Giengen / Von Nadine Rau Mieten, wohnen, kaufen: In Giengen hat sich die Lage in den vergangenen Jahren stark verändert: Wohnraum und Bauplätze gehen weg wie nichts.

Veränderungen des Immobilienmarkts? Giengens Hauptamtsleiter Bernd Kocian findet dafür klare Worte: „Seit die Zinsen so niedrig sind, reißen sie uns die Bauplätze fast unter dem Hintern weg.“ In der Memminger Wanne seien nur noch fünf Bauplätze übrig, ein Zustand, der vor vielen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. „Bauplätze, die wir in der Vergangenheit nicht so einfach verkaufen konnten, können wir jetzt vermarkten“, weiß Kocian. Aus der hohen Nachfrage resultiert ein hoher Druck für die Stadt, die dringend neuen Wohnraum anbieten will. Ende 2019/Anfang 2020, so Kocian, soll es soweit sein.

Umsatz generieren können durch die hohe Nachfrage nach Wohnraum vor allem die Bauunternehmer, in Giengen allen voran die Kreisbau sowie die Firma Oberhansl. Bei der Kreisbau kümmern sich drei Mitarbeiter um Giengener Gebiete, einer von ihnen ist Marco Bader. Erst kürzlich, so erzählt er, sei ein Pärchen nach Giengen gezogen, nachdem es lange weit über den Kreis hinaus nach einer Wohnung gesucht hatte, die neu ist. Den gewünschten Standard zu finden, sei gar nicht so leicht.

Die Kreisbau hat ihre Strategie in den vergangenen Jahren entsprechend geändert – das erklärt Patrizia Gewandt, die Leiterin der Haus- und Wohnungsbewirtschaftung. Statt alte Bauten zu modernisieren, setzen sie vermehrt auf hochwertigen Neubau, packen Projekte wie das auf dem ehemaligen AWG-Areal an.

Probleme, die Wohnungen an den Mann zu bringen, haben sie nicht. Stattdessen gibt es Wartelisten, auf denen Interessenten zwei, drei Jahre stehen können. Kleinere Wohnungen seien vermehrt gesucht, Wohnungen mit einem Hausmeister-Service und Aufzug, wichtig seien auch Parkplätze – zwei pro Partei würden den Kunden manchmal schon gar nicht mehr ausreichen. Die Mieter seien bereit, für diesen gewissen Luxus auch zu zahlen.

Zwei Grundstücke im Eigenbestand hat die Kreisbau in Giengen noch, ansonsten „sind wir ganz gut aufgestellt mit dem, was wir haben“, so Gewandt.

Wolfgang Oberhansl kann Ähnliches berichten. „In den vergangenen fünf bis sieben Jahren hatten wir immer wieder freie Wohnungen, aber jetzt ist die Nachfrage größer als das Angebot.“ Ob Mietwohnung oder Eigentumsobjekt sei dabei egal. Die Preise hätten sich erhöht, aber nicht in überzogenem Maße. Und erhöht, so Oberhansl, habe sich auch der Bedarf pro Person: „Früher hat eine Person vielleicht um die 35, 40Quadratmeter gebraucht, heute sind es eher 50“, vergleicht Oberhansl. In den vergangenen Jahren hat er in Giengen nicht viel Neues gebaut, jüngst aber eine Fläche in der Südstadt erworben, um wieder bauen zu können.

Von einer positiven Entwicklung des Immobilienmarktes in Giengen spricht Franz Gassner, der dort seit mehr als 15Jahren als Sachverständiger den Wert von Wohnungen und Häusern schätzt. „Es werden heute zum Teil Preise gezahlt, die über dem Verkaufswert liegen“, berichtet er. Der emotionale Faktor, die Immobilie haben zu wollen, wiege letztlich schwerer. Grundsätzlich gehe wegen der niedrigen Zinsen der Trend zum Eigentum.

Vermarktungsdauer halbiert

Aus Sicht desjenigen, der die Immobilien vermarktet, läuft es derzeit also optimal – das bestätigt etwa Sergej Blum von den Brenztal-Immobilien. „Die Vermarktungsdauer hat sich im Vergleich zu der Zeit vor zwei Jahren halbiert. Meistens haben wir nach einem Monat einen Käufer – und zwar bei allen Kategorien.“ Auch hohe Preise stünden dem nicht im Weg, die teilweise durch die Eigentümer entstünden. „Ich führe oft Gespräche mit Kunden, die ihr Haus verkaufen wollen und sage ihnen, dass sie ein bisschen runtergehen müssen“, erzählt Blum. Über Giengen im Speziellen kann er sagen, dass es dort Wohngebiete gibt, die entweder absolut nicht zur Debatte stehen oder andererseits unbedingt sein müssen. „Wenn ich an die Südstadt und an die Memminger Wanne denke – da wollen manche partout nicht hin und andere wollen unbedingt dort wohnen.“

Wie wichtig den Kunden die Lage ist, das weiß auch Immobilienmaklerin Jutta Lieber. Seit mehr als 30Jahren arbeitet sie schon in diesem Bereich und in den heutigen Zeiten fällt es ihr schwerer, den Kunden etwas anzubieten, das deren Wünschen entspricht. „Gerade im mittleren Preissegment gestaltet es sich schwierig“, so Lieber.

Familien würden meist ein Häuschen mit Garten suchen und wünschten sich Freizeitangebote in der näheren Umgebung. Außerdem müsse Lieber heute mehr als früher darauf achten, dass eine Kindertagesstätte oder eine Schule in der Nähe der Immobilie sei, sodass die Kinder ganztags betreut werden können.

So sieht es in den Teilorten aus:

Wohnen in Giengen: Mit welchen Preisen muss man rechnen?

Pauschal eine Aussage zu Kaufpreisen zu nennen, ist laut Immobilienmakler Sergej Blum schwierig. Müsste er eine Zahl nennen, schätzt er den Verkaufspreis bei Wohnungen, die Anfang bis Mitte der 90er Jahre gebaut worden sind, auf 1500 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Bei älterem Zustand (70er Jahre) lägen die Preise eher bei 1300 Euro pro Quadratmeter. Dabei gelte: Je kleiner die Wohnung, desto höher der Quadratmeterpreis.

Bei Wohnhäusern seien die Kaufpreise pro Quadratmeter zweitrangig. Hier würden vielmehr Kaufpreisspannen für den Zustand, die Gebäudeart (freistehendes Einfamilienhaus, Reicheneckhaus, Reihenmittelhaus, Zweifamilienhaus) und das Grundstück bezahlt. Beispielsweise lägen ältere Baujahre von Einfamilienhäusern und Zweifamilienhäusern mit einem Garten aus den 1970er Jahren um die 200 000 Euro und bei neuerem Zustand (etwa aus den 90er Jahren) zwischen 250 000 und 300 000 Euro.

Sehr alte Gebäude ohne Modernisierungsmaßnahmen, die vor 1950 gebaut wurden, würden unter 200 000 Euro verkauft.

Bei Mietwohnungen etwa der Kreisbau variieren die Preise. Einen durchschnittlichen Preis pro Quadratmeter für einzelne Ortschaften gibt es laut Patrizia Gewandt nicht.