Giengen / Nadine Rau Bauunternehmer Andreas Adldinger hat das denkmalgeschützte Gebäude erworben und möchte den Raum jungen Unternehmern zur Verfügung stellen. Im Erdgeschoss könnte ein Bistro entstehen.

Bei solchen Ideen geht Wirtschaftsförderer Sebastian Vetter das Herz auf: Ein Privatmann erwirbt ein die Stadt prägendes Gebäude wie den Giengener Bahnhof, will aber nicht ohne die Stadtverwaltung entscheiden, was damit passieren soll. Ein Ort für Gründer junger Unternehmen kommt ihm in den Sinn. Raum also, den es bislang so in Giengen noch nicht gibt. „Jeder weiß um die wirtschaftliche Lage hier, da müssen wir etwas kreativer werden“, so Vetter. In etwa so kreativ wie die Mieter, die künftig im Bahnhof einziehen können.

Andreas Adldinger, 38-jähriger Bauunternehmer aus Kranzberg im oberbayerischen Landkreis Freising, hat das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude Ende des vergangenen Jahres von der Deutschen Bahn abgekauft (siehe auch extra Infotext). Übers Internet ist er auf die Anzeige aufmerksam geworden und befand Giengen als wirtschaftlichen Standort höchst attraktiv. Obendrein sei der Bahnhof im Vergleich zu anderen Gebäuden dieses Alters gut erhalten.

„Ein ganz toller Bahnhof“

„Das ist ein ganz toller Bahnhof. Die meisten anderen sind entweder schön, aber abgelegen, oder nicht mehr schön, aber zumindest wirtschaftlich nutzbar. In Giengen haben wir beides“, so Adldinger, der mit dem Bahnhof sein erstes Gebäude hier in der Gegend erworben hat. Sonst arbeite er viel zwischen München und Ingolstadt. Er selbst bezeichnet sich als „Immobilien-Entwickler, der auf keine bestimmte Nutzung beschränkt ist“.

Ein Gründerzentrum, wie es in Giengen entstehen soll, hat auch er bisher nicht konzipiert, er vermietet aber andere Räume an Jungunternehmer und kennt sich daher mit sogenannten Start-ups aus. Die Aufbruchstimmung, die mit Oberbürgermeister Dieter Henle in Giengen Einzug gehalten habe, sei für ihn ausschlaggebend gewesen, das Gebäude direkt an den Schienen zu kaufen. Wie teuer war's denn? „Für 249 000 Euro stand es im Internet, aber ich kann verraten, das war nicht der Kaufpreis. Der war teurer“, so der 38-Jährige.

Im Hinblick auf die Messe Make Ostwürttemberg, die am Wochenende in Heidenheim stattfindet und bei der junge Gründer ihre Ideen vorstellen, wollte Adldinger jetzt an den Markt gehen. Wirtschaftsförderer Vetter wird dort ebenfalls vertreten sein und die Idee des Gründerzentrums dem passenden Publikum vorstellen.

In bisherigen Gesprächen mit Bürgern habe er bereits herausgehört, dass es Potenzial in der Stadt gebe. „Manches ist schon ganz zu Ende gedacht, anderes noch ganz am Anfang“, differenziert der Wirtschaftsförderer.

Henle erzählt von einer Anfrage eines Jung-Unternehmers, der mit 3D-Druckern arbeiten und sogar das Bahnhofsgebäude ins Gespräch gebracht hatte. Zum Zeitpunkt der Anfrage sei man aber noch nicht soweit gewesen, bedauert er.

Jetzt hingegen, da sind sich alle Beteiligten einig, seien die Bedingungen optimal. Sollte ein Gründer Interesse haben, könnten individuelle Wünsche sogar berücksichtigt werden, erklärte Adldinger. Mit den Renovierungsarbeiten habe man erst im Dachgeschoss angefangen, die drei Wohnungen im ersten Stock, um die es anfangs in erster Linie gehen wird, könnten ein Stück weit gemeinsam konzipiert werden.

