Demeter / Timo Landenberger Demeter-Lebensmittel gelten als die gesündesten und besten überhaupt. Doch wissen die Kunden, dass die Bauern magische Kuhhörner mit Mist gefüllt im Acker vergraben? Und warum machen die das? Ein Besuch auf dem Schlossgut Burgberg.

Rechts weg, ein steiles Sträßchen durch den Wald, eine andere Welt: Das Schlossgut Burgberg ist auf jeden Fall die Art von Bilderbuch-Bauernhof, von dem man als Kind geträumt hat. Es gibt schnaufende Trecker, mehrere Ställe, etwa 30 Pferde, gackernde Hühner, die sich trotzig jedem Fahrzeug in den Weg stellen, Hunde, Ziegen und natürlich Kühe. 50 ungefähr. Ist nicht so wichtig. Zottelige Mutterkühe, die augenscheinlich zufrieden vor sich hin kauen. Was glückliche Kühe halt so machen. Die meisten Menschen werden bei dem Anblick wohl denken: „Wie schön, so friedlich.“

Was die meisten Menschen eher nicht denken, ist: „Oh Kuh, Deine Kraft aus der Sprache, die die Sterne in mir offenbaren. Kuh, die Hörner hat, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll.“ Das ist ja auch ein bisschen abwegig.

Öko-Begründer: Rudolf Steiner

Der Mann, dem das trotzdem eingefallen ist, hieß Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, der Waldorfschulen, der Eurythmie und irgendwie auch – das wissen viele nicht – der ökologischen Landwirtschaft. Dabei war Steiner kein Bauer, sondern mehr so eine Art Guru, Philosoph oder bekloppter Spinner. Hängt davon ab, wen man fragt. Jedenfalls hielt er 1924 ein paar Vorträge, die als „Landwirtschaftlicher Kurs“ bekannt wurden.

Das war in einer Zeit, in der die traditionelle Landwirtschaft zur Industrie mutierte. Einige Bauern waren besorgt, weil die Qualität der Lebensmittel, die Fruchtbarkeit der Böden und die Gesundheit der Pflanzen und Tiere spürbar nachgelassen hatten. Sie fragten Steiner um Rat.

Und der sagte neben dem Kuh-Zitat so Sachen wie: „Eine gesunde Landwirtschaft müsste dasjenige, was sie selber braucht, in sich selber eben auch hervorbringen können.“ Soll heißen: Landwirtschaft müsse als geschlossener Organismus betrachtet werden, als Kreislauf: Auf dem Hof müssen Tiere leben. Aber nur so viele, wie sich mit eigenem Futter ernähren lassen. So liefern die Tiere ausreichend Mist, um die Pflanzen zu düngen. Und so weiter. Auf mineralische Düngemittel wird komplett verzichtet. Soweit das Grundprinzip der ökologischen Landwirtschaft.

Jedes Teil dient dem ganzen Kosmos

Doch Steiner ging noch weiter. Er erklärte seinen Zuhörern, dass Landwirtschaft mit dem ganzen Kosmos zusammenhängt. Jedes Teil dient dem Ganzen: Erde, Sonne und Mond, der Boden als Verdauungsorgan der Pflanzen, seelische Kräfte der Tiere und der Mensch, der die Zügel in der Hand hält, um all das möglichst wirksam miteinander zu verbinden. Bestenfalls könne so die Erde geheilt werden.

Und dafür hat Steiner sogenannte Präparate eingeführt. So sollen die Bauern etwa ein Kuhhorn mit Mist vollstopfen und es vergraben, damit es über den Winter besondere Kräfte aufnimmt. Die Bauern machten sich unverzüglich ans Werk und gaben ihren „neuen“, ihren biologisch-dynamischen Produkten den Namen der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter.

Heute ist Demeter ein geschütztes Markenzeichen, unter dem nur Erzeugnisse verkauft werden dürfen, die im Einklang mit der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners stehen. Und das Label verkauft sich prächtig: Weltweit werden nach Angaben des Bundes Ökologischer Landwirtschaft jährlich rund 220 Millionen Euro mit Demeter-Produkten umgesetzt. Während der Gesamtumsatz mit Bio-Erzeugnissen 2013 um acht Prozent stieg, wuchs Demeter im selben Zeitraum um 16 Prozent. Rund 1450 Landwirte in Deutschland arbeiten biologisch-dynamisch.

Einer davon ist Walter Badmann, Besitzer des Schlossguts Burgberg und damit 190 Hektar Land, verteilt auf drei Orte. Jahrhunderte lang war das Anwesen in Grafenhand. Die letzte Gräfin auf Schloss Burgberg war Maria von Linden, die das Schloss samt Gut 1936 verkaufen musste. Mehrmals wechselte der Eigentümer, bis 1963 die Familie Badmann als Käufer in die Historie einstieg und das Gut als alt-bäuerlichen Familienbetrieb führte. Walter Badmann übernahm den Hof und das Anwesen 1987 nach seinem Landwirtschaftsstudium und führte den Betrieb zunächst konventionell weiter.

