Giengen / Dieter Reichl Beim Diskussionsabend des VCD und des ADFC vor allem über den Fahrradverkehr in der Stadt wurde deutlich, dass für einen echten „großen Wurf“ in Giengen ein Umdenken nötig wäre.

Um Giengener Verkehrsthemen generell sollte es gehen beim Diskussionsabend im Schlüsselkeller, zu dem der Verkehrsclub Deutschland (VCD) mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) eingeladen hatten. Angerissen wurden nach einer kurzen Einführung durch Reinhard Walloschke vom VCD und Johannes Metzger vom ADFC zwar auch der Straßenbau und der öffentliche Bahn- und Busverkehr, das größte Interesse und die offenkundigsten Probleme lagen indes beim innerstädtischen Radverkehr.

Liste von Problemen

Genauer gesagt, bei dessen Mängeln. Wie die rund 20 Anwesenden auf ihren an einer Pinnwand angehefteten „Problemzetteln“ ausführten, steht es damit nämlich in Giengen für den Alltagsradler nicht zum Besten. Kritisiert wurden ein lückenhaftes, unlogisches und unpraktisches Radwegenetz, das oft Stückwerk bleibt oder im Nichts endet, mit komplizierten oder gefährlichen Straßenquerungen (Waldhornkreuzung, Herbrechtinger Straße), und oft geprägt durch ein schwieriges Miteinander von Fußgängern und Radfahrern auf zu enger Fläche.

Günter Staffa seitens des ADFC sagte, einige Stellen in der Stadt seien für Radfahrer äußerst fragwürdig. Gemeinsame Rad- und Fußwege seien keine sinnvolle Lösung und wegen der unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Radlern und Fußgängern sogar gefährlich. Werden solche im Gegenverkehr befahren, müssten sie drei Meter breit sein, sonst seien sie eigentlich gar nicht zulässig. Auch durch eine gestrichelte Linie abgetrennten Schutzstreifen seien aus ADFC-Sicht nicht sinnvoll, auch hier sei der Verkehr mit ihnen bisweilen gefährlicher als ohne.

Staffa sagte, dass es natürlich aufwendig und auch teuer sei, ein bestehendes Straßennetz so attraktiv umzugestalten, dass die Leute lieber aufs Rad anstatt ins Auto zu steigen. Und Giengen schwimme bekanntermaßen nicht im Geld. Aber nur einen Strich auf die Straße zu malen und ein Schild aufzustellen, bringe nichts. Bei neuen Planungen für Straßen müsste anders gedacht werden, nämlich zuerst an die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern, dann erst an den Autofahrer. Bislang sei es zumeist umgekehrt.

Genauso argumentierte Johannes Metzger. Vielen sei das Radfahren schlicht und einfach zu gefährlich. Er verwies auf für Radfahrer optimale Verhältnisse in Holland. Dort habe aufgrund der vielen Verkehrstoten in den vergangenen Jahrzehnten ein Umdenken stattgefunden. Unterdessen genieße der Radverkehr Priorität und besitze einen großen Stellenwert. Er verwehrte sich dagegen, dass an diesem Thema nur grüne Spinner oder Öko-Phantasten beteiligt seien. Auch die holländische Mama hole ihre zwei Kinder mit dem Lastenrad vom Kindergarten ab und nicht mit dem Auto.

Alltagsradeln selbstverständlich

„Schon einen Teil des jetzigen Verkehrs von der Straße wegzubringen, bringt was.“ Damit wäre auch denjenigen geholfen, die tatsächlich auf den Pkw angewiesen seien. Der „große Wurf“, wie Metzger es nannte, also den Fußgänger und Radfahrer in den Mittelpunkt zu stellen und nicht den Autofahrer, sei auch in Klein- und Mittelstädten möglich. Metzger erinnerte daran, dass das Fahrrad bei Kurzstrecken bis fünf Kilometern das schnellste Verkehrsmittel sei.

Reinhard Walloschke sagte, es brauche in der ersten Zeit eine gewisse Überwindung, zum Alltagsradler zu werden, dann aber werde es zur Selbstverständlichkeit. „Dann braucht man die Bewegung.“ Was das aktuelle Radwegenetz in Giengen angeht, sagte er, dass es Zeiten gegeben habe, wo man froh gewesen sei über jede 50 Meter Radweg, und man manches vielleicht hätte besser bleiben lassen. „Die Leute vor Ort müssen austüfteln, wo Verbesserungen möglich sind.“

Rein praktische Einwände wie etwa der von Stadträtin Christine Mack, wonach Giengen ja doch sehr hügelig und das radeln damit sehr anstrengend und im Alltag deswegen eher mühselig sei, wurde nur zum Teil akzeptiert. Wieder zum einen mit Verweis aufs Nachbarland Holland, wo es zwar kaum Steigungen, dafür aber oft heftigen Wind gebe, und trotzdem alle das Rad nutzen, und auch mit dem Hinweis auf das zunehmend beliebte Pedelec oder E-Bike. „Damit kommen Sie jeden Berg hoch“, wurde argumentiert.

Hans-Dieter Diebold, der an diesem Abend als Moderator fungierte, fasste die Diskussion so zusammen, dass Unzufriedenheit über die bestehenden Verkehrsverhältnisse und vor allem über den zu starken Autoverkehr zu spüren sei und dass es so, wie es laufe, nicht weitergehen könne. Es gebe ganz offensichtlich ein Bedürfnis nach Verbesserungen in Sachen Mobilität. Der Abend sei als eine Art Auftaktveranstaltung zu verstehen, aus der sich vielleicht ein Forum in der Bürgerschaft bilde, in dem das Thema weiter bearbeitet werde.