein Antrieb?

Stoch: Definitiv, das ist ein großer Ansporn zu sagen: Ich muss mich um diese Welt kümmern. Das versuche ich auch meinen Kindern vorzuleben. Zweimal im Jahr nach Thailand zu fliegen und ein dickes Auto zu fahren – das sind keine Kriterien für Glück. Das müssen wir unseren Kindern klarmachen.

Prasser: Für mich ist mein Sohn ein ganz großer Antrieb. Für mich selber sehe ich die Bedrohung noch nicht so stark. Wenn ich 50 bin, wird die Welt zwar nicht mehr so sein, wie jetzt, aber mein Sohn ist dann um die 30 und er wird leben wollen. Ihr Sohn ist fünf.

Bekommt er schon mit, was Sie da tun?

Prasser: Ja. Er darf auch mit, wenn er will. Fridays for Future ist für ihn noch abstrakt. Aber er weiß zum Beispiel, dass wir wollen, dass RWE den Hambacher Forst nicht abholzt. Dass die Tiere im „Hambi“ leben können, ist ihm wichtig. Die großen Auswirkungen des Klimawandels versteht er noch nicht, da will ich ihm aber auch noch ein bisschen sein kindliches Sein lassen.

Herr Stoch, haben Ihre Kinder auch schon geschwänzt?

Stoch: Logisch! (lacht) Bei uns wird nicht jeden Tag über Politik diskutiert, aber sie artikulieren auch, was sie richtig oder falsch finden. Sie sind zwischen 13 und 20, die versuchen für sich selbst einen Weg zu definieren. Aber die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu ändern, ist manchmal ein weiter Weg. Viele Leute sind bereit, eine Veränderung einzufordern, aber je näher die Veränderung an ihr persönliches Verhalten rückt, desto schwieriger wird es. Die Zusammenhänge erkennbar zu machen, ist die Aufgabe.

Prasser: Die Informationen gibt es doch alle.

Stoch: Aber manche schieben sie weit von sich weg. Deswegen habe ich von Anfang an positiv auf Fridays for Future reagiert: Das ist ein Baustein für eine Veränderung.

Ist es eine Aufgabe für die Streikenden, durch eigenes Verhalten den notwendigen Wandel vorzuleben?

Prasser: Durchaus. Wenn man sich fürs Klima einsetzt, kann man nicht gegen das Thema steuern. Aber wir müssen nicht beweisen, was für super Umweltschützer wir sind. Die Politik muss zum Beispiel den Schulen Druck machen, dass sie den Schülern Klimaschutz nahebringen. Das können nicht wir machen, obwohl es ja Streikende gibt, die an Schulen Vorträge halten.

Frau Prasser, kommt mit Fridays for Future für Sie eine politische Karriere in Frage?

Prasser: Wir fordern die Politik auf zu handeln, unser Ziel ist nicht, selber Politiker zu werden.

Warum nicht?

Prasser: Es gibt sie ja schon. Und es gibt die Wissenschaft, die super Arbeit geleistet hat. Sicher möchten manche von uns Politiker werden, aber das ist nicht das Ziel der ganzen Bewegung.

Ist diese Bewegung ein Zeichen dafür, dass der klassische politische Weg ersetzt wird?

Stoch: Wenn du etwas verändern willst, musst du den langen Weg gehen, den „Marsch durch die Institutionen“, wie es bei den 68ern hieß. Die Studentenbewegung damals hatte ja auch bemerkt, dass sich durch Protest alleine nichts verändert, man muss das System aus sich selbst heraus verändern. Ich verstehe, dass viele Menschen sich heute punktuell einsetzen wollen, nicht mehr in einer Partei. Ich sehe Parteien immer noch als Organisationsform der politischen Willensbildung. Mit Bürgerbewegungen kann ich punktuell etwas erreichen. Langfristige Politik gelingt mit Parteien.

Prasser: Das Problem ist doch: Wir haben gar nicht die Zeit. Uns Jungen fehlt die Zeit, diesen langen Weg zu gehen: erst die Schule fertig machen, anstatt freitags auf die Straße zu gehen, dann studieren, sich in der Politik hocharbeiten, dann Kanzlerin werden. Bis dahin wird es zu spät sein. Die jetzigen Politiker müssen handeln. Jetzt kommt der Sommer, dann werden wir die Auswirkungen des Klimawandels wieder spüren, das wird nochmal Menschen wachrütteln.

