Sollten die Giengener statt Panscher besser Krapfenbäcker genannt werden? Wenn es um die Frage geht, welcher Neckname für die Große Kreisstadt aufgrund der Tradition passender wäre, kommt Heimatforscher Ulrich Stark zu einer klaren Meinung.

„Es kann festgehalten werden, dass die Geschichte der Giengener Weinpanscher bei der Einweihung des Panscherbrunnens 1984 erst wenige Jahrzehnte alt war“, schreibt Stark im 2019 erschienenen Jahrbuch, dem „Giengener Kaleidoskop“. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der scherzhaften Bezeichnung „Panscher“ wohl um eine Erfindung aus den 1950er Jahren, während die Giengener zuvor jahrhundertelang als „Krapfenbäcker“ bekannt waren. Der zweitgenannte Begriff wäre demzufolge eine passendere Beschreibung einer Besonderheit der reichstädtischen Bevölkerung an der württembergisch-bayerischen Grenze – und damit wohl auch der geeignetere Neckname.

Kaiser Barbarossa zu Besuch

Allgemein wird angenommen, dass die Bezeichnung „Panscher“ auf einen Besuch Kaiser Barbarossas in Giengen im zwölften Jahrhundert zurückzuführen ist. Dreimal soll der „Rotbart“ das Städtchen besucht haben, das zu jenen Gebieten gehörte, die seine erste Frau Adele in die Ehe einbrachte.

Beim ersten Besuch im Jahre 1171 (weitere folgten 1187 und 1189) soll dem staufischen Kaiser einheimischer Wein kredenzt worden sein, der mit Wasser gestreckt war und deshalb Barbarossa im wahrsten Sinne des Wortes sauer aufstieß. „Den habt ihr aber sehr verpantscht“, habe der Monarch angeblich geschimpft.

So schön die Geschichte klingt, historisch nachweisen lässt sie sich nicht. Im Gegenteil: Es sind berechtigte Zweifel an deren Glaubwürdigkeit angebracht. Hugo Moser bemerkt in seinem „Schwäbischen Volkshumor“ von 1950: „Diese Schwanksage ist wohl recht junger Herkunft“, und schließt damit eine Rückdatierung bis in Barbarossas Zeiten aus.

Blick ins Schwäbische Wörterbuch

Gestützt sieht Ulrich Stark seine These zudem durch einen Blick ins „Schwäbische Wörterbuch“ aus dem Jahr 1904. Dort wird der Begriff der „Pantscherei“ als kaum gebräuchliches Fremdwort für Weinfälschung aufgeführt. Das Wort sei nicht einheimisch, wenngleich es immer mehr bekannt werde, schreibt Herausgeber Hermann Fischer. Soll heißen: Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte der Panscher (oder Pantscher) noch nicht zum üblichen Sprachgebrauch. Und warum sollten die Giengener nach einem Wort benannt werden, das bis dahin kein Bürger in seinem Mund führte?

Es gibt allerdings auch noch eine zweite Variante für eine Erklärung, warum die Giengener Panscher heißen. So soll ein Giengener Bauer einmal einen Sack mit Ferkeln aufgeschlagen haben, weil er den Knoten der Schnur nicht lösen konnte. Es entstand der Begriff des „Säusackpantschers“.

Sogar Englisch hält her

Zumindest sprachlich sei das nicht ganz von der Hand zu weisen, so Stark. „Pantschen“ stünde im Schwäbischen für Schlagen. Eine Analogie findet sich hier im Englischen, wo das deutsche Wort „schlagen“ mit „to punch“ übersetzt wird. Auch in der Sportsprache hat dieser Begriff Einzug gehalten: Ein Boxer mit einem harten Schlag verfügt über einen ordentlichen Punch.

Der Heidenheimer Heimatautor Hans Wulz hat 1979 in seinem Artikel „Von den örtlichen Necknamen“ gleich drei Begriffe für Giengen angeführt: Pantscher, Säusackpantscher, Krapfenbrater“. Nur der Letztgenannte lässt sich aus Sicht Ulrich Starks auch historisch klar belegen.

Der Giengener Heimatforscher wurde fündig in einem Klagelied aus dem Lager des vertriebenen Herzogs Ulrich von Württemberg aus dem Jahr 1519. Dort werden die gegen den Herzog kämpfenden Städte mit ihren Necknamen genannt. Unter anderem heißt es: „Von Lindau am See die Schiffmacher, und von Giengen die Krapfenbacher.“

Stark schließt nicht aus, dass die angeführten Necknamen zum Teil schon lange vor Entstehung des Liedes umgingen. Sie beziehen sich zumeist auf Berufe und Tätigkeiten, die in der jeweiligen Stadt von besonderer Bedeutung waren: „Es kann also davon ausgegangen werden, dass in Giengen das Krapfenbacken einen gewissen Stellenwert hatte.“

Süße Stückchen

Aus einer Chronik des Giengener Apothekers Richard Spieß von 1868 geht zudem hervor, dass sich die Giengener Hausfrauen schon von alters her während des einst zwei Tage dauernden Kinderfestes als tüchtige Herstellerinnen von süßen Stückchen hervortaten. Sie hätten gleich „ein ganzes Zimmer voll köstlichen Backwerks“ produziert, „alles für die treuen Kunden“, lobte der Apotheker.

Das Rezept der sogenannten „Bergnudeln“ wurde übrigens im Rahmen der Kinderfestausstellung 2018 wiederentdeckt. Die Giengener Landfrauen setzten es in die Tat um und fanden mit ihren Erzeugnissen nach historischer Backanweisung großen Anklang.

Nicht zuletzt aufgrund der Erwähnung der Giengener „Krapfenbacher“ im Klagelied von 1519 vermutet Ulrich Stark, dass es das Giengener Kinderfest „schon viel, viel früher gab, als der bisherige Akteneintrag vom Jahr 1659 nachweist.“