Januar

Der 1. Januar beginnt mit einem Ausruf der Freude! Oberbürgermeister Dieter Henle hat, Feiertag hin, Feiertag her, das Jahr und seinen Schreibtisch begrüßt und stöbert in der aktuellen Ausgabe von „Förderkulissen des Bundes“.

„Heureka“ entfährt es dem Stadtoberhaupt, als er weit hinten ein Programm entdeckt, mit dem Vorhaben gefördert werden, mit denen „kommunal übergreifend Synergien“ geschaffen werden. Förderung: 97,99 Prozent der Gesamtkosten.

Zehn Minuten später geht der Förderantrag beim zuständigen Ministerium in Berlin ein. Henle telefoniert noch ein wenig mit Kontakten in der Hauptstadt und der Welt, wünscht allseits „ein gesundes Neues“ und beendet mit einem Pfeifen auf den Lippen spätabends den Tag im Büro.

Noch im Januar kommt (für Henle wenig überraschend) die Zusage aus der Stadt an der Spree, woraufhin in Giengen eine Pressekonferenz einberufen wird: „Mit Mitteln des Bundes werden wir das Elmar-Doch-Haus in Heidenheim kaufen“, diktiert er der Lokalzeitung in den Block.

Eine Gastronomie werde man in der Heidenheimer Fußgängerzone nicht planen. „Vielmehr wollen wir im Erdgeschoss eine Zweigstelle der Giengener Tourist-Info eröffnen. Im Obergeschoss gibt es ein Einhorn-Museum.“ Und davor wird die Knöpfleswäscherin durch einen Stein-Teddy ersetzt.

Februar

Die Anfragen für Ansiedlungen im Giengener Industriepark an der Autobahn reißen nicht ab. Weil von 35 Hektar aber nur noch 24,27 Quadratmeter zu haben sind, ist erneut Kreativität gefragt im Rathaus. Schließlich will man ja niemanden, der sein Geld investieren will, verprellen.

Den Industriepark erweitern? Die Idee wird schnell verworfen, zu viel Gegenwind. Von den Nachbarn und den Naturschützern. Schließlich will man ja niemanden von denen verärgern.

In Hürben, genauer gesagt in den Seewiesen, wird Potenzial für weitere Ansiedlungen ausgemacht. Der Plan geht in den Gemeinderat, der stimmt zu, und die HZ titelt tags darauf: „Aus dem Hürbe-Tal wird das Silikon-Vallley“.

In den Seewiesen werden sich ein international agierender Händler von Bauverfugungsmaterial und eine renommierte Schönheitsklinik niederlassen.

März

Kaum hat der Abriss auf dem Lamm-Areal begonnen, ist er auch schon beendet – ohne Verzögerungen und ohne Kollateralschäden an angrenzenden Gebäuden. Alles lief reibungslos.

Nun kann auch schon das Denkmalamt beginnen, im Untergrund nach Schätzen aus der Stauferzeit zu forschen. Parallel geht es darum, Keller und Kegelbahn auszugraben.

Die Vertretenden des Denkmalamtes sind gerade dabei, vor Ort ihr Okay für den Neubau zu geben, als ihr Blick auf die frei gelegte Kegelbahn fällt.

Obwohl es ein trister Tag ist, erhellt sich die Baustelle durch das Leuchten um die Augen der Denkmalbehörden-Mitarbeitenden. „Eine Weltsensation“, stammelt der eine. „Einzigartig“, die andere. „Hier“, so beide unisono, „hier liegt die Wiege des Kegelsports“.

Aufgrund der Entdeckung verschiebt sich der weitere Bauverlauf für den Barfüßer geringfügig um einige Jahre.

April

Klarer Fall, dass eine Fünf-Sterne-Stadt wie Giengen nicht länger ohne ein Sternerestaurant existieren kann. Schon länger runzeln hochrangige Besucher der Stadt die Stirn, weil ein solches kulinarisches Angebot noch fehlt. Appetit macht sofort das Vorhaben der einberufenen Aktionsgruppe „Gastro 2023“: Diese holt die französische Partnerstadt Pré St. Gervais mit ins Boot. Bekanntermaßen lässt sich Frankreich in Sachen qualitätsvoll Essen und Trinken nichts vormachen. Die von früheren Stadtfesten in Giengen wohlbekannten „Fines Fourchettes“ (Die feinen Gabeln) aus Pré entwickeln den Businessplan. Mit durchschlagendem Erfolg: Die Lokalität zieht in der Südstadt im ehemaligen Wasserturm ein und erhält, angelehnt ans benachbarte Baugebiet „Alpenblick“ den Namen „La vue des Alpes“. Als Chefkoch wird der als glänzender Hobbykoch bekannte Vorsitzende des Partnerschaftskomitees Edgard Aberle engagiert, der mit seinem exklusiven Menü „Cinc Etoiles“ (Fünf Sterne) sofort überzeugt und den FAZ-Gastrokritiker Wolfgang Gedeck zur Jubel-Überschrift „Formidable! Schwäbische Kleinstadt zaubert auf der Herdplatte“ hinreißen lässt. Lediglich der zum Kirnberglamm gereichte Trollinger vom Schelmenberg erhält trotz seiner Südhangtraube wegen seines angeblichen „leicht säuerlichen Nachhalls“ Punktabzüge.

