Giengen / Nadine Rau Der ehemalige Realschulleiter Karl-Heinz Friedrich hat ein Gästebuch ausgegraben. Besuch aus aller Welt hat sich darin verewigt.

Eine ganze Seite, beschrieben mit chinesischen Schriftzeichen. Ein paar Seiten weiter vorn französische Einträge, außerdem italienische, auch russische, nicht zu vergessen die vielen deutschen. Texte in Schreibschrift verfasst, andere mit der Schreibmaschine, Seiten voller Unterschriften, zwischendurch Zeichnungen.

Karl-Heinz Friedrich blättert in seinem Wohnzimmer in einem alten Gästebuch, das er wieder herausgekramt hat, um eine Anfrage der Stadt beantworten zu können. Genauer in einem Gästebuch der Robert-Bosch-Realschule, die er von 1968 bis 1990 geleitet hat. „Ich habe das Gästebuch gekauft, als die Schule in das neue Gebäude in der Schwage umgezogen ist“, erzählt der Altstadtrat. Sogar eine Einladung zur Einweihung der Schule am 15. Juli 1971 liegt noch ganz vorne in dem beigefarbenen Buch.

Viel Besuch zog es damals in das neue Bildungsgebäude. Kein Wunder also, dass das Gästebuch voller und voller wurde und heute ein Schatz voller Erinnerungen ist. Den Anfang machte einst der Bauausschuss des Gemeinderats, der das fertige Gebäude besichtigte. Eintrag Nummer zwei war einem Vertreter des Staatlichen Schulamts, das es damals noch in Heidenheim gab, vorbehalten. Neben aller Begeisterung betonte er, dass ein solch „gut ausgestattetes Schulgebäude eine Verpflichtung zu erfolgreichem Arbeiten“ sei.

Nach Giengen und Heidenheim kamen bereits Besucher von weiter her, aus Stuttgart vom Oberschulamt zum Beispiel oder Landtagsabgeordnete, und sechs Lehrer dichteten gar ein Gedicht fürs Gästebuch, ehe sogar die ersten internationalen Einträge folgen.

„Aus Thionville ist eine ganze Klasse beim Kinderfest mitgelaufen“, erinnert sich Friedrich, als er die vielen Unterschriften sieht. Außerdem war eine Delegation von Lehrern aus Heidenheims Partnerstadt Clichy gekommen, die „voll des Lobes“, wie sie schreiben, über die Realschule war. Eine weitere Delegation hat sich überdies eingetragen, die Übersetzung findet sich, auf Schreibmaschine getippt, ebenfalls zwischen den Seiten: Die Mannschaft der Sowjetunion im Fünfkampf war bei den internationalen Wettkämpfen in Heidenheim und besuchte auch die Realschule in Giengen, sah sich „eine Stunde der russischen Sprache“ an. „Ich weiß selbst nicht mehr, wie ich diese Gruppe an meine Schule bekommen habe“, sagt Friedrich lachend. Der Haupttrainer wünschte den Lehrkräften „Erfolge bei der Verbreitung der russischen Sprache in der BRD“.

Neben geschriebenen Einträgen sind im Gästebuch auch gezeichnete zu finden. Etwa von Manfred Laber, der den Brunnen auf dem Schulhof entworfen und im Gästebuch eine Skizze davon angefertigt hat. Der Architekt der Schule, Walter Ferner, hat sich ebenfalls verewigt, außerdem der damalige Bürgermeister Siegfried Rieg.

Eine noch viel weiteren Anreise hatte der damalige Leiter der Deutschabteilung der Fudan-Universität in Shanghai. Ihm hat das Gästebuch die chinesischen Schriftzeichen zu verdanken, natürlich fehlt aber auch hier die handschriftliche Übersetzung nicht. „Das Wissensfeld der Schüler ist weit und breit“, schrieb er einst, außerdem sei das Schulleben vielseitig und interessant. „All dies soll China gut lernen“, lautete sein Wunsch.

Ähnliches schrieben auch Lehrer, die aus Ungarn zu Besuch waren: „Das ungarische Schulsystem steht vor einer Reform und wir hoffen, dass diese hier gesammelten Informationen und Erfahrungen auch dazu beitragen werden, einen guten Weg zu einem neuen humanistischen System zu finden“, heißt es in der Übersetzung neben ein paar gemalten Schulkindern.

Als „optimale Schule“ wird der Gebäudekomplex auf einer Seite bezeichnet, als „école extraordinaire“, also als außergewöhnliche Schule auf der nächsten, ein paar Seiten weiter heißt es von Besuchern aus Sibirien, dass sie „in Giengen viel Wärme und Freundlichkeit“ erlebt hätten.

„Gott und die Welt kam zu uns“, erklärt Friedrich, der durch seine vielen Reisen ins Ausland die etwaigen Beziehungen herstellen konnte, aus denen einige der Besuche resultierten. Ein paar leere Seiten gibt es noch, zu finden ist allerdings noch eine weitere Einladung, nämlich die zum Festakt zu zehn Jahren Robert-Bosch-Realschule in der Schwage. Nächstes Jahr sind also schon die fünfzig voll – wie viele Gästebücher seither wohl beschrieben sind?