Heidenheim / Joelle Schilk Das Heidenheimer Naturtheater kann dieses Jahr auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken. Vorsitzender Norbert Pfisterer spricht im Interview über die Anfänge auf dem Kulturhügel, über schwierige Zeiten und Zukunftsvisionen.

Das Heidenheimer Naturtheater ist die zweitälteste und zweitgrößte Freilichtbühne in Baden-Württemberg – und in diesem Jahr feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen. Im Interview spricht der Vorsitzende Norbert Pfisterer über besondere Momente auf und hinter der Bühne, über seine Anfänge beim Theater und warum es gut ist, dass es im Verein immer mal wieder menschelt.

100 Jahre, 100 Veranstaltungen – und Sie haben schon spekuliert, es seien wahrscheinlich sogar mehr. Die Premieren stehen bevor, die Festwoche auch – wie hoch ist denn Ihr Stresspegel momentan?

Norbert Pfisterer: Der Stress ist schon da. Wobei ich eigentlich ein Mensch bin, der sich nicht stressen lässt. Und ich habe viele richtig gute Mitarbeiter, ohne die es gar nicht gehen würde. Die voller Begeisterung dabei sind.

Ist diese Begeisterung im Jubiläumsjahr noch etwas größer als sonst?

Das ist ja das Schöne. Ich bin seit fünf Jahren Vorsitzender, und ich habe noch nie so eine Stimmung erlebt wie in diesem Jahr.

Friede, Freude, Eierkuchen?

Es ist tatsächlich eine sehr positive Stimmung. Klar, es gibt immer wieder Auseinandersetzungen. Bei einem Verein lässt sich das auch nicht vermeiden, da gibt es immer Reibungen. Aber insgesamt läuft es richtig gut. Ich bin fast jeden Tag da oben, vor allem jetzt, bei den Proben, und bin beeindruckt von dem Enthusiasmus, der dort herrscht.

Hat diese Begeisterung auch mit dem Stück selbst, mit der „West Side Story“, zu tun?

Wir haben lange überlegt, ob es das richtige Stück ist, ob das wirklich was wird. „West Side Story“ ist natürlich ein heftiger Brocken. Es gab, ich will nicht sagen Widerstände, aber große Bedenken. Leute, die schon öfter inszeniert haben, haben gesagt: Lasst die Finger davon.

Dennoch wird es aufgeführt.

Wir machen es so, dass es für uns funktioniert. Wir haben mit Markus Romes einen musikalischen Leiter geholt, der viel Erfahrung hat und der „West Side Story“ auch schon mal in Ulm inszeniert hat. Er kennt viele junge Leute, die singen können, er hat die Musiker an der Hand – es ist ja so, dass das Stück nur in der Originalform gespielt werden darf. Also nur mit Livemusik, und ohne am Text etwas zu ändern.

Viele Vorgaben also . . .

Ja, aber unser Gedanke war: Jubiläum ist nur einmal. Also gibt man eben etwas mehr Geld aus und hat dafür die Hilfe von extern, unter anderem auch Tanztrainer. Das gibt eine richtig gute Geschichte da oben.

Das A und O im Theater ist es doch, das Publikum zu fesseln. Die Zuschauer mitzunehmen. Egal, ob jedes Wort sitzt oder nicht. Wie sehen Sie das?

Ganz genauso. Der Funke muss überspringen. Klar, wir sind nicht der Broadway, den Anspruch haben wir auch gar nicht. Aber das, was wir hier auf regionaler Ebene auf die Beine stellen können, bekommen wir richtig gut hin.

Keine Bedenken, sondern Zuversicht, was die Premieren angeht. Man sagt ja so schön, gute Vorbereitung ist alles. Wann haben Sie im Naturtheater angefangen, das Jubiläum zu planen? Und vor allem – wo fängt man da an?

Wir haben im Sommer vorigen Jahres angefangen. Dann war klar: 100 Jahre, das kommt auf uns zu – was machen wir also? Wir haben eine Jubiläums-Crew gegründet, Versammlungen abgehalten, Ideen entwickelt. Die Stückauswahl war gar nicht einfach: Bei dem zuerst angedachten Stück war die rechtliche Situation unklar, und da muss man höllisch aufpassen. Deshalb haben wir uns für „West Side Story“ entschieden. Und dann gingen schon die Proben los.

