Zu sagen, was für das Land spricht, liegt den Schweden fern. Das passt nicht zu ihrer bescheidenen Art. Aus meiner Sicht zählen die freundliche Zurückhaltung, weitläufige Natur und eine ausgeprägte Work-Life Balance dazu.

Warum Schweden?

Mich hat es für meinen Master nach Südschweden gezogen. Durch eine sehr enge Kindergartenfreundin und ihre Familie in Schweden hat mich das Land schon immer gereizt. Ich habe auch in Australien und Wien für je ein halbes Jahr gelebt, aber die Idee von Schweden hat mich nie in Ruhe gelassen. Nachdem ich ein Jahr meines Bachelors in Finnland verbracht habe, war ich vom Norden noch mehr angetan. Der Grund hierherzuziehen, war also vielmehr der Reiz, Skandinavien besser kennenzulernen. Und das gute Bildungssystem im Vergleich zu Deutschland.

Öresund mit dänischem Festland im Hintergrund.
Öresund mit dänischem Festland im Hintergrund.
© Foto: privat

Mit einer Zusage für ein Masterprogramm an der Lund-Universität bin ich im August hergezogen und habe das erste von vier Semestern begonnen. Lund hat die die älteste Uni Skandinaviens und die rund 40 000 Studenten machen ein Drittel der Bewohner aus. Die Studentenstadt liegt in der südschwedischen Region Skåne (Schonen), was den Lesern von Mankells Kurt Wallander bekannt sein dürfte. Von Kopenhagen über den Öresund ist man in weniger als einer Stunde in Lund, das zwischen Malmö und Göteborg an der Ostsee liegt.

Unileben

Die Studierenden und Professoren sind sehr international, was die Vorlesungen besonders interessant macht. Gruppenarbeiten und viel Interaktion in den Seminaren, macht das Ganze trotz des Fokus auf der Forschung kurzweilig. Die flache Hierarchie zwischen Lehrenden und Studierenden trägt zu einem intensiven Austausch bei. Allgemein bilden sich Schweden wenig auf ihre Titel ein und es ist normal, Professoren beim Vornamen zu nennen.

Söderåsens Nationalpark im Herbst.
Söderåsens Nationalpark im Herbst.
© Foto: privat

Für genug Ausgleich zum Lernen sorgen die „Nations“. Das sind Studentenorganisationen, die verschiedene Interessen vertreten, jeder Student kann Mitglied in einer werden. Ganz typisch sind so genannte „Sittnings“. Dabei wird gemeinsam zu Abend gegessen und anschließend wird gesungen und gefeiert. Jeder hat sein eigenes Liederbuch, in das die Anderen Grüße und kurze Nachrichten schreiben. Auch Bälle, Wanderungen oder Kulturevents werden organisiert.

Alltag in Schweden

Auch außerhalb der Uni kommt man mit der englischen Sprache sehr weit, da Filme selten synchronisiert werden und die Schweden so häufiger mit Englisch konfrontiert werden. Als Teil des schwedischen Integrationsprozesses erhalten alle, die länger als ein Jahr eine Beschäftigung hier haben, Zugang zu einem schwedischen Sprachkurs. Außerdem wird Deutsch in der Schule auch als Fremdsprache gelehrt, sodass sich viele freuen, wenn sie davon wieder etwas auspacken können.

Meine erste Anschaffung war ein Fahrrad. Sehr gut ausgebaute Radwege innerhalb und außerhalb der Stadt machen Radfahren nicht nur bei Studenten zum beliebtesten Fortbewegungsmittel.

Das wechselhafte Wetter und die Dunkelheit sind nicht zu unterschätzen. Man sagt, hier regnet es neun Tage die Woche. Unabhängig vom Wetter, findet man die Schweden häufig draußen bei Outdooraktivitäten. Zeit an der frischen Luft gilt als Weg, dem Winterblues zu entkommen. Oder ist es nur ein Grund, um sich danach bei Fika aufzuwärmen? Das ist eine traditionelle Kaffeepause zu der Kanelbullar (Zimtschnecken) oder anderes süßes Gebäck gereicht werden und man sich mit Kollegen oder Freunden trifft.

Auch im Arbeitsleben oder in der Uni lässt niemand etwas über Fika kommen. Das zeigt auch, wie wichtig der Ausgleich zur Arbeit hier ist. Die Schweden legen viel Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Auch der Stellenwert von mentaler Gesundheit ist hier besonders hoch.

Was beschäftigt die Bevölkerung?

Corona ist hier schon wie für die gesamte Dauer der Pandemie kein Grund für Maßnahmen. Die starke Inflation macht sich auch hier bemerkbar. Zur Entlastung wurden Zinsen und die Studienbeihilfe, die alle schwedischen Studenten unabhängig vom Einkommen der Eltern erhalten, erhöht.

Gangkriminalität ist hier im Süden sowie in Stockholm sehr präsent. Schießereien und Stadtteile, in die die Polizei keinen Zugang mehr hat, sind das bekannteste Problem. Maßnahmen diese Strukturen zu durchbrechen sind bislang gescheitert. Das hat sich auch die rechtsradikale Partei im Wahlkampf zunutze gemacht.

Die Bevölkerung ist durch den Erfolg der Partei, mit deren Unterstützung die neue Regierung zustande kam, beunruhigt. Während neugewählte rechte Regierungen in Europa in der Berichterstattung sehr präsent sind, so scheint es mit Schweden nicht der Fall zu sein. Das mag daran liegen, dass Rechtspopulismus nicht zum weit verbreiteten Bild von Schweden, das eher mit einem starken Sozialstaat und Astrid Lindgren assoziiert wird, passt. Hier sind sich viele des Rückschritts allemal bewusst und im Hinblick auf die notwendige Diplomatie für den geplanten NATO-Beitritt besorgt.

Zukunft

Ob ich nach meinem Studium in Schweden bleiben will, wird die Zeit zeigen. Aktuell vermisse ich hier nichts. Meine Wohnung ist aber auch Anlaufstelle für Freunde und Familie, über deren Besuch freue ich mich immer. Vorstellen, hierzubleiben, kann ich mir auf jeden Fall, aber man hat ja auch nicht immer alles selbst in der Hand.

Weihnachten daheim

Ich komme sehr gerne in die Heimat und so auch über Weihnachten. Ich freue mich auf Zeit mit meiner Familie und Freunden. Außerdem werde ich im Training beim TV Hürben vorbeischauen und ein Vesper im Schlössle in der Lindenau ist ein Muss. Christbaumloben und den traditionellen Silvestertrip mit Freunden will ich mir auch nicht entgehen lassen.

Außerdem – Hörsäle in allen Ehren – warten meine Brüder schon drauf, dass ich ihnen beim Holzmachen helfe.

God jul und ein bisschen schwedische Gelassenheit für die Feiertage wünsche ich Euch!

Mehr über Menschen aus dem Landkreis Heidenheim, die im Ausland leben, gibt es bei Brücken in alle Welt zu lesen.