Dettingen / Christine Weinschenk Häuser aus ausgemusterten Seefracht-Containern, Ferienwohnungen über einem Dettinger Kuhstall, upgecycelte Einrichtung – Standard ist den beiden Unternehmern Nico Hensel und Thomas Kramer zu langweilig.

Hundegebell am Hülbenweg 9. Nichts Besonderes. Besonders ist aber das Haus, aus dem die Laute dringen. Gebaut aus ausgemusterten Seefracht-Containern. Sandra Walsdorf ist vor rund zwei Monaten eingezogen – mit ihren beiden Kindern und zwei Hunden. Sie wohnen in vier Zimmern, verteilt auf zwei Etagen und 125 Quadratmeter. Wie lebt es sich in der Stahlbox? „Einfach toll“, schwärmt die 37-Jährige. „Von innen erinnert nichts an einen Container. Es ist einfach wie ein modernes neues Haus und wir fühlen uns pudelwohl.“

Dass es aber eben doch kein normales neues Haus ist, merkt Walsdorf nicht zuletzt am Interesse, das ihr entgegengebracht wird. Ein Fernsehteam des SWR war bereits da, das ZDF hat sich angekündigt. Und sonntägliche Spaziergänger schauen auch gern mal am Hülbenweg vorbei. „Manchmal ist es ein bisschen viel, aber im Grunde stört mich das nicht“, sagt Walsdorf. „Ich wusste ja, was auf mich zukommt. Das ist eben ein ungewöhnliches Projekt. Und ich liebe das Außergewöhnliche.“

Nun ist Stahl nicht unbedingt dafür bekannt, besonders luftdurchlässig zu sein. Keine Angst vor Schimmel? „Überhaupt nicht“, sagt Walsdorf. „Im Haus wurde eine Hightech-Lüftungsanlage verbaut und die Luft wird kontinuierlich ausgetauscht. Wenn ich heimkomme, fühlt es sich immer an, als sei gerade gelüftet worden.“

Die Idee für das ungewöhnliche Haus auf dem Dettinger Nusser-Areal hatten Designer Nico Hensel (42) und Bauingenieur Thomas Kramer (39). Umgesetzt haben sie das Projekt auch in Eigenregie – vom Innenausbau bis zur Fassadengestaltung. Das erklärt, warum erst eine Hälfte des Doppelhauses bewohnbar ist. Und warum sich die Bauzeit länger als geplant hinzogen hat. Baubeginn war im Oktober 2017. Der „Rohbau“ aus elf Seefracht-Containern stand binnen sechs Stunden. „Wir haben viel ausprobiert und hatten eigentlich nur an den Wochenenden und abends Zeit dafür“, sagt Kramer. Denn ihr Bauunternehmen, die Soewall GmbH, ist offenbar gut ausgelastet. „Wir bauen natürlich auch normale Häuser, wobei Standard immer ein bisschen schwierig für uns ist.“ Schwierig im Sinne von schwer umzusetzen? „Nein, wir machen einfach lieber Sachen, die sonst keiner macht“, sagt Hensel. „Wenn jemand sagt: ,Das geht nicht!‘ Dann kriegen wir Lust darauf.“

Dass man aus Seefracht-Containern ein bewohnbares Haus zaubern kann, mussten die beiden aber eigentlich nicht beweisen. Als günstige Variante zum klassischen Haus sorgt das modulare Bauen schon seit Längerem in der Branche für Gesprächsstoff. Zumal ein gebrauchter Container für 2000 Euro zu haben ist. „Und es gibt viele davon“, sagt Hensel. „Die meisten kommen aus China und es lohnt sich nicht, sie zurückzuschicken.“ Damit wird vermeintlichem Schrott also neues Leben eingehaucht.
Das sogenannte Upcycling steht derzeit hoch im Kurs. Das erleben auch die beiden Bauherren. Aus ganz Deutschland erreichen sie mittlerweile Planungsaufträge für Container-Häuser. Und auch beim Innenausbau war ihnen Upcycling wichtig. Die Fliesen im Badezimmer sollten eigentlich auf dem Bauschutt landen. Stattdessen wurde daraus ein schicker Fliesenspiegel in Mosaikoptik.

Nur noch Container-Häuser zu bauen, ist trotz der hohen Nachfrage aber nicht der Plan von Hensel und Kramer. Dafür lieben sie die Abwechslung zu sehr. Und so gibt es ein weiteres ungewöhnliches Projekt, das kurz vor der Fertigstellung steht. Ebenfalls in Dettingen. In der Weilerstraße 21. Hier empfängt einen nicht Hundegebell, sondern lautes Muhen. Es sind die Kühe von Ernst Häberle. Im Projekt „Ferienwohnungen überm Kuhstall“ ist er der Dritte im Bunde. Man bekam sogar Geld aus dem EU-Leader-Topf zur Förderung von innovativen Aktionen im ländlichen Raum.

Bis vor wenigen Monaten diente das gesamte Stockwerk über dem Kuhstall noch als Getreidelager und Abstellraum für Maschinen. Die Idee für den Umbau stammt von Nico Hensel. „Etwas Überzeugungsarbeit hat er schon leisten müssen“, gibt Häberle zu. „Ich bin eigentlich nicht so der impulsive Typ. Aber für gute Ideen bin ich schon offen.“

Auch in den beiden Ferienwohnungen wurden große Teile der Einrichtung upgecycelt. Die Küche wurde beispielsweise aus alten Stadeltoren gebaut. Die Lampenaufhängung in der Küche aus einem alten kupfernen Kirchendach. Die Wandvertäfelung in den Schlafzimmern besteht aus zusammengesägten Europaletten.

Aber ist Dettingen wirklich attraktiv für Urlauber? Wenn er aufzählt, warum es sich lohnt, in der Region Urlaub zu machen, hört sich Thomas Kramer an, als leite er ein Tourismusbüro. Legoland, Albschäferweg, Tiefer Stollen, Eselsburger Tal – er sprudelt nur so vor Attraktionen. „Es gibt 1000 Dinge. Wenn man hier lebt, nimmt man sie nur nicht mehr so wahr.“ Auch Ernst Häberle hat sich über die Zielgruppe Gedanken gemacht. „Massentourismus kann man mittlerweile doch überall haben. Das hier ist dagegen doch eine Oase. Das ist richtiger Individualtourismus. Und die Leute, die kommen werden, wissen das auch zu schätzen.“  Und tatsächlich gibt es für Juni schon die ersten Reservierungen.

Aus Alt mach Neu

Beim Upcycling erhält Müll ein zweites Leben. Scheinbar nutzlose Dinge oder Abfallprodukte werden in neue und einzigartige Produkte umgewandelt. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Englischen up (nach oben) und Recycling (Wiederverwertung).

Das Doppelhaus in Dettingen besteht aus elf Seefracht-Containern – aufeinander- und nebeneinandergestapelt. Acht davon sind 40-Fuß-Container mit einer Grundfläche von jeweils etwa 24 Quadratmetern und einer Höhe von knapp 2,7 Metern. Eine Haushälfte hat vier Zimmer und umfasst 125 Quadratmeter. chw