Die Lokalbahn-Saison steht vor der Tür: Am 1. Mai sollte die erste Fahrt mit dem Museumstriebwagen auf der Strecke Amstetten–Gerstetten stattfinden. Die Betonung liegt auf sollte.

Denn heuer wird wohl erst mehrere Wochen später angeheizt. Der Grund: Innerhalb des Vereins UEF Lokalbahn Amstetten–Gerstetten quietscht und klemmt es gewaltig. Und das offensichtlich seit Längerem. Ein Resultat: Sieben Wochen lang herrschte auf den Gleisen der Eisenbahnfreunde bereits Stillstand. Für Lokalbahn-Fans bislang kein Problem, Auswirkungen hatte das nur auf den Güterzugtransport zwischen dem Bahnhof Amstetten und dem nahegelegenen Benzwang.

Was war passiert? Hintergrund ist laut dem neuen Vereinsvorsitzenden, dem 37-jährigen Korbinian Fleischer aus Deggingen-Reichenbach, ein Betreiberwechsel für die Strecke. Rund 20 Jahre lang war die UEF Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft mbH (UEF-V) vom Verein beauftragt gewesen, die gesetzlich vorgeschriebene Aufsicht für den Zugverkehr zwischen Amstetten und Gerstetten zu übernehmen. Laut Fleischer weitgehend unentgeltlich. Das änderte sich offenbar mit der Eröffnung des Kies- und Sandlagers im ehemaligen Bundeswehrdepot Benzwang im Jahr 2013 und den damit verbundenen Güterzugtransporten zwischen Amstetten und Benzwang. „Das hat einen größeren Aufwand bedeutet und dafür wollte man auch eine höhere Abgeltung“, so Fleischer.

Die Vereinsführung habe daraufhin entschieden, den Betrieb der Strecke in einer eigenen GmbH zu organisieren. Dafür wurde 2017 die Lokalbahn Betriebsgesellschaft mbH Amstetten–Gerstetten (LAG) gegründet. Fleischer erläutert: „Die UEF-V ist für 50 Museumsbahnen zuständig und hat ihren Sitz in Krefeld. Mit Gründung der LAG wollte man die Verwaltungsstruktur vereinfachen. Man wollte einen Betreiber, der ausschließlich für die Lokalbahn zuständig ist.“

Eigentlich, so Fleischer, hätte der Übergang der Betriebsführung ohne Probleme über die Bühne gehen können. Allerdings sei von Seiten des Vereins mehrfach versäumt worden, entsprechende Unterlagen beim für die Genehmigung zuständigen Verkehrsministerium in Stuttgart einzureichen. „Man hat den Zeitbedarf für die Gründung einfach unterschätzt“, sagt Fleischer. Die UEF-V stellte den Verkehr dennoch zum 1. Februar kurzerhand ein.

Fleischer bestätigt Kommunikationsprobleme und „handfesten Streit“ innerhalb des Vereins. Gründe dafür hat es offenbar mehrerlei gegeben. Der Vorsitzende spricht von finanziellen Unregelmäßigkeiten und Schlamperei. So sei etwa eine Rechnung über 40 000 Euro aus dem Jahr 2014 ignoriert und nicht bezahlt worden. Ein weiterer Faktor sei die personelle Besetzung der LAG gewesen. Der ehemalige stellvertretende Vereinsvorsitzende war zum Geschäftsführer bestellt worden. Aufgrund von weiteren finanziellen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dieser Person sei die Entscheidung umstritten und nicht ausreichend kommuniziert gewesen. Näher möchte sich Fleischer dazu nicht äußern. „Das hat sich erledigt. Der LAG-Geschäftsführer hat mittlerweile gekündigt und wir haben bereits zwei Nachfolger.“

Auf Dampfzüge verzichten?

Streit gab es im Verein wohl auch um die grundsätzliche Ausrichtung. Aus den Reihen der Vorstände habe es im vergangenen Jahr den Vorschlag gegeben, die personalintensiven Dampfzug-Fahrten zu streichen. „Pro Fahrtag braucht man zehn Freiwillige“, erklärt Fleischer. „Aber viele Vereinsmitglieder wollen darauf nicht verzichten. Das ist das Kerngeschäft des Vereins.“

Resultat der Streitigkeiten: Im März wurde bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Vorstand (bis auf ein Mitglied) ausgetauscht und neu besetzt.

