Mehr als schade ist, dass die Adventszeit mittlerweile oft alles andere als besinnlich und still ist. Vielmehr ist sie oft hektisch, voller Termine, Pakete und lautstarker, zehnfach überarbeiteter Weihnachtslieder. In Sachsenhausen versucht der evangelische Kirchengemeinderat um Gerhard Appel in diesem Jahr deshalb, die ursprüngliche Bedeutung dieser Wochen wieder in den Vordergrund zu rücken.

„Aus der staden Zeit, wie die Bayern sagen, ist ein Rummel geworden. Was mir dabei fehlt sind der Gedanke und die christliche Kultur, die eigentlich dahinterstehen“, sagt Appel, und ergänzt: „Viele wissen heute gar nicht mehr, warum man Weihnachten überhaupt feiert.“

Unkraut jäten und Texte schreiben

Schon seit 39 Jahren ist Appel im Gemeinderat, seit einigen Jahren in leitender Funktion, wodurch ihm vielfältige Arbeiten zufallen. Vom Unkrautjäten bis hin zum Texte und Beiträge für den Gottesdienst oder den Gemeindebrief verfassen sei alles dabei.

Für die Adventszeit hat sich der Kirchengemeinderat jetzt etwas Besonderes einfallen lassen. Eröffnet wurde die Adventszeit in Sachsenhausen am vergangenen Sonntag mit einem Gottesdienst, „der aus dem Rahmen fällt“, wie Appel erklärt. Stattgefunden hat er nicht in der Kirche, sondern im festlich geschmückten Gemeinschaftshaus. Die Musiker von der Brenztaler Stubenmusik waren erstmals zu Gast und haben das Ganze musikalisch umrahmt, wobei auch Appel selbst den Gottesdienst am Klavier musikalisch unterstützte.

Wie wäre das heute?

Beim anschließenden Ständerling draußen an der Feuerschale kamen die Besucherinnen und Besucher noch bei Punsch und Glühwein zusammen, eine Besonderheit war außerdem die Idee, die dieses Jahr im wahrsten Sinne des Wortes durchs Dorf gehen soll: „Wir haben die Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie es wohl heute wäre, wenn Maria und Josef auf Herbergssuche gehen würden“, schildert Appel.

Die hölzernen Krippenfiguren Maria und Josef wurden in Sachsenhausen in einen Koffer gepackt, um auf Herbergssuche zu gehen.
Die hölzernen Krippenfiguren Maria und Josef wurden in Sachsenhausen in einen Koffer gepackt, um auf Herbergssuche zu gehen.
© Foto: Roth

Um es nicht bei der bloßen Theorie zu belassen, wurden die beiden hölzernen Krippenfiguren Maria und Josef beim Gottesdienst in einen Koffer gelegt, den zwei Mädchen aus der Kinderkirche in den nächsten Wochen in verschiedene Häuser in Sachsenhausen tragen sollen. „Die Zwei können selbst, unabhängig von Konfessionen, entscheiden, wo sie die Figuren hinbringen, vorwiegend haben wir aber alleinstehende und ältere Mitbürger vorgesehen“, schildert Appel.

Die Figuren kommen also an die Haustür – und dann? „Jeder kann selbst entscheiden, ob er die Figuren für eine Nacht beherbergen will. Wir haben im Koffer auch eine Kerze und ein paar Texte zum Advent zusammengestellt, die gelesen werden können“, ergänzt der 70-Jährige.

Die hölzernen Krippenfiguren Maria und Josef wurden in Sachsenhausen in einen Koffer gepackt, um auf Herbergssuche zu gehen.
Die hölzernen Krippenfiguren Maria und Josef wurden in Sachsenhausen in einen Koffer gepackt, um auf Herbergssuche zu gehen.
© Foto: Roth

Die Aktion soll am Heiligen Abend enden, wieder bei einem Gottesdienst, bei dem die Kinderkirche im Krippenspiel die Weihnachtsgeschichte darstellt und die Ankunft der beiden Figuren integriert. Die Weihnachtsbotschaft, das bedeutet für Appel nach wie vor die Geburt von Gottes Sohn, der für die Sünden der Welt büßt und uns die Chance auf Vergebung gibt. „Für mich war das immer eine zentrale Stelle im Kirchenjahr, mittlerweile aber ist Ostern für mich mit der Auferstehung als Steigerung dessen allerdings fast noch wichtiger.“

Kirche und Programm?

Um „kirchenfernen“ Bürgerinnen und Bürgern das Kirchenjahr mit allen seinen Phasen und Besonderheiten näherzubringen, hält es Appel für sehr wichtig, als Kirche Präsenz zu zeigen. „Es kann lange darüber diskutiert werden, ob die Kirche Programm anbieten muss. Aber ich denke, nur wer etwas erfährt, kann sich auch für etwas erwärmen.“

Neben der Herbergssuche steht in Sachsenhausen auch am dritten Advent noch ein Gottesdienst an, dann umrahmt von den Klarinettenschülern der Giengener Musikschule. Um das ganze Programm während der Adventszeit überhaupt auf die Beine stellen zu können, ist Appel ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sehr dankbar. Zwei Frauen aus dem Frauenkreis kümmerten sich etwa seit drei Jahren um einen Adventskranz für die Gemeinde. Damit fällt auch ein Kostenpunkt weg, denn Appel muss in seiner Funktion immer die Finanzen im Blick behalten und hat nur wenig Spielraum. Die Kirchengemeinde werde nicht gerade größer und das zur Verfügung stehende Geld sei zum einen auf viele vorgegebene Töpfe verteilt und zum anderen immer weniger wert.

Traditionell, aber lebendig

Appels Leitsatz für die Adventszeit lässt sich letztlich kurz auf den Punkt bringen: Traditionell, aber lebendig soll sich die Kirche zeigen. „Wo immer es möglich ist, versuche ich die ursprünglichen Werte von Weihnachten auf dem Dorf zu erhalten und weiterzutragen.“

Auf Pfarrersuche

Seit Pfarrer Johannes Weißenstein gegangen ist, gibt es in Sachsenhausen keinen Pfarrer mehr. Momentan werden die Gottesdienste oft von Frieder Hartmann aus Hohenmemmingen geleitet. Am dem 1. Januar gehören die Kirchengemeinden Sachsenhausen und Hohenmemmingen auch organisatorisch zusammen, Pläne für die Zusammenlegung hat es schon lange gegeben. Appel erhofft sich in Zukunft außerdem, dass die Kirche das Dorfhaus für besondere Veranstaltungen wie den Gottesdienst am ersten Advent nutzen kann.

Hürben