Mai

Der neue Spielplatz im Anlägle an der Unteren Marktstraße ist fertig und wird von den Kleinen bestens angenommen. Grund genug für die Mitglieder des Gemeinderats, das Schmuckstück in Augenschein zu nehmen – in Form einer Sitzung des Gremiums vor Ort.

Dass das vielleicht doch keine so gute Idee war, kommt der Verwaltung, die im großen Ballon über den Stadträtinnen und Stadträten schwebt, schon beim zweiten Tagesordnungspunkt.

Während es über die „Änderungssatzung der Satzung zum Vorhaben bezogenen Bebauungsplan für die Sankt Nimmerleinstraße im Ried“ geht, ist rund um den Ballon ein Tumult ausgebrochen.

Die drei Fraktionsvorsitzenden streiten sich darum, wer zuerst mit dem einen vorhandenen Schäufele spielen darf.

Während eine Vertreterin der Grünen/Unabhängigen die Blätter an den neu gepflanzten Bäumen zählt, spielen zwei andere Räte quer über den Platz das WM-Finale nach, können sich aber nicht einigen, wer jetzt „Messi“ sein darf. Der Rest steht am Wasserspiel, füllt Luftballons und startet eine Wasserballschlacht.

Oberbürgermeister und Bürgermeister sind „not amused“, weil klatschnass. Die obligatorische Nachsitzung beim Griechen ist gestrichen.

Juni

Nachdem das Kinderfest am Pfingstdienstag auf den 30. Mai gefallen war und die Schüler im Tanzkreis anstatt „Der Mai ist gekommen“ das Volkslied als „Der Mai ist gegangen“ neu interpretiert hatten, und weil bei 36 Grad Hitze auf dem Schießberg das Lied „Der Winter ist dahin“ für Lachanfälle gesorgt hatte, nimmt die Stadt Giengen unter Federführung der Fraktion „Unabhängige und Grüne“ endgültig den Kampf gegen Klimawandel und Erderwärmung auf. Der verbrauchsintensive Dienstwagen des Oberbürgermeisters wird abgemeldet, nach Dubai verkauft, und vom Erlös ein standesgemäßes E-Bike der Marke „Five stars“ in den Giengener Farben Blau-Gelb angeschafft. Die tägliche Radelei von und nach Hürben begeistert Henle so sehr, dass er sich für den Sommerurlaub sofort den Radwanderführer Giengen – Pré St. Gervais kauft und sich mit zwei Satteltaschen auf den Weg nach Westen macht. Ehefrau Simone reitet an seiner Seite mit, allerdings nicht auf dem Drahtesel, sondern auf dem Wallach „Dieter“.

Das ist aber nur der Auftakt in Sache „Öko- und Umweltstadt“: Im Bergbad müssen die Badegäste enger zusammenrücken, die große Liegewiese bei den Umkleidekabinen wird mit Sonnenkollektoren bestückt; an der Brenz entsteht in Nähe der Kneippanlage ein Gezeitenkraftwerk – nach starken Regenfällen fließt so viel Wasser die Brenz hinab, dass dort eine von Voith hergestellte Turbine betrieben werden kann, die ausreichend Energie produziert, um problemlos das Storchennest auf dem Rathausdach beheizen zu können.

Juli

Vertreter der Stadtverwaltung können auf die Giengener Markungskarte schauen, so viel sie wollen: Es ist nicht das kleinste Plätzchen mehr frei für einen weiteren Industriepark. Nach dem durchschlagenden Erfolg des GIP an der Autobahn (siehe auch Monat Oktober) will man aber unbedingt weitere haben. Internationale Fäden werden gezogen, als Erstes in die Partnerstadt San Michele auf Sizilien. Dort stellt man dem Giengener Expansionswillen gerne ein rund 30 Hektar großes, staubiges und steiniges Fleckchen in hitzeflirrender Einöde zur Verfügung: Eingeweiht wird mit viel Tamtam die „Zona Industriale Economica da Giengen“. Interessierte Anfragen kommen von Silvio Berlusconi, Eros Ramazzotti und Vito Corleone.

August

Die erste Auflage des Winzer-Sommers, die Giengener Ausgabe des Heidenheimer Küferfestes, übertrifft alle Erwartungen. Die Stadt outet sich als Heimat der Weinkenner. Der Clou für den gepflegten Trinkgenuss: sich ein Viertele direkt von der oberen Panscherfigur in den Mund fließen lassen. Köstlich!