Was sagt Gerold Nagel, Mitglied des abgelösten Vorstands, zu den Vorwürfen? „Korbinian Fleischer ist 2017 aus dem Verein ausgetreten und war danach nicht aktiv tätig. Er hat für diese Zeit keinen ausreichenden Einblick in die Sachverhalte und Entscheidungen rund um die Lokalbahn.“ Grundsätzlich sei der Betreiberwechsel keine kleine Aktion. Hunderte ehrenamtliche Stunden seien hierfür vom Vereinsvorstand sowie vom eingesetzten Geschäftsführer geleistet worden. „Diese massiv ausgelasteten Personen müssen es sich nicht nachsagen lassen, Zeitbedarfe nicht richtig eingeschätzt oder Vorgänge nicht zügig genug abgearbeitet zu haben.“

Streit über die personelle Besetzung der LAG hat es laut Gerold Nagel nicht gegeben. „Wir sehen die getroffenen Personalentscheidungen nach wie vor als richtig an.“ Klar bestätigt werde dies durch die seit einigen Wochen vorliegende Erlaubnis des Verkehrsministeriums zur Aufnahme des Betriebs der LAG.

Die Problemstellung „Dampfzug“ sei Thema im Verein gewesen, so Nagel. „Nahezu alle Vertreter der sogenannten Opposition hatten sich 2018 durch Abwesenheit jeglicher Vereinsaktivitäten ausgezeichnet.“ Aufgrund unzureichender Beteiligung hätten sich deutliche Personalprobleme ergeben. „Im Sinne einer verantwortungsvollen Saisonplanung war zu beraten, ob das bisher übliche Jahresprogramm mit rund 30 Tagen Fahrbetrieb und mehreren Großveranstaltungen 2019 durchgeführt werden kann.“ Eine Mehrheit des Vorstandes habe sich Ende 2018 jedoch dafür ausgesprochen.

„Gestörtes Vertrauen“

Die Kombination aus einem irreparabel gestörten Vertrauensverhältnis und gezielter Indiskretion Einzelner hätten fünf von sechs Vorstandsmitglieder veranlasst, ihre mit viel Arbeit und Herzblut verbundenen Ämter niederzulegen, so Nagel. So seien etwa Prüfungsberichte vereinsfremden Personen zur Kenntnis gegeben worden. In mehreren Schreiben, die an einen Teil der Mitglieder adressiert waren, hätten die Kassenprüfer harte Vorwürfe in Richtung des Vorstandes formuliert. „Darin war die Rede von Fehlverhalten und erheblichen Mängeln in Führung und Organisation. Aber weder bei einer außerordentlichen Kassenprüfung noch bei der Mitgliederversammlung konnten die Vorwürfe konkretisiert oder belegt werden. Finanzielle Ungereimtheiten wurden trotz intensiver Suche nicht festgestellt.“

Der neue Vorsitzende Korbinian bestätigt seinen Austritt aus dem Verein 2017. Als Grund nennt er Frust. „Aber ich habe voll und ganz mitbekommen, was läuft. Meine Kollegen haben mir rundum informiert.“

Die wichtigste Frage für Bahnliebhaber ist natürlich: Wie geht es weiter? Korbinian Fleischer steckt noch in Verhandlungen zwischen der neuen LAG-Geschäftsführung und der UEF-V. „Wir müssen den Saisonstart wohl verschieben.“ Die Landeseisenbahnaufsicht habe die Strecke zwar abgenommen, doch der vom Verein beauftragte Eisenbahnbetriebsleiter habe erhebliche Mängel an der Strecke festgestellt. „Da muss einiges repariert werden. Und im Moment sehe ich keine Chance, das schnell umzusetzen. Unser Ziel ist, dass wir Mitte Mai in die Saison starten.“

Die Querelen haben den Verein jedenfalls hart getroffen. Zehn der 15 aktiven Kollegen hätten den Verein verlassen, so Fleischer. Inzwischen habe man zwei neue Mitglieder gewinnen können. „Aber das reicht natürlich nicht. Neue Mitglieder zu werben und auszubilden, wird in diesem Jahr und darüber hinaus unser großes Ziel sein.“ Für die kommende Saison habe man jedoch genügend Leute, um den Betrieb zu gewährleisten.

Der Verein


Der eigenständige Verein mit dem Namen UEF Lokalbahn Amstetten-Gerstetten wurde im Dezember 1999 ins Leben gerufen und gehört als selbstständige Sektion zu den Ulmer Eisenbahnfreunden (UEF). Der Verein hat sich die Unterhaltung und den Betrieb der Lokalbahn zur Aufgabe gemacht. Neben zwei Dampflokomotiven werden mehrere Fahrzeuge mit Dieselmotor, ein Personenzug sowie einige Güterwagen betreut.

Der gesamte Zugbetrieb wird ehrenamtlich von Vereinsmitgliedern gestemmt – vom Zugbegleiter bis zum geprüften Lokführer. Zudem werden Restaurierungs- und Reparaturarbeiten übernommen. Weitere Helfer sind willkommen. Diese sollten natürlich Freude an Eisenbahnen mitbringen. Alles Weitere wird im Verein in entsprechenden Ausbildungsgängen vermittelt. Weitere Infos gibt es per E-Mail an info@uef-lokalbahn.de chw