Laut Chronik hat es in den vergangenen 100 Jahren annähernd 400 Inszenierungen gegeben – wissen Sie, wie viele Sie selbst begleitet bzw. gesehen haben?

Ich persönlich? Schwer zu sagen. Aber im Naturtheater bin ich schon lange engagiert; da muss ich von vorne anfangen. Als ich 1972 nach Heidenheim kam, zur Heidenheimer Zeitung, haben mich zwei Dinge immer interessiert: das Naturtheater und das Werkgymnasium. Das Naturtheater habe ich von Anfang an begleitet, ich habe auch immer über die Stücke geschrieben. Dennoch war ich nicht von Anfang an Mitglied, sondern erst seit 1994. Da ist ja die neue Zuschauerhalle gebaut worden, und die hat ziemlich viel Geld gekostet, weshalb wir damals den Förderverein gegründet haben. Seither bin ich im Naturtheater engagiert, war 20 Jahre lang Vorsitzender des Fördervereins und jetzt seit fünf Jahren Vorsitzender des Hauptvereins.

Haben Sie auch schon selbst mal auf der Bühne gestanden?

Nein. Ich habe noch nie mitgespielt. Außer bei „My Fair Lady“, aber nur bei einem Tanz.

Und was meinen Sie, wird das jemals passieren?

(lacht) Ich glaube nicht. Ich fühle mich hinter der Bühne wohler, bin lieber im Hintergrund aktiv. Ich versuche dafür zu sorgen, dass die Leute, die spielen wollen, das ohne Probleme machen können. Das sehe ich als meinen Job an.

Gibt es denn etwas, auf oder hinter der Bühne, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

In den 80er-Jahren gab es große Probleme. Die habe ich natürlich auch mitbekommen. Der ehemalige Schulleiter des Werkgymnasiums, Günther Moser, war Vorsitzender. Er hatte hohe künstlerische Ansprüche, die den Verein teuer zu stehen gekommen sind. Das heißt: Er hat den Verein finanziell an die Wand gefahren. Das war in all der Zeit das Negativ-Erlebnis schlechthin, das ich mitbekommen habe.

Es ging auch darum, ob der Verein überhaupt weiter existieren kann . . .

Genau. Er hatte hohe Schulden. Die Stadt hat das Areal und die Gebäude übernommen, sonst gäbe es den Verein heute nicht mehr. Danach ging es zum Glück aufwärts. Es ist immer schwierig, in solchen Zeiten den Verein zusammenzuhalten. Ich bin jetzt in einer guten Phase; ich hatte in den ersten beiden Jahren auch Probleme. Aber inzwischen läuft es richtig toll da oben. Das Image ist sehr viel besser geworden. Klar, es gibt immer wieder kleinere Probleme. Allein die Frage, was ist gut geeignet als Stück und was nicht – die spielt natürlich jedes Jahr eine Rolle. Oder die Frage, wer Regie führt. Es menschelt halt, und ich bin auch nicht immer mit jedem klargekommen.

Stichwort Naturtheaterfamilie . . .

Ja! Man merkt das immer ganz deutlich nach der Premiere. Wenn man zusammensteht und die Anspannung abfällt, diese Stimmung, das ist eine ganz familiäre Geschichte.

Und doch: Die Meinungen darüber, was gut ist für den Verein und was nicht, die werden wohl auch in Zukunft immer wieder auseinandergehen . . .

Mit Sicherheit. Aber davon lebt der Verein. Von diesen unterschiedlichen Menschen und Ansichten. Das finde ich so schön: Es gibt Leute aller sozialen Schichten da oben. Das sehe ich auch als eine Aufgabe mit an: Den Leuten zu helfen, sich selbst zu verwirklichen. Das ist mein Job.

Die Premiere steht bevor. Sind Sie immer noch genauso aufgeregt wie bei der ersten Premiere, die Sie als Vorsitzender miterleben durften?

