Herr Hirschenauer, wie war das, als Sie früher in Uniform Streife liefen oder an einem Tatort auftauchten?

Hansjörg Hirschenauer: Man begegnete der Polizei schon mit Respekt. Es gab zu meiner Anfangszeit keinerlei Angriffe auf Polizisten. Ich habe eine Szene in Erinnerung: In Ellwangen, wo ich zu meiner Anfangszeit im Streifendienst arbeitete, gab es einen stadtbekannten Schläger, ein ehemaliger Boxer, 1,90 Meter groß, ein richtiges Kraftpaket. Und den sollten wir aus einer Wirtschaft rausbekommen, in der er randaliert hatte.

Ich selbst bin jetzt nicht der größte und kam mit einem älteren Kollegen rein in die Wirtschaft. Der Schläger war sofort friedlich und sagte: „Gegen Polizisten mach ich nichts, ich gehe freiwillig mit.“

Heute wäre das nicht so. Da könnte es schon sein, dass es anders ausgeht und er auf die Kollegen losgeht. Als Polizist muss man damit rechnen, attackiert zu werden. Das ist unsere Erfahrung.

Hatten Sie so eine Situation schon?

Julia Kaißer: Also ich habe noch nie erlebt, dass jemand sagte: Ach jetzt, wo ich die Polizei sehe, da komme ich freiwillig mit. Normalerweise ist das Auftreten solcher Personen gegenüber der Polizei eher forsch, nicht zurückhaltend.

Hirschenauer: Heute wird sehr oft beleidigt, meistens wenn Alkohol mit im Spiel ist. Und Frauen gegenüber wird oft mit sexuellem Bezug beleidigt.

Wie reagieren Sie darauf?

Kaißer: Es kommt bei der Beleidigung darauf an, ob man sich beleidigt fühlt. Und wenn jemand mit zweieinhalb Promille so etwas sagt, dann fühle ich mich nicht beleidigt.

Hirschenauer: Die Kolleginnen sind da erstaunlicherweise sehr großzügig, muss ich sagen. Wirklich wahr.

In diesen 40 Jahren haben sich ja auch die Mittel und die Ausstattungen, mit denen die Polizei arbeitet, sehr verändert?

Hirschenauer: Wir hatten zwei Riesenprobleme damals: Fortbewegung und Kommunikation. Streife fuhren wir in einem VW-Käfer. Im Winter bei zehn Grad Minus hat man das Auto gar nicht warm bekommen. Dazu kamen Abgase herein. Nach zwei Stunden Streife bist Du mit krebsroten Augen ausgestiegen aus dem Ding. Dann hatten wir einen uralten Funk und riesige Funklöcher in dem hügeligen Gelände. Handy gab es auch nicht. Da mussten wir bei der Unfallaufnahme schon mal ins nächste Haus, um von dort aus zu telefonieren und einen Krankenwagen zu verständigen. Heute funktioniert der Digitalfunk deutlich besser.

Wie lief das bei Kontrollen, wenn Sie zum Beispiel jemanden gesucht haben?

Hirschenauer: Wir hatten Fahndungsbilder dabei. Dicke Wälzer, die natürlich nur begrenzt aktuell waren. Da hat man geguckt, ob der Friedrich Müller, den man gerade kontrollierte, drin steht.

Kaißer: Das ist nicht wahr?!

Hirschenauer: Doch wirklich. Später dann, Mitte der 70er Jahre, wurde es besser. Es gab die ersten Datenstationen, die aktueller waren und die man über Funk abfragen konnte.

Kaißer: Heute gibt es sogar einen Sonderkanal für die Datenstation, da kann man verschiedene polizeiliche Auskunftssysteme nutzen und bekommt immer eine kompetente Antwort.

Hirschenauer: Einen Halter eines Fahrzeugs festzustellen, war schwierig und langwierig. Wir hatten einen Schlüssel für die Dienststelle im Landratsamt, damit wir an die Akten kamen, wenn diese nicht besetzt war. In den Karteikarten haben wir dann nach dem Kennzeichen und dem Halter gesucht.

Und dann war der vielleicht schon über alle Berge.

Hirschenauer: Unter Umständen war es dann schon zu spät, gerade bei Unfallflucht. Aber es war normal und die Welt hat sich trotzdem gedreht.

Gibt es heutzutage Straftaten, die es damals nicht gab?

