Ellwangen / Marc Hosinner Der Steinewerfer-Fall ist offensichtlich aufgeklärt: DNA-Spuren haben einen 36-Jährigen überführt. Dieser versuchte noch zu fliehen, als die Polizei in seinem Gartengrundstück stand. Später gestand er die Tat, die für die verletzte Familie verheerende Folgen hat.
„Wir haben den Täter“, so Ulms Polizeipräsident Christian Nill am Freitagmorgen bei der Pressekonferenz in Ellwangen zum Steinwerfer-Fall auf die A 7 vom vergangenen Sonntag.

Was ihn sicher macht: Die Polizei konnte DNA-Spuren am Stein und an einer Folie sichern. Ein Datenabgleich führte zu dem Beschuldigten, der 2009 eine Speichelprobe abgegeben hatte. Zudem hat der Mann in einer Vernehmung inzwischen die Tat eingeräumt und hinreichende Angaben gemacht.

Wie die Tatnacht ablief

Nach den der Polizei und Staatsanwaltschaft zugrunde liegenden Informationen ergibt sich folgender Ablauf:

Der mutmaßliche Täter fährt in der Nacht auf Sonntag mit seinem Fahrrad – seinem bevorzugten Fortbewegungsmittel – zum Giengener Flugplatz auf der Irpfel. Am Rande des Gebäudes lagert eine Palette mit Betonsteinen. Einen davon transportiert er auf seinem Gepäckträger 250 Meter weit bis zur Autobahnbrücke. Von dort wirft er den zwölf Kilo schweren Stein auf die Fahrbahn der A 7 in südliche Fahrtrichtung.

Als sich gegen 1.45 Uhr der Citroen einer vierköpfigen Familie aus Laupheim, die auf der Heimfahrt von einer Hochzeitsfeier ist, mit etwa 130 Stundenkilometern der Autobahnbrücke nähert, liegt der Stein schon auf der Fahrbahn. Der 33-jährige Vater am Steuer kann nicht mehr ausweichen und fährt über das Hindernis. Wegen Schäden am Fahrzeug – der Stein schlitzt den vorderen rechten Reifen auf – verliert der Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen.

Der Pkw überschlägt sich mehrmals, der vierjährige Sohn und die sechsjährige Tochter auf der Rückbank werden auf dem Fahrzeug geschleudert und erleiden massive Prellungen und Schürfwunden. Der Vater der Kinder zieht sich einen Beckenbruch zu. Die drei Familienmitglieder befinden sich mittlerweile auf dem Weg der Besserung.

Die 25-jährige Mutter hingegen wird bei dem Unfall lebensgefährlich verletzt: Sie erleidet eine Halswirbelfraktur, eine Brustwirbelfraktur und einen Schädel-Basisbruch mit einer Hirnblutung sowie eine Querschnittlähmung. Außerdem muss ihr in den Folgetagen ein Fuß abgenommen werden. Wie die Polizei bei der Pressekonferenz erklärt, dürfte sich der Täter zum Zeitpunkt des Unfalls noch in der Nähe aufgehalten haben.

Schnell erkannt, dass es mehr als ein Unfall ist

„Zuerst war ein Verkehrsunfall gemeldet. Die ersten Einsatzkräfte waren relativ schnell vor Ort. und haben erkannt, dass es mehr ist als ein normaler Unfall. Die erste richtige Entscheidung war, den Kriminaldauerdienst hinzuzuziehen“, so Polizeipräsident Nill.

Noch in der Nacht wird die Sonderkommission „Crash“ ins Leben gerufen. Unmittelbar nach der Tat stellen Kriminaltechniker an der Unfallstelle eine Vielzahl von Spuren sicher. Kleinste Fragmente finden sich am Stein sowie an einer Folie am Lagerort der Palette. „Die Kollegen haben am Tatort sehr akribisch gearbeitet“, sagt Nill.

Die Soko ermittelt in der Folge mit 20 Mann, geht Hinweisen aus der Bevölkerung nach und vernimmt Zeugen. Der Schlüssel zur Lösung des Falls aber kommt am Mittwochnachmittag vom LKA: Ein Abgleich der Spuren mit der Datenbank ergibt einen Treffer. Sie können einem Mann zugeordnet werden, der 2009 eine Speichelprobe abgeben musste.

