Valerie Stegmayer warnt mich vor: Du kannst nach unten gehen, musst aber aufpassen, dass die Schafe dich nicht umrennen. Ich gehe nach unten und ich passe auf, aber trotzdem boxen in regelmäßigen Abständen frisch geschorene Schafe gegen meine Beine oder gegen die eines anderen Helfers, der heute im Schafstall mit dabei ist. Sobald ein Schaf von seinem Scherer losgelassen wird, rennt es schnell in Richtung der anderen Schafe und vor allen Dingen: in Richtung frisches Heu.

Um sieben Uhr morgens ging es hier bei der Giengener Schäferei Stegmayer im Brunnenfeld bereits los mit der Wollschererei. Fünf Mann und eine Frau hängen sich seit Stunden mächtig ins Zeug, dass die mehr als 700 Schafe bis am Nachmittag alle ihre Wolle los sind. Dass sie sich reinhängen, ist dabei mehr als nur ein sprachliches Bild. Sie hängen sich wahrhaftig mit ihrem Oberkörper in eine Art Gurt ein, der an der Decke befestigt ist, dass sie eine optimale Position haben, um die Schafe auf einer stabilen Unterlage zu scheren.

Wie am Fließband

Die Schafe einzeln aus dem Stall holen müssen die Schaffriseure nicht. Heute ist alles wie am Fließband organisiert. Ganz hinten im Stall stehen alle Tiere, die noch nicht an der Reihe waren. Sie kommen nach und nach in eine Art abgetrennten Gang, der beinahe durch den ganzen Stall führt und bei den Scherern endet.

Hintereinander aufgereiht geht es für die Schafe also Stück für Stück nach vorn. Dort können die Scherer jeweils eine Klappe öffnen und eins der Schafe herausholen. Danach geht alles ganz schnell: Mit routinierten Handgriffen drehen und wenden die Scherer die Tiere, um an jede Stelle heranzukommen.

Schaf für Schaf wird aus dem Gang herausgeholt und geschoren.
Schaf für Schaf wird aus dem Gang herausgeholt und geschoren.
© Foto: Nadine Rau

Rund drei Stunden hat die Truppe durchgearbeitet, danach gab es eine kleine Pause zur Stärkung. Eine halbe Stunde danach, als längst wieder rege Betriebsamkeit an allen Ecken und Enden des Stalls herrschte, hatten manche der Scherer schon 100 Schafe geschoren. An einem Zähler kann man jederzeit ablesen, wie viele Tiere bereits dran waren.

Es ist kaum verwunderlich, dass es so zackig vorangeht. Unter den Scherern sind auch der gebürtige Heidenheimer Felix Riedel und Emanuel Gulde aus Salem am Bodensee, beide haben bei Schafschurmeisterschaften schon einige Titel abgestaubt. Ihre Arbeit ist körperlich sehr anstrengend: Im Stall stehen sie heute nur in Tanktops, auf denen Logos der Meisterschaften zu sehen sind, an denen sie schon teilgenommen haben.

Mehr Frauen im Beruf

Noch etwas langsamer, aber nicht weniger professionell, geht es auf der rechten Seite der Scherer-Reihe voran. Die einzige Frau im Feld, noch dazu eine sehr junge, tritt als Tochter eines Schafscherers in die Fußstapfen ihres Vaters und war schon ein paar Mal als Unterstützung bei den Stegmayers dabei.

Mit von der Partie ist heute auch die Auszubildende, die sich auf dem Hof momentan zur Schäferin ausbilden lässt. „Mittlerweile lernen das überwiegend Frauen“, erzählt Valerie Stegmayer, während sie die heruntergeschorene Wolle sortiert.

Und es gibt noch zusätzliche Hilfe im Stall: Weitere Bekannte der Familie, darunter Kinder, huschen im Stall hin und her, kehren und tragen die Wolle zusammen – es ist ein kleines Ereignis zum Jahresbeginn, das man nicht alle Tage zu sehen kriegt. Auch die Geräuschkulisse ist einmalig: 700 mähende Schafe, dazu Radiomusik, das Surren der elektrischen Hand-Schermaschinen – und trotzdem schaffen es die Scherer ab und an, ein Wort miteinander zu wechseln.

Manche Schafe blau angesprüht

Bei der Schafschur bleibt es nicht aus, dass die Schafe hier und da kleine Schnittwunden abkriegen. Die Stegmayers werden in den kommenden Tagen darauf achten, ob alles gut verheilt. Sofern man die Schafe direkt nach dem Scheren im Getümmel zu fassen bekommt, kriegen sie gleich ein blaues Spray aufgesprüht. Das Blau-Spray schützt und pflegt die Haut der Schafe und sorgt dafür, dass sie gut und schnell regeneriert.