Geschenke der Natur wertschätzen

„Aber ich habe gemerkt, dass da etwas falsch läuft. Das war nicht die Landwirtschaft, die ich mir vorgestellt habe“, sagt Badmann. 2002 dann das „Schlüsselerlebnis“, wie er sagt: Beim Mähdreschen sei der Hänger übergelaufen. Das geerntete Getreide aber wurde einfach liegengelassen. „Der Aufwand, das wieder aufzusammeln, stand in keinem Verhältnis zum Wert. Da habe ich gemerkt, dass wir die Geschenke der Natur überhaupt nicht mehr wertschätzen“, so Badmann, der den Begriff Landwirt vermeidet. „Ich fühle mich als Bauer, verbunden mit der Natur, dem Boden, der Umwelt.“

Eine Veränderung musste her. Die Wahl fiel auf den Demeter-Verband. „Wenn schon Bio, dann die ganze Palette.“ Verbunden mit sämtlichen Vorgaben und Praktiken. Aber magische Kuhörner vergraben, ist das nicht ein bisschen verrückt?

Ungewöhnliche Praktiken

„Verrückt nicht, aber ungewöhnlich, denn heutzutage wird alles wissenschaftlich hinterfragt. Wofür es keine Erklärung gibt, das kann nicht sein. Klar, der Vorgang ist nicht analysierbar, es reagieren keine Stoffe. Und doch merkt man eine Wirkung auf den Boden und letztlich auf den ganzen Betrieb“, sagt Walter Badmann. Nach dem Ausgraben wird der Horninhalt auf spezielle Art und Weise in Wasser angerührt und dann auf den Feldern ausgebracht. „Aber nicht, um zu Düngen und damit den Ertrag zu steigern. Sondern für eine Harmonisierung des gesamten Organismus. Zur Unterstützung der Pflanzen, etwa gegen Stress.“

Viel wichtiger als die Präparate sei jedoch der Kreislauf, zu verstehen, dass alles zusammenhängt. Konventionelle Betriebe, sagt Badmann, durchbrechen diesen Kreislauf. Es gibt immer weniger Agrarbetriebe, die immer größere Erträge erwirtschaften. Der KTG-Konzern ist flächenmäßig Deutschlands größtes Agrarunternehmen mit 31 000 Hektar Ackerfläche in den neuen Bundesländern. Der Landkreis Heidenheim ist gerade doppelt so groß. In den Tönnies-Schlachtbetrieben werden täglich rund 50 000 Schweine geschlachtet. In beiden Fällen stehen Viehhaltung und Ackerbau in keinem Verhältnis.

„Im Grunde gibt es zwei Wege, Landwirtschaft zu betreiben“, sagt Badmann. „Entweder ich versuche, möglichst viele Produkte an den Mann zu bringen und so möglichst viel Geld zu verdienen, bin dementsprechend aber nie zufrieden. Oder ich sehe zu, dass es meinen Tieren gut geht, dass die Beschaffenheit des Bodens gut ist, der Organismus stimmt und die Natur erhalten bleibt. Glückliche Kühe geben mehr Milch, auf fruchtbarem Boden wächst das Getreide besser. Ich habe das gleiche Ergebnis. Nur der Weg war ein anderer. Aber ich bin zufrieden.“

Getreideanbau: Ertrag vervielfachen

Und sichtlich zufrieden ist Walter Badmann, der das Schlossgut gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und zwei Angestellten betreibt. Angebaut wird Kleegras (als Futtermittel und gut für den Genesungsprozess des Bodens), Kartoffeln, Erbsen, Speiselinsen und Getreide von Weizen bis Gerste. „Die Samen beziehen wir von biodynamischen Züchtern mit dem Ziel, den Ertrag zu vervielfachen, an Biobauern weiterzuverkaufen und so die Kette fortzusetzen“, erklärt der 52-Jährige. Einen Teil seiner Produkte verkauft er aber auch an Demeter-Läden in der Gegend. Das Wort Erzeugnis vermeidet Badmann. „Landwirtschaftliche Erzeugnisse gibt es eigentlich nicht. Wir Bauern schöpfen ja nur das ab, was die Natur uns schenkt.“ Und das, was Walter Badmann und seine Demeter-Kollegen abschöpfen ist eben ein bisschen teurer.

Trotzdem steigt die Nachfrage nach den Lebensmitteln. Nicht nur weil sie schmecken, sondern auch, weil die Kunden glauben, dass sie gesund machen und das die Welt so ein wenig langsamer kaputt geht. „Und klar, es ist schon irgendwo auch eine Modeerscheinung. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein“, sagt Badmann. Den Schritt hin zu Demeter hat er jedenfalls nie bereut. „Es ist eine ganz andere Art zu arbeiten. Ich kann mich schon morgens am Vogelgezwitscher erfreuen.“ Bereut habe er allenfalls, so spät damit begonnen zu haben.