Gerstetten / Manfred Kubiak Unsere Orgeltester sind heute in Gerstetten, wo sie einer Orgel begegnen, die wieder in das ihr eigentlich zugedachte Leben zurückgeführt wurde. Das Instrument musste 50 Jahre anders klingen, als es sollte und wollte.

Das Instrument der Michaelskirche, von den Giengener Gebrüdern Link im Jahr 1853 als opus 7 erbaut, ist die älteste noch vorhandene evangelische Orgel im Landkreis Heidenheim. Auf der anderen Seite ist sie allerdings gewissermaßen auch noch jung, da sie beinahe 50 Jahre anders klingen musste, als die das sollte und wollte. Erst seit 1994 ist dies wieder der Fall.

Die Orgel, die mit 13 Registern für eine Dorfkirche in der Mitte des 19. Jahrhunderts üppig bestückt wurde, hat also eine bewegte Geschichte mit einiger Aufregung hinter sich, deren Auslöser, Stammleser dieser Serie werden es ahnen, selbstverständlich beim Namen genannt werden kann: Helmut Bornefeld.

Dieser, 1937 als Kirchenmusikdirektor und Orgelsachverständiger nach Heidenheim gekommen, entdeckte das Instrument bereits zwei Jahre später für sich und begann sofort, es in seinem Sinne umzugestalten. Die Orgel wurde, wie es im Fachjargon hieß, aufgenordet, das heißt dem angepasst, was man damals für das Klangbild des vor allem norddeutschen Barocks hielt. Bornefeld bewerkstelligte dies, indem er Pfeifen absägte und um ein, zwei, ja zweieinhalb Oktaven höher stimmte und so den warmen romantischen Sound aus der Kirche verbannte. „Am Ende hatte man“, sagt Thomas Haller, „einen Klang, der eigentlich nicht zum Wesen dieses Instruments passte, da sie zum einen anders klang, als sie aussieht, und zum anderen die Windtechnik überhaupt nicht für diese Art von hohen Pfeifen gedacht war“.

Immerhin: Im Jahr 1994 wurde dies alles wieder rückgängig gemacht. Technisch auf alle Fälle, die Balganlage mitsamt Tretvorrichtung inklusive. „Vom Klang her“, meint Thomas Haller, „könnte man allerdings noch ein wenig nachhelfen, damit sie mehr nach 1853 zurückfindet“. Dass dem nicht ganz so ist, liegt seines Erachtens nach an dem Umstand, „dass vieles von dem, was 1994 im Sinne von 1853 gemacht wurde, zu sehr nach 1994 klingt“. Haller ist zuversichtlich, dass da noch was gehen wird. „Das ist zwar im Moment Zukunftsmusik, aber es würde sich bestimmt lohnen, denn nicht alle Töne klingen frei, und ich habe das Gefühl, dass die Möglichkeiten, die der Wind hier bietet, noch nicht ganz ausgeschöpft sind.“

Ansonsten ist Haller aber erst einmal froh, dass zum Beispiel der zweimanualige und damit für ein Dorfinstrument üppige Spieltisch in Gerstetten all die Jahre erhalten blieben und nicht wie in Söhnstetten, wo eine ähnliche Spielanlage vorhanden war, einfach weggeworfen worden ist. An der Freude ändert auch der Umstand nichts, dass das Spielen der Orgel in Gerstetten alles andere als bequem ist. „Man sitzt hier wie der berühmte Affe auf dem Schleifstein, mit ganz ausgestreckten Armen und dem Dauerdruck der Kante des Prospekts im Rücken.“ Die Tasten, ebenfalls interessant, sind relativ kurz, was ein pianistisches Orgelspiel mehr oder weniger unmöglich macht.

Kein Zuckerschlecken war in Gerstetten mit Sicherheit auch der Dienst des Kalkanten, also desjenigen, der vor der Elektrifizierung in Fußarbeit den Wind in die Orgel treten musste, wie das sein vom Verb calcare herbeilateinisierter Name schon sagt. Denn während in Dischingen, wo Manfred Kubiak bereits die Orgel treten durfte, ein Schöpfbalg zu bedienen ist, auf dem sich der Kalkant ähnlich wie auf einem Cross-Trainer auf der Stelle bewegt, steht in Gerstetten ein Kastenbalg, in den man Wind pumpt, indem drei steigbügelartige Vorrichtungen per Fuß nach unten bewegt werden müssen, was nicht nur einen komplizierteren Trettanz bedeutet, sondern ebenso einen wesentlich höheren Kraftaufwand erfordert. Und dies nicht nur, weil die Orgel in Gerstetten mehr Wind benötigt als die in Dischingen. „Nicht bloß der Organist, auch der Kalkant muss hier ein Künstler sein“, schnauft Kubiak und ist heilfroh, als Arthur Penk endlich geruht, auf den Knopf für die elektrische Windversorgung zu drücken.

Ein etwas leidiges Thema, nicht nur in Gerstetten, ist der Schimmel in der Orgel. Zwar konstatiert Thomas Haller „einen relativ moderaten Befall“, nichtsdestotrotz aber leidet im Innern des Instruments zumindest die Ästhetik. Und wie kommt der Schimmel überhaupt in die Orgel? Haller erklärt es so: „Das hat etwas mit dem Lüftungsverhalten, etwas mit dem Heizungsverhalten und etwas mit unseren Wintern zu tun, die in den vergangenen fünfzehn Jahren nie mehr so kalt waren, dass die Kirchenmauern ganz austrocknen konnten. In der Folge bleibt auch der Innenraum immer leicht feucht. Und wenn dazu noch die Kirchen und deren oft inzwischen doppelt verglaste Fenster meist geschlossen sind, also keine Luftbewegungen im Inneren stattfinden, dann kann sich, auch im Zusammenhang mit schnellem Heizen und schnellen Abkühlen im Winter, Schimmel bilden.“

Ein Lied vom Lüften insbesondere in der Michaelskirche kann Mesnerin Barbara Flad singen. „Ich kann zwar bei offenen Türen querlüften, aber das bewegt die Luft vielleicht bis in zwei Meter Höhe.“ Und damit hat es sich dann schon, denn die Michaelskirche verfügt gerade mal über ein halbes Fensterchen auf der Südseite, das tatsächlich auch geöffnet werden kann. Lüften wird da schier zur Unmöglichkeit. „Wenn nach einem Wintergottesdienst, für den die Kirche auf 17 Grad geheizt wurde, die Leute den Raum verlassen, ist innen alles beschlagen, ja regelrecht nass“, sagt Barbara Flad. „Da kann man lüften, lüften, lüften, man kriegt es nicht raus.“

Und die Orgel trifft's dann am härtesten. „Hier kann sich im abgeschlossene Gehäuse ein Kleinklima bilden, zumal sich der Schimmel gern auf Staub setzt, der in Orgeln, wenn die letzte Reinigung zehn oder fünfzehn Jahre zurückliegt, zwangsläufig liegen bleibt“, sagt Thomas Haller. Ist der Schimmel erst mal drin, hilft am Ende nur eine Spezialreinigung.

Kann der Orgelschimmel der Gesundheit von Menschen gefährlich werden? Thomas Haller: „Die Schimmelarten, die sich in Orgeln finden, sind in der Regel für gesunde Menschen unbedenklich.“

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