Hirschenauer: Wir haben einen explosionsartigen Anstieg im Bereich der Internetkriminalität, das ist zu erwarten. Mobbing war gar kein Thema, das wurde nicht angezeigt, auch wenn das vielleicht schon vorkam. Aber den Tatbestand gab es einfach nicht, der wurde erst vor einiger Zeit eingeführt. Da hat der Gesetzgeber auf Entwicklungen reagiert.

Wenn man einen Täter sucht, dann macht man heute auch einen Abgleich über DNA-Spuren. Wie haben Sie denn gearbeitet?

Hirschenauer: DNA-Abgleiche gab es nicht. Wir haben überwiegend mit daktyloskopischen Spuren gearbeitet, also mit Fingerabdrücken, das war das Maß der Dinge, oder bei einem Einbruch mit Spuren von Werkzeugen oder mit Fußspuren. Erst Mitte der 80er Jahre hat man zur DNA gegriffen.

Hat sich dadurch die Aufklärungsquote verbessert?

Hirschenauer: Ja natürlich. Und manchmal kann man dadurch auch alte Fälle aufklären, wie im Mordfall Holzwarth in Aalen. Eine junge Frau wurde nach einem Faschingsbesuch ermordet. Die Polizei sicherte Spuren und asservierte sie. Darunter waren auch Täterspuren, bei denen man später die DNA sicherstellen konnte. Diese führten 20 Jahre später zum Täter.

Stellen Sie auch solche Spuren sicher, wenn Sie auf Streife sind? Oder macht das die Kripo?

Kaißer: Wir haben die Grundausbildung dafür, gerade was DNA-Sicherung angeht oder andere Spurensicherung. Aber die Feinarbeit erledigen die Kollegen vom Kriminaldauerdienst oder der Kriminaltechnik.

Kriminalpolizei über die Drogenszene im Kreis Heidenheim Corona verstärkt Drogenhandel im Darknet

Heidenheim

Hirschenauer: Der Streifendienst, das sind Generalisten, die müssen alles irgendwie können. Wenn sie nachts zu einem Tatort gerufen werden, müssen sie die Spuren sichern. Oder Sie müssen Unfälle aufnehmen können. Sie müssen zur Ruhestörung, aber auch zum Mord und wissen, was zu tun ist.

Wie sieht es mit der Arbeitsbelastung aus, hat sich die erhöht? Die Arbeitszeit ist ja eigentlich geringer geworden.

Hirschenauer: Man muss manchmal auch Leute durchsuchen, die man nicht so gerne anfasst.

Kaißer: Einmalhandschuhe aus Vinyl benutze ich ganz oft. Zum Selbstschutz, denn man weiß nie, ob jemand nicht eine ansteckende Krankheit hat.

Hirschenauer: Also ich habe mal in eine Spritze hinein gefasst. Das war nicht angenehm. Der Mann hatte sie in der Tasche und ich hatte keine Handschuhe an. Ich musste gleich ins Krankenhaus und wurde untersucht. Aber es war nichts - Glück gehabt.

Aber man zieht doch in der Hektik nicht zuerst Handschuhe an, wenn man auf einen Täter trifft.

Kaißer: Ich schon, gerade wegen solcher Fälle. Wenn ich weiß, es geht zur Sache, ziehe ich die Handschuhe an, sobald ich aus dem Streifenwagen steige.

Hirschenauer: Früher haben wir das nicht so konsequent gemacht. Wir hatten auch nicht so viel Ausrüstung am Gürtel wie heute. Vieles lag in der Einsatzmappe und war nicht so griffbereit wie heute. Wir hatten einfach ein bisschen mehr Zeit, da waren diese Gefahrensituationen nicht so akut. Heute muss man nahezu mit allem rechnen. In Schwäbisch Gmünd gab es zum Beispiel eine große Junkie-Szene. Die Leute haben einen vor der Durchsuchung gewarnt, dass sie eine Spritze in der Tasche haben. Das sagt dir heute keiner mehr. Der sagt heute vielleicht eher: Pech gehabt, ich hab Aids.

Kaißer: Wir hatten jetzt erst einen Mann, der bei Festnahme stark geblutet hatte. Nicht durch uns, sondern er hatte eine offene Wunde. Dann fragst Du nach den Krankheiten und bekommst zur Antwort: „Ich hab alles, HIV und Hepatitis.“ Das kommt so als Trotzreaktion.

Hirschenauer: Das muss nicht stimmen.