Noch am Abend gelingt die Verhaftung: Da der Polizei wegen früherer Vergehen umfangreiches Aktenmaterial über den 36-jährigen Tatverdächtigen vorliegt, kristallisieren sich rasch mögliche Aufenthaltsorte heraus. Auf einem Gartengrundstück zwischen Mergelstetten und Herbrechtingen werdend die Einsatzkräfte, die von anderen Grundstücksbesitzern wichtige Hinweise erhalten, fündig.

Die Schlinge um den Hals des Mannes, der auf einem der Grundstücke meist in einem Zelt wohnt, zieht sich zu. Als er der die Polizei erkennt, unternimmt er einen Fluchtversuch, der scheitert. 35 Beamte sind zu diesem Zeitpunkt an dem Wochenend-Haus vor Ort. Das SEK im Hintergrund einsatzbereit.

Geständnis bei der zweiten Vernehmung

Bei der Festnahme sagt der mutmaßliche Täter kein Wort. Erst in der zweiten Vernehmung gesteht er die Tat und macht nähere Angaben. Zum Motiv jedoch kann er keine Erklärung geben. „Er sagt, es sei eine spontane Tat gewesen“, so Oberstaatsanwalt Staudenmaier.

Am Donnerstag beantragt die Staatsanwaltschaft Ellwangen wegen versuchten Mordes und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr einen Haftbefehl, der am selben Nachmittag erlassen wird. Mittlerweile befindet sich der 36-Jährige in Untersuchungshaft.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft steht der Beschuldigte im Verdacht, den Stein auf die Autobahn geworfen und zumindest billigend in kauf genommen zu haben, dass die Autobahn mit hoher Geschwindigkeit befahrende Verkehrsteilnehmer das Hindernis nicht rechtzeitig erkennen, gegen den Stein fahren und sodann die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren könnten, so dass es zu Unfällen mit tödlichem Ausgang kommen könnte.

Die Staatsanwaltschaft geht weiter davon aus, dass der Beschuldigte heimtückisch gehandelt hat. „Wir sind der Meinung, dass der Tatverdächtige nicht schuldunfähig ist“, so Staudenmaier.

„Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft“, so Polizeipräsident Nill. Für ihn ist das die Kernbotschaft, denn in den Tagen nach der Tat habe man davon ausgehen müssen, dass es weitere Taten wie am Sonntag geben könnte und an den Brücken der A 7 massive Polizeipräsenz gezeigt. „Wir sind froh, dass wir die schreckliche Tat aufklären konnten“, so Nill.

Wer ist der Mann, der den Stein warf?

Wer ist der Mann, der gestanden hat, einen Stein auf die Autobahn geworfen zu haben? Folgendes ist bekannt: Er ist Deutscher, ledig und geht keiner Beschäftigung nach.

Der 36-Jährige Heidenheimer lebte seit etwa eineinhalb Jahren auf einem Gartengrundstück auf dem Hang östlich der zwischen Mergelstetten und Herbrechtingen verlaufenden Bundesstraße. Dort verteilen sich mehr als 100 Wochenendgrundstücke.

Auf dem von ihm gemieteten Grundstück befindet sich Informationen der Heidenheimer Zeitung zufolge eine Holzhütte. Der 36-Jährige hat sich aber zumeist in einem Zelt aufgehalten.

Zudem verfügt der mutmaßliche Steinewerfer auch über eine Wohnanschrift in Heidenheim. Dabei handelt es sich nach HZ-Erkenntnissen um eine Wohnung, die zum Heidenheimer Klinikum gehört. In früheren Jahren hat der Mann in der Eisenbergsiedlung in Heidenheim gelebt.

Der Beschuldigte ist bereits mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten. Dies wegen unterschiedlicher Delikte: Bedrohung, Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung und Beleidigung.

„Der Mann hat eine auffallende Persönlichkeit“, so Oberstaatsanwalt Peter Staudenmaier am Freitag in Ellwangen. Die überwiegende Anzahl der Verfahren gegen den Mann sei wegen Schuldunfähigkeit eingestellt worden. Es gab aber auch eine Bewährungsstrafe: 2013 wurde der Heidenheimer wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt.

Nach HZ-Informationen wurde der Mann zudem im vergangenen Jahr schon einmal festgenommen: In seinem Besitz hatten sich 50 Sprengstoffkapseln befunden.