Corona spaltet die Gesellschaft und die Politik verstärkt diese bedauerliche Entwicklung leider durch mehrere sprunghafte Kehrtwenden. Die Impfungen hätten eine Chance sein können, den Zusammenhalt in unserem Land zu stärken. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die neueste Änderung bei der Empfehlung der STIKO beim Vakzin Astrazeneca markiert einen Höhepunkt in der Verunsicherung der Bevölkerung. Als Ende Februar zahlreiche ungenutzte Dosen des bereits damals in der Kritik stehenden Impfstoffs in den Impfzentren lagerten, suchte man in den Gesundheitsministerien flugs nach einer Lösung.

Quasi über Nacht wurden Resteverwerter gesucht und so rückten systemrelevante Berufsgruppen wie Lehrerinnen, Erzieher und Polizisten in der Priorität nach vorne, ohne dass vorab geklärt wurde, wie hoch das Risiko für diese mitten im Berufsleben stehenden jüngeren Menschen bei einer Impfung durch Astrazeneca denn sei.

Im Gegenteil – Politiker überboten sich in ihren Lobeshymnen auf den Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens. Dann traten die bekannten schweren Folgen auf – ein kurzzeitiger Impfstopp wurde von Experten breit diskutiert, um nach einer Woche wieder aufgehoben zu werden. Es wurde hurtig weiter geimpft bis zur traurigen Bilanz schwerer Krankheitsfälle – möglicherweise mit bleibenden Schäden – und neun Toten.

Betroffen sind ausnahmslos berufstätige Menschen. Untersuchungen ergaben ein sehr viel höheres Risiko für Frauen bis in die Wechseljahre hinein. Nach einem neuerlichen Aussetzen von Astrazeneca lauten die jetzigen Impfempfehlungen nun diametral entgegengesetzt: Sollten bislang Jüngere das umstrittene Vakzin erhalten, sind es nun die über 60jährigen.

Für unter 60jährige kommt Astrazeneca nicht mehr zum Einsatz. Dass sich der Bundespräsident und unser Ministerpräsident mit Astrazeneca impfen haben lassen, ehrt die beiden Politiker, ist jedoch auch keine Vertrauensoffensive, denn männlich und im Alter über 65 gehören sie eindeutig nicht zur Risikogruppe. Das Risiko und die größte Unsicherheit tragen jetzt die 2,5 Mio. Polizistinnen, Pfleger, Lehrerinnen und Erzieher, die unter 60 sind und die erste Impfdosis erhalten haben.

Sie werden vollkommen im Stich gelassen. Es heißt jetzt, die zweite Dosis könne nach Aufklärung von Hausärzten dennoch mit Astrazeneca erfolgen, sofern der Impfling bereit ist, das Risiko eines Impfschadens privat zu tragen und dies zu unterschreiben. Wie bitte? Die Impfkampagne der Bundesrepublik versprach Absicherung im Schadensfall mit sämtlichen zugelassenen Impfstoffen.

Jetzt sollen Risiken auf die Privatpersonen und die Hausärzte abgewälzt werden. Die Übernahme dieses Risikos käme einer Selbstentlassung aus dem Krankenhaus gegen ärztlichen Rat gleich. Die zweite Möglichkeit, nach einer ersten Dosis mit Astrazeneca die zweite Dosis mit einem anderen Präparat zu ‚boostern‘, wird bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit gerade geprüft. Dabei läuft die Zeit für die 2,5 Mio. Geimpften, denn Anfang/Mitte Mai sind die zwölf Wochen zwischen erster und zweiter Impfung vorbei.

Wie steht es hier mit Haftungsfragen? Der eine Hersteller wird Komplikationen auf den anderen schieben und die Betroffenen stehen im Schadensfall im Regen. Nein, liebes Gesundheitsministerium, so geht das nicht! Die Betroffenen haben sich auf ein seriöses Impfmanagement verlassen. Die bereit waren, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, mussten beide Termine in ein und demselben Impfzentrum nehmen. Jetzt sollen diese Bereitwilligen für die zweite Impfung irgendwohin abgeschoben werden.

Es ist ein Skandal, dass man unterschiedliche Impfstoffe mit qualitativ sehr unterschiedlicher Wirksamkeit bestellt hat und dann keine Wahlfreiheit lässt. Es ist ein Skandal, dass man nicht für alle Bundesbürger den Impfstoff bestellt hat, der mit hiesigem Steuergeld entwickelt wurde und im Inland produziert wird. Es ist ein Skandal, dass der

Föderalismus in manchen Bundesländern eine freie Wahl erlaubt. Sollten die 2,5 Mio. einmal Geimpften nicht im angegebenen Zeitraum die zweite Dosis eines ungefährlicheren Vakzins erhalten können, gelten sie als nicht vollständig geimpft. Dann waren die 2,5 Mio. Dosen Erstimpfstoff verschwendet! Ein Schwadronieren über „Rückgabe von Grundrechten für Geimpfte“ kommt zur Unzeit und widerlegt die Beteuerungen der Bundeskanzlerin, dass es diese erst geben kann, wenn allen Bundesbürgern ein Impfangebot gemacht wurde.

Mögliche Hinweisschilder „Nur für Geimpfte“ oder „Nichtgeimpfte müssen draußen bleiben“ an Geschäften, Kinos, Theatern und Schwimmbädern wecken ungute Assoziationen. Wenn das so kommt, ist die gesellschaftliche Spaltung wohl nicht mehr zu kitten. Die Impfreihenfolge ist nach dem neuesten Desaster grundsätzlich zu hinterfragen. Wie wäre es gewesen, die berufstätige Bevölkerung, die seit einem Jahr die Hauptlast der Krise trägt und inzwischen deutlich an die Belastungsgrenzen angelangt ist, vorzuziehen?

Und dazu gehören neben den genannten Berufsgruppen auch andere mit viel wechselndem Personalkontakt, etwa Verkäuferinnen im Supermarkt, niedergelassene Ärztinnen, Logopäden, Physiotherapeuten und Feuerwehrleute, die seit einem Jahr in Hochleistung unter hohen Risiken und Auflagen arbeiten müssen und keine Möglichkeit haben, für eine gute Work-Life-Balance zu sorgen. Die Chance auf gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer der größten Krisen der Nachkriegszeit wurde vertan und das Vertrauen verspielt.

Iris Kettinger, Gerstetten