Kaißer: Ja klar, das hat in dem Fall auch nicht gestimmt, aber das macht es nicht angenehmer. Abstand halten ist heute wichtig, da unser Klientel von sich aus erst einmal keinen Abstand hält. Das war früher vielleicht auch einmal anders. Heute sind die Tatverdächtigen eher auf Konfrontationskurs.

Hirschenauer: Ja richtig. Früher konnte man einen Meter Sicherheitsabstand lassen. Heute rücken die ran.

Was hatten Sie früher dabei, Herr Hirschenauer?

Hirschenauer: Eine Waffe natürlich, alles andere war im Koffer drin. Ich war 16 Jahre im Streifendienst, mir ist nie irgendetwas passiert. Ich habe keinen Schlag abbekommen, ich kann mich nicht einmal an einen Widerstand erinnern. Widerstand heißt, es wehrt sich einer gegen die Festnahme oder wird aggressiv. Das passiert heute laufend. Manche wehren sich mit Händen und Füßen. Passiert wäre mir einmal eher etwas durch Kollegen: Ich hatte Nachtdienst und saß am Tisch, als vor mir eine Kugel reinknallte. Ein Kollege hatte seine Waffe gereinigt. Ich war aschfahl und er auch.

Kaißer: Ich bin seit einem Jahr hier und habe bislang drei Widerstände erlebt. Meines Erachtens nimmt es zu, dass Menschen in psychischen Ausnahmezuständen nicht sie selbst sind.

Hirschenauer: In diesem Zustand haben die Leute häufig auch kein Schmerzempfinden und reagieren zum Beispiel auch nicht auf Pfefferspray. Sie entwickeln unglaubliche Kräfte.

Kaißer: Mit einer Streife allein braucht man zu so einem Fall nicht ausrücken. Da ruft man dann am besten gleich nach Verstärkung.+

Wie ist das mit dem Frust? Man erwischt einen Täter, der wird vor Gericht mangels Beweisen frei gesprochen oder wird zum wiederholten Male auf Bewährung verurteilt, um wieder straffällig zu werden.

Hirschenauer: Das ist ein differenziertes Thema. Beim Giengener Reifenstecher zum Beispiel tat sich die Justiz schwer, eine Maßnahme zu treffen, die dieses Problem hätte lösen können. Das ist frustrierend. Oder ein anderer Fall in Heidenheim: Nach umfangreichen Ermittlungen wurde ein Straftäter nur über Schuhspuren identifiziert, der über 40 Einbruchdiebstähle begangen hat. Er bekam Ausgang und ist nicht mehr zurückgekehrt in die Vollzugsanstalt. Das sind so Dinge, die uns schon ärgern. Wir sind nicht grundsätzlich unzufrieden, aber manchmal würden wir uns schon wünschen, dass etwas kräftiger zugepackt wird.

Wenn Sie ihre Uniform ausziehen und nach Hause gehen, verfolgt Sie dann Ihr Beruf?

Kaißer: Ich ziehe die Uniform aus und fahre je nachdem eine halbe bis dreiviertel Stunde nach Hause. In der halben Stunde passiert viel im Kopf, doch danach ist das wie gereinigt. Daheim habe ich meine Familie, Freunde, habe Hobbys, mache Sport, deshalb verfolgt mich das nicht. Es war anders, als ich in wohnortnähe im Praktikum war. Da trifft man auf Streife Menschen, die man kennt. Das ist kein Problem beim Freundeskreis, bei dem man weiß, dass er nicht zum Klientel gehört. Aber man hat auch Fälle, da bleibt es nicht aus, dass man die Täter kennt.

Hirschenauer: Ich habe immer viel mit Heim genommen. Da gibt es Bilder im Kopf, die ich nie mehr vergesse. Aber ich blicke auch auf 40 Jahre Polizeiarbeit zurück. Also bei schweren Unfällen zum Beispiel, wenn man zu schwerstverletzten Menschen kommt und miterlebt, wie der Notarzt um deren Leben kämpft, das kann man nicht einfach abschütteln. Oder ich habe zwei Kollegen verloren, einen im Dienst und den anderen kurz nach seiner Entlassung, die sich beide erschossen haben, den einen habe ich sogar gefunden. Das ist schwierig zu verarbeiten. Zwischenzeitlich hat die Polizei viel dazu gelernt. Zu meiner Zeit gab es noch keine Psychologen wie heute, an den man sich hätte wenden können.