Gleich viel mehr Platz im Stall: Ohne Wolle haben es die Schafe jetzt im Winter trotzdem warm, aber etwas luftiger.
Gleich viel mehr Platz im Stall: Ohne Wolle haben es die Schafe jetzt im Winter trotzdem warm, aber etwas luftiger.
© Foto: Nadine Rau

Schaut man sich die vielen, jetzt etwas nackten Schafe im Stall an, erahnt man beim ein oder anderen schon, was als nächstes bevorsteht: die Lamm-Zeit. Ab Februar wird es bei den Stegmayers jede Menge Nachwuchs geben. Bis Ostern ungefähr ist die Herde im Stall, danach geht es wieder dauerhaft nach draußen. Geschoren werden die Schafe mitunter deshalb immer im Januar: Im Stall haben sie jetzt ohne ihre dicke Wolle viel mehr Platz. Kalt wird ihnen so schnell auch nicht, weil sie, wie Stegmayer erklärt, auf frischem Stroh stehen.

Wenn wieder eines der Schafe an einem vorbei in den Stall huscht, muss man die auf dem Boden liegende Wolle schnell zur Seite nehmen und zu Valerie Stegmayer an eine Art Gittertisch bringen. Greift man mit beiden Händen zu, erwischt man in der Regel die ganze Wolle eines Schafes auf einmal. Hier und da ist die Wolle verdreckt, vor allem aber ist sie weich und warm. Bei einem ausgewachsenen Schaf können zwischen drei und sechs Kilo Wolle zusammenkommen.

Zu zweit wird diese Wolle ausgeschüttelt, dabei fallen die unbrauchbaren, kleinen Fetzen auf den Boden und alles, was später vom Wollhändler abgeholt wird, kann nach Farben in verschiedenen Säcken sortiert werden. Einer der Säcke ist riesengroß und hängt in der Luft, befestigt lediglich an einem Metallgestell, sodass sich oben jemand auf beiden Seiten festhalten und in den Sack hineinsteigen kann, um die Wolle zu komprimieren.

Kein Geld mehr für Merinowolle

Die Stegmayers haben überwiegend Merinowolle und damit eine Schurwolle, die viele von Kleidung aus dem Outdoor-Bereich kennen. Wer solche Stücke in seinem Kleiderschrank hängen hat, weiß: Sie sind nicht gerade günstig, aber in vielen Punkten sehr vorteilhaft, sind zum Beispiel atmungsaktiv, weich und riechen kaum, weshalb man sie sehr lange tragen kann. Man könnte meinen, dass eine Schäferei dadurch zusätzlich zur Landschaftspflege und zum Fleisch viel Geld machen kann, doch diese Zeiten sind längst vorbei: „Bei Merino hat es sich mal gelohnt, früher haben Schäfer von der Wolle gelebt. Dieses Jahr aber kriegen wir so wenig wie noch nie dafür“, erklärt Valerie Stegmayer.

Ganz genau weiß sie nicht, was der Wollhändler mit der Wolle aus Giengen weiter vor hat, meistens aber werde sie im Ausland verarbeitet. Was sie außerdem weiß: Die Merinowolle, die wir hier in Deutschland kaufen können, kommt in der Regel nicht aus Deutschland, sondern zum Beispiel aus Neuseeland. „Die Wolle der Tiere dort ist viel weicher, schon allein wegen der Wetterbedingungen. Und wir kennen das ja von uns selbst: Wenn etwas kratzt, ziehen wir es nicht an.“ Einige Schäfer würden ihre Wolle mittlerweile entsorgen oder als Dünger verarbeiten, weil der Rohstoff nicht mehr gefragt sei.

Auch wenn es kaum noch Geld bringt: Geschoren werden müssen die Schafe so oder so. Der Scher-Trupp hat noch mal eine kurze Raucher- und Trinkpause eingelegt, steht im Kreis, ratscht ein wenig. Doch wie auf Knopfdruck hängen sie plötzlich schon wieder in ihren Gurten, das Surren ertönt von Neuem, die Schafe ziehen eins ums andere weiter in ihrem Gang.

Noch bis um halb zwei wird in Giengen geschoren, danach sind alle Schafe frisiert und es gibt Futter – nicht nur für die Schafe, auch für die Scherer.