September

Die Stadt Giengen ist wieder nüchtern und will sich nach der sommerlichen Schlemmerei und Zecherei sportlich geben. Was einfach fehlt, ist ein attraktives Sportereignis auf internationalem Niveau. Die Blitzidee: ein Triathlon! Neidvoll sieht man, wie Hawaii die Aufmerksamkeit der Sportwelt auf sich zieht. Der Sport-und-Spaß-Ausschuss des Gemeinderats geht in Klausur und legt eine Realisierungsoption vor: Geschwommen wird, klarer Fall, im Bergbad. Als Radstrecke ist der Brenztal-Radweg ideal geeignet, der auch noch kostengünstig, da ohne Straßensperrungen, beradelt werden kann. Und als Laufstrecke zum großen Finale führt kein Weg am Reichsstadtring vorbei. Als Streckensprecherin wird Barbara Schöneberger engagiert, die den Abertausenden von TV-Zuschauern im ZDF Giengens touristische Schönheiten nahebringt. Als Sponsoren kann zumindest mit Steiff (für die Siegerpose mit Teddybär im Arm) sowie Ziegler (fürs Benässen des Läuferfeldes aus betriebseigenen Feuerwehrschläuchen) gerechnet werden. Und natürlich ist die Lokalzeitung HZ mit dabei: Für die Läufer, die straucheln und es vor Erschöpfung nicht ins Ziel schaffen, heißt es dann: „Unsere Hilfe zählt“.

Oktober

Der auch sonst schon recht hohe Kaffeekonsum des Oberbürgermeisters pendelt sich auf Rekordniveau ein. Auffällig blass und müde steigt Dieter Henle morgens aus dem Auto und nimmt dort den Aufzug ins Büro.

Die kleinen Augen und das Gähnen haben einen Grund, doch den kennen nur ganz wenige: er, seine Frau, und, wegen der Geheimhaltung, ein Bautrupp aus Bukarest ohne Deutsch- und Schwäbisch-Kenntnisse.

Nachts steht Henle seit Monatsbeginn am Fenster in Hürben, mit bestem Blick auf das Geschehen im Industriepark an der Autobahn. Dort wird, klammheimlich, im Akkordtempo geteert, genagelt und gebaut.

Nach drei Wochen ist es so weit. Erneut Pressekonferenz, auf dem Parkdeck zwischen Amazon und Tesla. Mit verdächtig viel Polit- und Gesellschaftsprominenz aus dem Landkreis.

Seltsamerweise ist alles mit Planen abgedeckt, die Hallen und etwas, das wie eine lange Straße aussieht, die direkt auf Hermaringen zuläuft.

Rätselraten macht sich breit, doch wie auf Knopfdruck heben sich die Planen und drunter kommt zum Vorschein: ein Flughafen.

Die besagte Straße ist die Start- und Landebahn, die XXL-Hallen, die in den vergangenen Monaten gebaut wurden, sind Terminals, aus Amazon wurde die Gepäckbeförderung, bei Noerpel werden nicht Waren gelagert, sondern Airbusse geparkt.

„Wir eröffnen heute den Dieter-Henle-International-Airport“, ergreift Alexander Fuchs, Bürgermeister und für Technik und Bauen zuständig, das Wort. „Von Giengen in die weite Welt – und umgekehrt“ steht auf Schildern geschrieben. „Wir mussten der großen Nachfrage von Investoren Rechnung tragen, damit sie in ihre, äh ich meine unsere Stadt gelangen können“, sagt OB Henle. Und, wie von Hollywood inszeniert, schwebt eine Maschine der „Air Bärlin“ daher und landet sanft und unter Applaus auf dem Flughafen am Rande der Ostalb-Stadt.

November

Im Herbst darf OB Dieter Henle mit einer Delegation aus den Fraktionen nach Berlin reisen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begrüßt ihn in Schloss Bellevue und bietet ihm das Du an. „Wir sehen uns ja alle paar Wochen, Dieter“, sagt er. Auch in diesem November ist der Anlass ein erfreulicher. Nachdem die Stadt Giengen ja bereits als lebenswerte Stadt, als herausragender Wirtschafts- und Investitionsstandort sowie als konsequente Fairtradestadt ausgezeichnet wurde, gesellt sich eine weitere Würdigung hinzu: Giengen erhält die Medaille „The Städt“, also quasi den Nobelpreis der Auszeichnungen für eine herausragende kommunale Entwicklung. Henles Festrede im Bundestag wird mit freundlichem Applaus bedacht, lediglich der ebenfalls im Publikum sitzende Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, grummelt. „The Länd hat ihm nadierlich et g‘reicht“, bruddelt er.

Dezember

Das Jahr 2023 geht ruhig zu Ende. Flockiger Pulverschnee senkt sich auf die Dächer der Stadt. Der Weihnachtsbaum vorm Rathaus glänzt festlich. Die Gemeinderatswahlen 2024 und erst recht die Oberbürgermeisterwahl 2025 sind noch fern und stören den Weihnachtsfrieden nicht. Jedenfalls kaum. Aber klar dürfte sein: Weitere spannende Jahre stehen der Stadt Giengen ins Haus. Auf diese Aussichten hebt OB Dieter Henle schon mal das Glas. Beziehungsweise die Kaffeetasse. Fairtrade, versteht sich.