Frau Prasser, denken Sie, die Bewegung wird einen langen Atem haben?

Prasser: Ich denke definitiv, dass wir den Atem haben werden, um ein Handeln zu erwirken. Man diskutiert jetzt seit Jahrzehnten und kommt auf den Schluss, dass man es nicht allen recht machen kann. Wir müssen schauen, dass die Erde intakt bleibt, damit wir uns um alle anderen Probleme kümmern können. Uns nutzt kein funktionierendes Wirtschaftssystem, wenn unser Ökosystem kaputtgeht?

Stoch: Wir stehen nicht im Widerspruch zueinander. In einer Demokratie muss ich die Mehrheit der Menschen überzeugen, das ist ein dickes Brett, und da verstehe ich, dass junge Menschen ungeduldig sind. Gleichzeitig leisten sie durch ihre Ungeduld einen wichtigen Beitrag, um diese Überzeugungsarbeit zu leisten. Wenn eine Gesellschaft ihre Meinung nicht artikuliert, dann arbeitet Politik in einem geschlossenen System in ihrer eigenen Logik. Deswegen ist es wichtig, dass es Leute gibt, die die unbequemen Wahrheiten deutlich artikulieren. Das tut Fridays for Future, deswegen können wir stolz drauf sein.

Frau Prasser, Herr Stoch, hat es viele überrascht, dass plötzlich die junge Generation aufstand?

Prasser: Durchaus, als wir im Dezember anfingen, glaubte keiner, dass wir das werden, was wir jetzt sind. Nicht einmal wir selber haben so viel Potenzial in unserer Generation gesehen. Es liegt in der Luft, dass wir an einem Punkt sind, an dem es nicht mehr weitergeht. Stoch: Es hat viele überrascht, weil der Eindruck entstanden war, dass junge Menschen eine stärkere Ich-Bezogenheit hatten, in kleinem Maßstab denkend und eher materialistisch. Aber die Bewegung ist ein Beispiel dafür, dass junge Leute sich einbringen wollen. Sie können ein Vorbild sein.

Prasser: Viele in meinem Alter fühlen sich außen vor gelassen. Viele haben keine Ahnung, wie Wahlen funktionieren. Wenn man sich so fühlt, entsteht ein Desinteresse: Die tun ja eh nichts für uns.

Stoch: Das klingt nach passiver Rolle, als müsste man junge Leute an der Hand nehmen. Mein politisches Bewusstsein entstand nicht, indem ich Papa fragte, was ich tun soll. Junge Leute müssen zu einem gewissen Selbstbewusstsein erzogen werden, damit sie nicht warten, bis jemand kommt, der sie abholt. Man muss von sich aus etwas artikulieren, das zeigt ihr ja gerade.

Prasser: Wir wollen uns auch langfristig einbringen, aber kurzfristig müssen eben Klimaschutzmaßnahmen eingeleitet werden, und zwar nicht von uns. Wir können das leider nicht.

Stoch: Da muss man erstmal in der eigenen Partei und dann im Parlament für eine Mehrheit sorgen. Man kann nicht auf Knopfdruck die Welt retten, und das Klima schon gar nicht. Es ist ganz mühevoll, Leute aus ihren Verhaltensmustern rauszubringen.

Am Freitag ist Klimastreik zur Europawahl

Anna Prasser ist (Mit-)Organisatorin der „Fridays for Future“-Veranstaltungen in Stuttgart und Heidenheim. Sie lebte einige Jahre in Ludwigsburg und wohnt jetzt wieder im Landkreis.

Andreas Stoch ist Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Heidenheim, Fraktionsvorsitzender der SPD und Landeschef seiner Partei. Er war von 2013 bis 2016 Kultusminister.

Die nächste Demo von „Fridays for Future“ ist für Freitag, 24. Mai, angekündigt. Der globale Klimastreik zur Europawahl soll auch in Heidenheim Zulauf finden und beginnt um 11 Uhr am Bahnhof. Laut Veranstalter wird es eine Laufdemonstration mit Musik. Ab 12 Uhr treten vor dem Rathaus Kerfuffle Sounds und Whild Stage als „Zweitakt Kollektiv“ auf. je