Premiere ist immer Anspannung. Ob alles klappt, wie die Leute reagieren – das ist die größte Frage.

Eine spannende Frage ist auch, wie es ein 100-jähriger Verein schafft, keinerlei Nachwuchsprobleme zu haben. Gibt es ein Geheimnis?

Eigentlich nicht. Aber es ist schon so, wir müssen eher schauen, wie wir die Leute alle unterbringen, die zu uns strömen. Seit zwei, drei Jahren haben wir jeden Monat neue Mitglieder. Bis zu zehn Personen. Gerade für die „West Side Story“ sind relativ viele neue Mitglieder von auswärts neu dazugekommen. Aus Aalen, aus der ganzen Region. Die fahren dann extra wegen der Proben hierher.

Es kommt also auf die Menschen an, die hinter dem Verein stehen. Doch ein solcher Zulauf kann auch Probleme mit sich bringen, oder?

Gerade die Kinder wollen natürlich alle auf die Bühne. Daraus entstehen Probleme. Man kann natürlich alle mitnehmen, aber sie brauchen Betreuung, Kostüme, alles Mögliche. Das beansprucht jeden, angefangen bei der Schneiderei über die Maske bis hin zum Bühnenbild oder der Regie. Man muss einen Mittelweg dahingehend finden, alle mitzunehmen; aber eben so, dass die Qualität des Stückes nicht darunter leidet. Und dann kommt noch hinzu, dass es Eltern gibt, die das Naturtheater als Ablage betrachten. Die ihre Kinder draußen abgeben und gleich weiterfahren, uns also rein als Kinderbetreuung sehen. Da hängt viel Verantwortung dran. Und ich muss sagen: Am Ende der Saison bin ich immer heilfroh, wenn nichts passiert ist.

Das Naturtheater ist Mitglied im Landesverband Amateurtheater. Nähern wir uns doch mal dem Begriff des Amateurtheaters an. Mögen Sie den?

Na gut, das trifft natürlich zu, im Wortsinn. Wir sind Amateure. Wir sind keine Profis. Und Amateure geht ja noch – wenn von Laienschauspielern die Rede ist, dann habe ich etwas dagegen. Ein Laie ist für mich jemand, der es überhaupt nicht kann. Amateure heißt, dass wir es in der Freizeit und als Hobby machen. Aber es gibt Leute, die könnte man auch als Profi bezeichnen. Da zeigen sich manchmal Talente, die man vorher gar nicht erahnt hat. Vor allem dieses Jahr: Bei den Tanzproben sieht man Leute, denen hätte man gar nicht zugetraut, dass sie überhaupt geradeaus laufen können, und die tanzen wie die Meister (lacht).

Man weiß nie, was in einem steckt . . .

Richtig. Vielleicht sollte ich es doch auch mal probieren . . . (lacht)

Allein im Hinblick auf die Ausstattung fällt es einem auch schwer, beim Naturtheater von einer Amateurtheaterbühne zu sprechen . . .

Was die Ausstattung und die Gegebenheiten anbelangt, sind wir eigentlich ein Profitheater. Durch den Neubau, den wir haben, gibt es so gut wie keinen Unterschied zu Profi-Bühnen. Auch, was die Technik angeht.

Ohne Professionalisierung könnte aber auch das Naturtheater heute nicht mehr überleben, oder?

Richtig. Deshalb wurde ständig erweitert, deshalb gibt es klare Aufgaben und Strukturen im Verein. Das Vorstandsteam besteht ja auch aus mehreren Mitgliedern, und jeder ist Spezialist in einem eigenen Bereich. Und auch die anderen Mitglieder können sich in allen Bereichen ausprobieren. Das macht den Reiz des Naturtheaters aus und das ist ein tolles Angebot. Immer, wenn jemand anfängt zu mosern, sage ich: Ihr müsst euch mal überlegen, was ihr hier für Chancen habt. Im Laufe der Jahre sind einige von hier aus in die professionelle Schiene gegangen.

Wie viel Zeit verbringen Sie denn schätzungsweise oben auf dem Schlossberg?