Es gibt Rahmenbedingungen

Rahmenbedingungen allerdings gibt es, um tatsächlich die Atmosphäre eines Gründerzentrums herzustellen. Neben den Einzelbüros, zwischen 20 und 25 Quadratmetern groß, sind besonders gemeinsam genutzten Bereiche wie eine Teeküche wichtig, sodass sich die Mieter untereinander immer wieder austauschen können. „Wir wollen Synergien schaffen – dafür reicht manchmal schon eine gemeinsame Kaffeemaschine“, beschreibt Andreas Adldinger seine Gedanken zu den Büros. Firmen völlig unterschiedlicher Fachrichtungen sollen daher nicht im Bahnhof zusammengelegt werden. Voraussetzung für interessierte Mieter ist überdies, dass sie an einem Start-up im Bereich Technik oder Dienstleistungen arbeiten.

Mieten für einen kurzen Zeitraum

Weil man bei Start-ups vorher nie wissen kann, wie sie sich entwickeln, sind die Mietkonditionen an dieses Risiko angepasst: „Wir vermieten hier nicht gleich für ein ganzes Jahr“, erklärt der bayerische Unternehmer. Das Minimum aber seien drei Monate.

In den hellen, hohen Räumen sollen jetzt ein neuer Boden und neue Wandbeläge her, auch die sanitären Einrichtungen würden erneuert. Alles andere sei für Gründer erst einmal zweitrangig, so Adldinger. Was die Lautstärke direkt am Bahnhof anbelangt, erldigen die derzeitigen Fenster einen guten Job. Zum 1. Januar, so mutmaßt der Mann mit den Schlüsseln in der Hand, könnten die Räume für die Mieter bezugsfertig sein.

Mit welchem Interesse rechnet die Stadt?

Rechnet die Stadt denn mit großem Interesse? „Ich sehe, dass es in Aalen mit dem Innovationszentrum super läuft. Ich weiß, dass das mit Giengen nicht vergleichbar ist, aber umso besser ist es, dass wir anfangs mit drei Büros erst einmal gut aufgestellt sind“, schätzt es Sebastian Vetter ein. Die Stadt wolle dabei, so nannte es Henle, Türöffner und Vermittler sein. Dabei sei ihm auch klar, dass hier nicht „Bill Gates an der Brenzbahn“ auftauchen wird.

Während im ersten Stock also neue Ideen entwickelt werden sollen, überlegen Adldinger und Vetter, wie es mit dem Erdgeschoss weitergehen soll. Mittelfristig ist hier ein Bistro oder ein Café geplant. Das dauert laut Adldinger aber noch. „Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass wir hier Ende des nächsten Jahres mit allem fertig sein werden.“ Eine halbe Million, so schätzt er, wird er in die Hand nehmen müssen, um alles entsprechend zu renovieren.

Bei allen Neuerungen, die für das Bahnhofsgebäude anstehen, behält er immer eines im Blick: den Denkmal-Charakter. „Ich lege meinen Fokus bei der Suche nach Gebäuden auf denkmalgeschützte, weil ich sie beleben will“, so Adldinger. Das Denkmal Giengener Bahnhof soll in Zukunft wieder hergezeigt werden.

Der Verkauf des Giengener Bahnhofs

Die Bahn hatte im September 2017 erklärt, dass sie das Bahnhofsgebäude nicht mehr braucht. Die Immobilienanzeige des denkmalgeschützten Gebäudes aus dem Jahr 1875 war dann online zu finden.

Die Eckdaten des

Gebäudes: Zehn Zimmer, 375 Quadratmeter Wohnfläche, 1060 Quadratmeter Grundstücksfläche - bezugsfrei ab sofort.

Auf diesen 1060 Quadratmetern Grundstücksfläche steht nicht nur das Bahnhofsgebäude selbst, sondern etwas weiter südlich davon auch auch der Kiosk „Alte Lok“. Das Nebengebäude ist ein mietereigener Aufbau, der nicht zum Kaufgegenstand gehörte, aber erhalten bleiben muss.

Im Empfangsgebäude selbst gibt es im Erdgeschoss zwei Räume, die von der DB Cargo AG mit 79 Quadratmetern und von der DB Netz AG mit 15 Quadratmetern angemietet werden. Im Dachgeschoss sind zwei Wohnungen vermietet. Im Obergeschoss gibt es rund 190 Quadratmeter Nutzfläche.

Kurz vor Jahresende wurde der Verkauf abgewickelt: Das Gebäude hat am 22. Dezember den Besitzer gewechselt, der jetzt Andreas Adldinger heißt.