Viel. Ich bin dort zu den Proben, zu den Teamsitzungen, zu den abendlichen Veranstaltungen, zu den Regietreffen. Das Naturtheater erfüllt mein Leben, das kann man nicht in Stunden messen. Im Grunde sind wir ein mittelständischer Betrieb. Wir haben auch mehrere hauptamtliche Mitarbeiter. Es ist ein riesiger Aufwand.

Der Schlossberg als Standort war sicher nicht immer einfach, mit Oper und Fußball in direkter Nachbarschaft . . .  Kommt man sich da manchmal in die Quere?

Nein, das hat von Anfang an gut harmoniert. Nur letztes Jahr hatten wir ein bisschen Probleme, denn an einem Tag war zeitgleich ein Fußballspiel und die Fußballer haben dann die Tiefgarage vom Hotel für sich beansprucht. Das war aber nur einmal, und seither läuft es. Wir sprechen uns normalerweise immer ab, und ich lege Wert auf gute Nachbarschaft. Der Kulturhügel Heidenheims soll sich ja positiv darstellen.

„Volkskunst-Vereinigung Verein zur Hebung und Förderung der Volksbildung und Volkskunst durch Selbstaufführung literarischer Meisterwerke“: so der ursprüngliche Name. Ist damit ein besonderer Anspruch verbunden?

Damals hatte man eine andere Auffassung von Kultur. Das hat sich ja mittlerweile geändert; nach dem Krieg hat sich alles etwas entspannt. Heute sehe ich das als lockere Angelegenheit, bei der man sich schon auch ein bisschen nach dem Geschmack des Publikums richtet. Wobei auch das nicht immer im Vordergrund steht. Zum Beispiel „Frühstück bei Tiffany“, das war doch sehr umstritten, auch beim Publikum. Und da muss man sich dann mitunter auch ziemlich unqualifizierte Bemerkungen anhören, das bleibt nicht aus. Das muss man gelassen sehen.

Nach 100 Jahren – ist da auch heute noch etwas vom Geist der Gründer zu spüren?

Was heute noch so ist wie vor 100 Jahren, ist das Engagement. Was auch noch so ist wie damals: Es gibt einfach Menschen, die brauchen die Bühne. Sich darstellen, sich zeigen, zeigen, was man kann. Auf der Bühne, das ist ein erhebendes Gefühl. Der Applaus tut einfach gut.

Norbert Pfisterer ohne Naturtheater, gibt es das?

Eigentlich nicht. Meine beiden Kinder haben mitgespielt, meine Frau auch schon, und ich verbringe sowieso jede freie Minute dort oben. Wir kochen auch immer mal wieder für die Bühnenbauer am Samstag. Das Naturtheater gehört irgendwie zu uns – aber ich hab den Jungs und Mädels da oben auch schon gesagt: Ich bin jetzt noch für zwei Jahre gewählt, und dann müsst ihr nach jemand anderem gucken. Ich werde nächstes Jahr 75 Jahre alt. Die Jungen müssen nachkommen.

Anfänge und schwierige Zeiten im Naturtheater

Am 29. Mai 1919 fand die Versammlung zur Gründung der „Volkskunst-Vereinigung Verein zur Hebung und Förderung der Volksbildung und Volkskunst durch Selbstaufführung literarischer Meisterwerke“ statt – die Geburtsstunde des Naturtheaters.

1924 wurde mit dem Bau der Freilichtbühne auf dem Schlossberg begonnen. Am 5. Juli wird die Zuschauerhalle mit 1960 Sitzplätzen fertiggestellt, am 20. Juli wird das „neue“ Naturtheater eingeweiht.

1981 kam es zur Spaltung des Vereins. Eine Gruppe gründete in Königsbronn die „Freilichtbühne am Brenzursprung”. 1982 eine weitere Spaltung: Die Schnaitheimer Sasse wird gegründet. „Die bislang schwierigste Zeit für das Naturtheater“, so Norbert Pfisterer; damals sei es um die Existenz gegangen. Die Mitgliederzahlen sanken, die Besucherzahlen auch; teilweise waren nicht mal mehr 50 Zuschauer in einer Vorstellung. Heute hat der Verein wieder rund 600 Mitglieder.